Replik zum Offenen Theismus: Gott hat alles unter Kontrolle

Trotz aller Bemühung: In meiner Stellungnahme zum Offenen Theismus haben sich Fremdwörter gehäuft. Einige Argumente waren sicherlich schwierig zum Nachvollziehen. Mit der freundlichen Genehmigung von idea spektrum (ideaSpektrum CH Nr. 7-2018) veröffentliche ich die Replik von Felix Aeschlimann, Direktor des Seminars für biblische Theologie Beatenberg und Dozent für Systematische Theologie, Exegese Neues Testament und Homiletik.

Seit Tausenden von Jahren schöpfen die Gläubigen Israels und der Kirche Kraft und Hoffnung in der Gewissheit, dass ihr Gott souverän über alles Geschehen in dieser Welt herrscht. Nichts entgeht seiner Kontrolle, nichts liegt ausserhalb seines Wissens. In unzähligen geschichtlichen Ereignissen, Prophetensprüchen, Liedern und anderen Schriften des Alten und Neuen Testaments wird Gott als der allmächtige und allwissende Schöpfer, Erhalter und Lenker aller Dinge beschrieben und verehrt. Diese Haltung finden wir auch einheitlich in der rabbinischen Literatur und bis zum Aufkommen der liberalen Theologie wurde sie ebenfalls von der überwältigenden Mehrheit der Christen geteilt, mit Ausnahme von unbedeutenden Irrläufern wie dem Sozinianismus.

Nie kamen die Gläubigen auf die Idee, dass sie deshalb keine Verantwortung mehr für ihr Handeln hätten oder sie nur Marionetten in Gottes Hand wären. Heute startet man einen neuen Versuch, die Freiheit des Menschen (und offensichtlich auch die der Natur und des Teufels) mit einem Gottesbild zu schützen, das selbst Arminius und sogar Pelagius mit ihrer Betonung des freien Willens schockiert hätte. Jedes Mal, wenn Theologen wie Manuel Schmid Christen ermutigen, „sich theologisch auf neues Gebiet zu wagen“, sollten die Alarmglocken schrillen, denn was gibt es in der christlichen Theologie nach 2000 Jahren fundamental Neues zu entdecken? Waren unsere Vorfahren nicht fähig, Gottes Wort richtig zu interpretieren?

Als Vertreter des Offenen Theismus (OT) versteht Schmid die Geschichte Gottes mit den Menschen als ein ergebnisoffenes Abenteuer. Auch wenn ich einige Anliegen des OT verstehen kann, bleibt er für mich eine Sichtweise, die der biblischen Evidenz in keiner Weise gerecht wird. „Ergebnisoffen“ bedeutet in letzter Konsequenz, dass Gott die Ausgänge seiner Pläne nicht kennt und mit seinem „Unternehmen“ Mensch ein hohes Risiko eingeht. Der OT behauptet zwar, Gott könnte am Schluss schon irgendwie „das gute Ende der Geschichte sicherstellen“, er kenne bloss die Details der zukünftigen Geschichte nicht im Voraus und müsse darum immer wieder seine Pläne ändern und ad hoc reagieren. Wie soll man sich das vorstellen? Kann ich das Reiseziel erreichen, wenn ich bereits auf einer Teilstrecke scheitere? Wer kann mir garantieren, dass ich im Flugzeug sicher von Zürich nach Paris reise, wenn bereits eine gelöste Schraube einen Absturz verursachen kann? Es ist offensichtlich: Wenn das Gesamtresultat stimmen muss, dann dürfen auch die Teilergebnisse keine Fehler enthalten. Der OT verteidigt sich in diesem Fall mit dem Hinweis auf Gottes Weisheit, die es ihm ermögliche, immer einen guten Ausweg zu finden. Tatsächlich? Wenn Gott nicht wirklich allmächtig und allwissend ist, dann ist auch nicht garantiert, dass er stets die richtige Entscheidung trifft bzw. überhaupt fähig ist, seine Ziele zu erreichen.

