Stationen meines Aufwachens (5): Endlich steht jemand auf!

Alles, was ich bisher geschildert habe, hätte man unter dem Etikett "Freak" oder "Schwarzmaler" abbuchen können. "Die Hütte" – ein Buch, das uns die Liebe Gottes nahebringt! Der Schrei der Wildgänse – eine Geschichte, die den Schmerz vieler Gemeinde-Geschädigten auf den Punkt bringt. "Die Liebe siegt" – ein Buch, das endlich mit der finsteren Hölle aufräumt und am Puls der Zeit geschrieben ist (der Verfasser Rob Bell wurde zum Willow-Kongress eingeladen). In den Predigten sind wir "sucher-sensibel", "zeitgemäss". Wir werfen nicht mit Bibelsprüchen um uns. Wir sind kulturell affin und überhaupt auf der Höhe der Zeit. Und wir wollen ja nicht zum Orgelspiel, der "Sprache Kanaans" und der strengen Kleiderordnung zurückkehren. Unsere Kinder sollen sich wohl-fühlen, deshalb sind niedrig-schwellige Angebote gefragt. Ganz ehrlich: Über einige Jahre kam mir ziemlich viel Unverständnis entgegen. Die Frommen wollen ihren Frieden, keinen Schwarzmaler. Und auch keinen, der seine Kinder zu Hause unterrichtet.

Doch dann kam der Wendepunkt. Welcher? Er kam in der Person von Ulrich Parzany. Gespannt folgte ich der Debatte, die dem legendären Vorweihnachts-Interview mit dem damaligen Vorsitzenden der Deutschen Evangelischen Allianz, Michael Diener, geführt wurde. "Ein Altherrenverein geht in den Widerstand!" rauschte es durch die Facebooks-Threads, als Parzany, Landeskirchler, Evangelist und ehemaliger CVJM-Generalsekretär zum Treffen nach Kassel lud. In der Schweiz bliebt auch da alles still, so wie ich es mir gewöhnt war. Die Offiziellen von Allianz und Seminarstätten scheinen sich nur noch für Armut und Fremdenhass zu interessieren. Theologie – verkopfter Schwachsinn. Erfreut und erwartungsvoll beobachtete ich die Vorgänge in unserem Nachbarland.

"Innerer Riss innerhalb deutscher Evangelikaler tritt zu Tage", lautete ein Post Ende 2015. Endlich, es war ja überfällig. "Die Debatten um die christliche Sexualethik oder das richtige Verständnis von Mission sind allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Es geht um viel mehr, nämlich um den Wahrheitsanspruch der christlichen Offenbarung, die Bibelfrage und unsere theologische Arbeitsweise (Methodologie)."

Ende Januar 2016 schrieb ich: "Der Richtungskampf der Evangelikalen – es geht um das Wesentliche". "Als Schweizer blicke ich auf einige Anlässe der letzten Jahre in unserem Land zurück: Greg Boyd zeigte sich auf Chrischona und lehrte den Open Theism, Volf fuhr nach Fribourg und alle pilgerten hin, Brian MacLaren sprach in Zürich und wurde vom hiesigen IGW-Seminar warm promotet. Irritiert habe ich mir die Augen gerieben. Warum wendet niemand etwas dagegen ein? Kann jeder lehren, was er will? … "Ich fühle, also glaube ich." Diese Formel bringt die unbewusste Denk- und Glaubenshaltung vieler sogenannter "Evangelikaler" auf den Punkt. Nicht nur wurde das Denken stark abgewertet, es wurde geradezu als Hindernis für eine "authentische Spiritualität" hingestellt. Die pragmatische Orientierung – wahr ist eben das, was funktioniert – liess sich gut einer aktionistischen Diesseits-Orientierung verbinden. Soziale Anliegen wurden in den Vordergrund gestellt."

In einem dritten Beitrag "Nachbetrachtung" griff ich die harten Debatten in den Sozialen Medien auf. ""Verschiedene Vertreter haben das Treffen (um Ulrich Parzanys) Altherrenverein gebrandmarkt. Sie sprechen von einem arroganten, elitären Wächterrat, der nun entstanden sei. Ich wandte ein, dass diese Vertreter die Aufgabe eines Hirten, nämlich das Wächteramt, zu Recht wahrgenommen hätten. … Weshalb schätze ich diese Diskussion so wichtig ein? Sie betrifft unsere nächste Generation. Welchen Glauben bekommen sie vorgelebt? Ich stelle bekümmert fest, dass man zwar irgendwo über geschriebene Bekenntnisse verfügt. Dort steht in aller Regel auch etwas von einem "irrtumslosen Wort Gottes". Doch es ist entscheidend, ob wir dieses Bekenntnis in allen Lebensbereichen auch umsetzen! Unsere Vorstellung von einem heilig-liebenden Gott, die Zentralität des Kreuzes, das Wissen um unsere völlige Unzulänglichkeit als Sünder, das Bewusstsein der Wichtigkeit der Kirche als Institution beeinflussen unsere täglichen Prioritäten."

Mit Armin Mauerhofer, Gemeindegründer und langjähriger STH-Professor, meldete sich im Juli 2016 endlich auch ein Schweizer Vertreter. "Ich habe Angst, dass die Evangelikalen statt die Auseinandersetzung die Anpassung suchen. Man sucht die Anpassung etwa in den Fragen des Frauenpastorats, der Homosexualität, des vorehelichen Geschlechtsverkehrs, der Scheidung und Wiederheirat. Die Bibel vertritt in all diesen Bereichen klare Standpunkte. Die Evangelikalen passen sich aber immer mehr an." Im Lauf des Jahres setzte (endlich) auch ein intensiver Dialog mit jungen Schweizer Pastoren ein.

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