Stationen meines Aufwachens (3): Die Shopping-Mentalität der Gemeinden

In einer zehnteiligen Serie berichte ich über meine geistliche Reise der letzten zehn Jahre, aufgrund derer ich der Überzeugung bin, dass der sog. "Evangelikalismus" vor einer grundlegenden Entscheidung steht bzw. sich innerlich schon gespalten hat.

David F. Wells spielt in meiner geistlichen Reise der letzten zehn Jahre eine wichtige Rolle. In Afrika gross geworden, während den 1960ern mit Martin Lloyd-Jones und John Stott in Berührung gekommen, verbrachte er einige Jahre in l’Abri (siehe mein Interview mit Wells). Wells hat eine monumentale Kulturkritik der Gegenwart aus „evangelikaler“ Optik geschrieben. Ich habe alle sechs Bände ausführlich rezensiert. Seine Drei-Kontinenterfahrung Afrika, Europa, Amerika und seine jahrzehntelange Forschung, aber auch seine demütige Gesinnung machen ihn zu einem für mich glaubwürdigen Experten.

Eine wichtige Einschätzung, der ich weitgehend zustimme, ist Wells‘ Charakterisierung seit den 1970ern:

In den Nachkriegsjahren haben sich die Evangelikalen um zwei Kernüberzeugungen gesammelt, nämlich die volle Autorität der inspirierten Schrift und die Zentralität von Jesu stellvertretendem Sühnetod (S. 5). Dem folgte eine anhaltende Schwächephase durch steigende Gleichgültigkeit gegenüber biblischer Lehre. „Das Christentum  wurde zunehmend  auf private, innere, therapeutische Erfahrung reduziert.“ (S. 8) Zudem wurde der Glaube von der lokalen Gemeinde losgelöst. „Der Glaube wurde individualistisch, selbst-fokussiert und konsumorientiert“ (S. 11). Das zweite große Segment seit den 1980er-Jahren bilden die sogenannten „Marketers“. Sie holten mit dem Argument „wir behalten die alte Botschaft, verpacken sie einfach neu“ Businessstrategien in die Kirche. Wells vergleicht Gemeinden mit den Einkaufszentren: Wir holen uns, wann wir es wollen, das, wozu wir gerade Lust haben. Dies bereitete den Boden für eine nächste Generation, die Emergenten. Sie sind besonders skeptisch gegenüber Macht und Strukturen. Sie schließen sich in losen Netzwerken zusammen. Was von den „Marketers“ inhaltlich ausgehöhlt worden war, besetzen sie mit einem Sammelsurium von neuen Inhalten. Sie experimentieren mit anderen Gottesdienstformen. Die Diagnose stimmt nachdenklich: „Ich weiß nicht, was die evangelikale Zukunft sein wird, aber ich bin sicher, dass der Evangelikalismus keine gute Zukunft hat“ (S. 21). Zumindest dann, wenn keine Kursänderung gelingt.

Os Guinness, Religionssoziologe, stellt ähnliches fest, wie ich in einer Rezension schrieb:

Uns plagen nicht Kirchen-Einkaufscenter, aber die Shopping-Mentalität. Die Folgen von Management, Marketing und zielgruppengerechter Sprache machen sich erst nach Jahren bemerkbar, und zwar in der Folgegeneration. Diese spiegelt uns zurück: Mit dieser Art von Kirche können wir nichts anfangen. Damit haben sie uns etwas über ihre „Konditionierung“ verraten: Sie sind es sich von klein auf gewöhnt, Kirchen-Dienstleistungen zu konsumieren und sie aus der Sicht des Verbrauchers als „langweilig“ und „out“ zu etikettieren.

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