Wer die Zukunft nicht kennt, kann nichts versprechen

Wenn Gott die Zukunft nicht endgültig kennt, dann gleichen seine Versprechen lediglich denen eines Zukunftsforschers, der aufgrund einer Auswertung unzähliger Daten bisheriger Entwicklungen eine Prognose abzugeben wagt. Ob er damit richtig liegt, werden wir erst in der Zukunft wissen. Entsprechend könnten wir bei Gott erst nach dem Eintreffen seiner Vorhersagen sicher sein, dass er sich nicht verschätzt hat. Wie kann Gott seinen Rettungsplan für die Menschen von Ewigkeit her bestimmen (1. Petrus 1,20; 2. Tim. 1,9-10), wenn er noch nicht einmal weiss, dass die Menschen sündigen werden? Wie kann er die Verwirklichung seiner ewigen Pläne prophetisch voraussagen, wenn er nicht von vornherein weiss, wie entscheidende Exponten seines Plans (z.B. Abraham, David oder Jesus) reagieren werden? Man muss biblische Prophetie nicht als Wahrsagung interpretieren, um zu erkennen, dass Gott zum Beispiel die menschliche Herkunft, den Geburtstort oder die Todesart des Messias nicht dem Zufall überliess, sondern von Ewigkeit her bestimmte, es sei denn man versteht biblische Prophetie stets als vaticinium ex eventu, eine Weissagung also, die nicht vor, sondern nach dem entsprechenden Ereignis ausgesprochen wird. Doch wie sicher können wir uns in diesem Fall der Verwirklichung der neuen Erde und des neuen Himmels sein (Jes. 65,17-25; Offb. 21 und 22)? Die Flucht in Aussagen wie „Gott kann sich ja vornehmen, in zwei, zehn oder hundert Jahren etwas zu tun“ hilft hier nicht weiter, ausser der OT vernichtet seine eigene These von der Freiheit der Schöpfung.

Ein nicht allmächtiger Gott, ist kein Gott

Schmid bevorzugt einen Gott, „der nicht alles unter seiner Kontrolle hat, dafür aber nicht für alles verantwortlich gemacht werden muss“. Ist er sich der Konsequenzen dieser Aussage bewusst? Gott wird auf die Stufe der Götter Homers heruntergeholt. In dessen Geschichten begeben sich diese tatsächlich auf ein Abenteuer mit den Menschen, können viele Ereignisse nicht verhindern und müssen tun, was sie nicht wollen. Wenn jedoch unserem Gott die Kontrolle auch nur über ein einziges Atom entglitte, wäre er nicht Gott. Gottes absolute Kontrolle über alles, ist nicht nur eine calvinistische Idee, sondern die Überzeugung aller Christen (Eph. 1,11). Natürlich kann Gott Ereignisse auch im zulassenden Sinn im Voraus bestimmen. Wenn er aber ein bestimmtes Ereignis zulässt (z.B. den Sündenfall) und dieses nicht verhindert, dann wollte er es so. Es ist selbstredend, dass der OT deshalb sowohl Gottes Allmacht wie auch sein Allwissen ablehnt bzw. neu definiert, denn wenn wir beides postulieren, befindet sich letztlich jedes Ereignis im Willen Gottes. Geschieht tatsächlich etwas, das Gott nicht verhindern kann, ist er nicht Alleinherrscher. Ein einziges Atom könnte die perfekten Pläne Gottes zerstören. Sinngemäss heisst es in einem Lied: Wegen eines fehlenden Nagels ging das Hufeisen verloren, dann das Pferd, dann der Reiter, dann die Schlacht und schliesslich der Krieg.

