Input: Sex im nach-säkularen Westen

Passendes Buch:

Alastair Roberts, Theologe und Ethiker (Twitter, Blog), schrieb einen ungemein anregenden Bericht über die kontroverse Neuerscheinung des Soziologen Mark Regnerus unter dem Titel Cheap Sex: The Transformation of Men, Marriage, and Monogamy. Er hatte Zugang zur Umfrage 2014 Relationships in America mit 15'000 Teilnehmern. Dazu gehörten 100 detaillierte Interviews mit jungen Menschen.

Die Fragestellung: Wie beeinflussen gesellschaftliche Veränderungen ("Shifts") das Denken und Handeln Einzelner?

Anthony Giddons stellte 1992 in seinem Buch "The Transformation of Intimacy: Sexuality, Love and Eroticism in Modern Societies" den massiven Einfluss der Verhütungsmittel auf das Verhalten des Einzelnen fest. Es ginge um mehr als um das Begrenzen von Schwangerschaften. Neben dem Einfluss auf die Familiengrösse bedeutete es einen tief greifenden Wandel für das persönliche Leben. Die Sexualität wurde zu einem potenziellen Eigentum des Individuums, damit für die Vorlieben des Einzelnen verfügbar.

Drei Faktoren veränderten den "Markt" der Sexualität nachhaltig: (a) das Einnehmen der Pille, (2) der einfache Zugang zur Pornografie und (3) das Entwickeln von Internet-Dating-Plattformen.

Männer und Frauen zeigen nach Regnerus ein unterschiedliches Verhalten in Beziehungen. Männer verfügen über ausgeprägteren sexuellen Appetit und erobern Frauen, um diesen Appetit zu stillen. Die Frauen tragen natürlicherweise die grössere Last des Gebärens und Aufziehens von Nachkommen. Diese Kosten sind durch die Verhütungsmittel gesunken – mit einem paradoxen Effekt: Frauen zahlen einen tieferen "Preis" für das Ausleben der Sexualität, verlieren aber gleichzeitig die Rolle als "Gatekeeper". Die Frauen wollen zwar Männer, die Männer sind jedoch durch die Angebotsvielfalt weniger auf sie angewiesen. Das wiederum führt zur Situation, dass manche Frauen zwar erfolgreich ihre Karriere vorantreiben, jedoch zunehmend unzufrieden mit der Qualität ihrer Beziehungen sind. Dies hat mit der sinkenden Verbindlichkeit der Männer zu tun. Sie müssen sich nicht mehr festlegen. Weil Sex "günstig" verfügbar ist, müssen sie nicht mehr im gleichen Ausmass Verantwortung übernehmen. Die Frauen geraten in einen intensiven Wettbewerb, weil ihr "Wert" relativ abgenommen hat. Wegen der weiblichen Konkurrenz sind sie zu grösserer sexueller Offenheit gezwungen.

Das Resultat ist ein Modell romantischer Beziehung. Beziehungen sind (a) vorläufig (wegen Alternativen), (b) gleichgerichtet organisiert. (c) Geschmack und Emotionen sind ihr Barometer, (d) Eroberung das Schlüsselziel. (e) Sie können den Willen des Einzelnen nie übertrumpfen. Dieser ist der Beziehung vorgelagert. Weil die Interessen des Einzelnen die Partnerschaft dominieren, ist eine dauerhafte Ehe nicht nur unattraktiv, sondern latent gefährdet. Die Frauen sind ökonomisch unabhängiger, und es gibt für beide Partner jederzeit Alternativen.

Roberts vergleicht diesen gesellschaftlichen Zustand mit der Mondlandung des Menschen. Der Mensch verlässt seinen natürlichen Raum der Behausung. Er schwebt vermeintlich durch den Raum. Die herkömmlichen "Gesetze" sind ausser Kraft gesetzt. Sexualität wird zum Stilmittel, zum Versuchsfeld der ständigen Neudefinition von Identität. Über die Online-Plattformen ist der Zugang zu einer grossen Bandbreite von Vorlieben 24 Stunden am Tag geöffnet. Auch die Möglichkeiten der Selbst-Befriedigung durch die Kombination von Pornografie und Masturbation nimmt den Zug des Alltäglichen an. Scheinbar wird die Sexualität so aus dem Rahmen der Gemeinschaft herausgenommen und in den Freiheitsbereich des Einzelnen verpflanzt.

Robert klärt einige Denkvoraussetzungen. Interessanterweise geht die Studie nach wie vor von unterschiedlichen Interessenslagen der beiden Geschlechter aus – unabhängig davon, in welcher Form sie Sexualität ausleben. Offenbar gibt es den gesellschaftlichen Trends vorgelagerte biologische Fakten. Diese Überlegungen sind ungemein wichtig für Pastoren und Jugendarbeiter, aber auch für Eltern: Das Modell romantischer Beziehung dominiert das Erleben und Empfinden der Heranwachsenden. Wechselnde sexuelle Vorlieben sind für sie ebenso selbstverständlich wie das tägliche Masturbieren. Sexualität wird ihnen als natürlicher Trieb präsentiert, den sie möglichst zeitnah zu befriedigen haben. Der Wille des Einzelnen steht im Vordergrund. Langfristige Bindung und die Überlegung für die Nachfolgegeneration(en) treten in den Hintergrund.

Ich würde sagen: Höchste Zeit für das Auf- und Ausleben eines biblischen Modells der Ehe als einer lebenslangen Solidar- und Totalgemeinschaft.

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