Buchbesprechung: Querlesen im Wörterbuch der Pädagogik

Zwischendurch schnappe ich mir ein Lexikon und lese Artikel quer. So habe ich das letzthin mit dem "Wörterbuch der Pädagogik" getan. Das waren meine Erlebnisse:

Das Wörterbuch ist eine Neufassung eines 1931 begründeten Werkes. Der Editor Winfried Böhm stellt fest, dass sich die Fachsprache erneuert und differenziert habe. Die Zahl der Einrichtungen ist enorm gestiegen, neue Fragen und Denkweisen sind entstanden. Popularisierung hätte auch zu Verkürzungen geführt.

So findet man die Namen wichtiger Philosophen (z. B. Platon, «Paidaia bedeutet für P. Formung in und um der Gemeinschaft willen, zugleich aber auch Hingabe an eine objektive Sache.» oder Comenius, der jedoch wenig prägnant und sehr kurz dargestellt wird). Rousseau wird als der Begründer eines utopischen Modells einer natürlichen Erziehung gesehen. «Ausgehend von der These der natürlichen Gutheit des Menschen hat die Erziehung zunächst nicht direkt einzugreifen, sondern im Gegenteil nur ‘negativ’ diese Gutheit zu bewahren.»

Weiter zu den Fachbegriffen. Ein Lehrplan ist «die geordnete Zusammenfassung von Lehrinhalten, die während eines vom Plan angegebenen Zeitraums über Unterricht, Schulung oder Ausbildung von Lernenden angeeignet und verarbeitet werden sollte» (Blankertz). Dass auch die fraglose «Übernahme traditiren Normen oder in der Übertragung allg. gesellschaftl., relig. Oder ideologischer Ziele und Werte» darin einfliessen, wird eingestanden.
Über die Kritische Theorie ist nur ein dünner Eintrag zu finden. Die «instrumentelle Vernunft» wird blind fremden Zwecken dienstbar gemacht. Kritisches Wissen richte sich «gegen jede Form der Herrschaft von Menschen gegen Menschen».

Die geisteswissenschaftliche Lerntheorie sieht «Erziehung und Bild als geistigkulturelles und geschichtl. Phänomen» an. Sie beherrschte die Pädagogik bis in die 1960er-Jahre und erlebe eine Renaissance in der Lebensphilosophie. Der Schwerpunkt der Psychoanalyse bestehe in pädagogisch-praktischer Hinsicht, nämlich bei schwierigen Situationen in der Erziehung zu unterstützen.

Die einzelnen Länder erhalten einen ausführlichen Beitrag. So ist von der Schweiz zu lesen, dass die Hoheit der Bildung weitgehend bei den Kantonen liege (Föderalismus). Bei China ist zumindest am Schluss in einem Satz zu lesen, dass die Kommunisten eine «Erziehung in ihrem Sinn» anstrebten.

Natürlich hielt ich Ausschau nach dem Heimunterricht (Homeschooling). Wie ich vermutet hatte, ist dieses Schlagwort in einem deutschen Werk nicht abgebildet. Dafür habe ich einen interessanten Kurzabriss zum Begriff «Bedürfnis» gelesen und das (hehre) Ansinnen, dass Erziehung falschen und unwahren Bedürfnissen entgegen zu arbeiten habe. Der Hochbegabtenforschung werde in Deutschland «noch nicht jene qualitative Eigenständigkeit und quantitative Ausdehnung erreicht» wie in den USA, die der Exzeptionalität seit langem Beachtung schenke.

Dafür sind «Lifelong Learning» eingeflossen. Man erfährt, dass es auf der UNESCO-Konferenz 1962 zu einem wichtigen Schlagwort wurde. Auch der «heimliche Lehrplan» (hidden curriculum) erscheint als Begriff und wird vor allem in der politischen Sozialisation verortet. Mit der Individualisierung werde versucht, «der mit der Massenschule gegebenen Gefahr der Uniformierung der Lehr- und Bildungsgänge entgegenzuwirken». Erwachsene können Nachweise «schrittweise und kumulativ» im Baukastensystem erwerben.

Fazit: Ein gut zugängliches Werk, dem ab und zu das «Muffige» der doch weit vom Alltag entfernten Bildungstheorie anhaftet. Für den Interessierten ist bei den meisten Begriffen ein kompaktes Verzeichnis wichtiger Artikel und Monografien beigefügt.

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