Wer seine Pläne immer wieder ändert, ist nicht allwissend

Vertreter des OT würden hier zustimmen, denn für sie ist Gott nicht im klassischen Sinn allwissend und allmächtig. Dabei verweisen sie auf biblische Ereignisse, bei denen Gott angeblich seine Meinung geändert und seine bisherigen Pläne über Bord geworfen habe (z.B. 1. Mose  6,7; 1. Sam. 15,11; Jona 3,10). Bemerkenswert: Schmid warnt, dass man poetische Stellen wie Psalm 139, die Gottes Plan für das individuelle Leben beschreiben, nicht überstrapazieren darf, legt jedoch anthropomorphe Sprache, die von Gottes „Reue“ reden, wörtlich aus. Wie andere Vertreter des OT beschreibt er Gott mit dem Bild des Menschen und nicht umgekehrt. Was für den Menschen gilt, das gilt auch für Gott. Dabei geht vergessen, dass trotz unserer Ähnlichkeit mit Gott signifikante Unterschiede zwischen uns und ihm bestehen (Jes. 55,8-9; Röm. 11,33). War es tatsächlich ein Fehler, dass Gott Saul zum König machte? Nein, denn nur einige Verse später lesen wir, dass Gott nichts bereut, weil er eben gerade kein Mensch ist (1. Sam. 15,29). Gott ändert weder seinen Charakter noch seine Pläne, vielmehr ist seine Reue ein Ausdruck des Bedauerns dem veränderten und sündigen Verhalten der Menschen ihm gegenüber.

Eine „nicht alles kontrollierende Allmacht“ ist kein Trost

Wer sich einseitig nur auf Gottes Liebe konzentriert, steht in der Gefahr, den Sündenfall als den eigentlichen Grund für Disteln, Dornen, Schweiss, Schmerzen und Tod in dieser Welt auszublenden. Wir leiden nicht wegen evolutionärer Prozesse oder weil der Teufel herrscht, sondern weil Gott diese Erde verflucht hat. Ein Gott, der nicht alles souverän kontrolliert, ist zwar aus der Verantwortung für die Not der Welt entlassen, doch die Menschen werden sich selbst, den Naturgewalten, der Bosheit anderer Menschen oder gar dem Teufel überlassen. Bei Vertretern des OT wie Gregory Boyd spielt deshalb nicht nur die Freiheit des Menschen, sondern auch die Dämonologie eine zentrale Rolle. Doch an wen sollen sich die Menschen wenden, wenn sie leiden? An einen Gott, der Böses nicht verhindern kann, weil er die Freiheit des Menschen über alles stellt? Ein schwacher Trost für die Verkäuferin, die unter dem Mobbing ihrer Mitarbeiter leidet und Gott bittet, diese Menschen zu stoppen. Da helfen auch Floskeln wie „Allmacht der Liebe Gottes“ oder „Gott konsequent als Liebe denken“ nicht weiter, wenn diese Liebe aus Rücksicht auf die Freiheit der Menschen nicht eingreift.

Gott als souveränen Herrscher zu akzeptieren, fällt schwer

Der Gott des OT ist nicht der Gott der Juden und Christen. Hier wird eine rote Linie mit verheerenden Konsequenzen für Glauben und Kirche überschritten. Mit notdürftig therapeutischen Argumenten versucht der OT, Gottes Pläne und Handeln in dieser Welt zu erklären. Dies geschieht, indem er die Menschen ins Zentrum rückt und Gottes Erhabenheit und Souveränität massiv schmälert. Wie die Freunde Hiobs legt der OT seine gewünschten Antworten Gott in den Mund. Doch Gott hat es nicht nötig, dass Menschen sein Handeln verteidigten, noch schuldet er Hiob eine Antwort auf dessen vielen Fragen. Vielmehr zeigt er ihm den überragenden Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf. Nicht auf eine einzige der der vielen Fragen Gottes weiss Hiob eine Antwort. Hiob zeigt aber die richtige Reaktion: „Ich habe erkannt, dass du alles vermagst; kein Vorhaben ist dir verwehrt. Wer ist es, der ohne Einsicht den Rat verdunkelt? So habe ich denn im Unverstand geredet über Dinge, die zu wunderbar für mich und unbegreiflich sind.“ (Hi. 42,2–3).

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