Kolumne: Wir verätzen die Wurzeln und wollen weiter die Früchte essen

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So hörte ich kürzlich einen Kulturkritiker unsere europäische Situation zusammenfassen. Unser Wohlstand mit dem Komplettpaket Rechtsstaat, Sozialwerke, minutenpünktlichen Bussen und S-Bahnen, Strassen ohne Löchern, Krankenhäusern, Vorfahrt für die Rettungswagen, Schwimmbädern, Fitnessparks – auch für die einfachen Leute – steht auf dem Spiel.

Diese Wohlfahrt kommt irgendwoher. Sie entstammt «Schweiss und Blut» unserer Vorfahren. (Zugegeben: Bei uns in der Schweiz kommt sie auch aus den Einnahmen von über 100 Jahre Steuerflucht. Wer es nicht glaubt, lese mal den ersten Teil von «Die Schweiz im 20. Jahrhundert».) Bin ich stolz darauf ein Schweizer zu sein? Ja, zu einem Teil. Ich bin froh für den Einfluss des Christentums in unseren Breitengraden. Ohne diesen Einfluss würden wir von allen beschriebenen Vorzügen kaum profitieren. (Vishal Mangalwadi hat es eindrücklich im «Buch der Mitte» dargelegt.)

Doch wir sind eine Schnittblumenkultur geworden. Wir haben uns unserer Wurzeln beraubt. Weshalb so pessimistisch? Das kann ich zuverlässig beschreiben: Weil heute jedermann und jedefrau auf dem Markt der öffentlichen Meinung zugelassen ist – ausser den Christen. Die prägenden Einflüsse werden gezielt abgeschnitten. Nicht ganz. In einer Schrumpfform tauchen sie wieder auf, nämlich in Form von hohen Ansprüchen.

Jede Gruppe und Minderheit soll ihre Rechte einfordern können. Das basiert auf einem diffusen Bekenntnis zu Gleichheit. Im Bildungswesen geistert beispielsweise immer noch der realitätsferne Begriff der «Chancengleichheit» umher. Auch wenn Studien uns laufend darüber informieren, dass das Bildungsniveau mit dem Elternhaus zusammenhängt.

Darin besteht unsere Schande: Wir haben unsere Ehre und unser Erbe für ein Linsengericht verhökert. Wir schreien nach Menschenrechten und meinen Konsumationsfreipass. Wir fantasieren von freier Liebe und meinen damit Zerstörung des Bundes, der vor Gott geschlossen wird – zum Nachteil der Schwächeren, nämlich der Kinder. Wir schützen die Haustiere und schlachten die Ungeborenen.

Unsere Schande besteht in der Nonchalance, mit der wir unser Erbe aufgegeben haben. Gott sei’s geklagt. Ein deutliches Anzeichen dafür ist die Rückkehr weg von Recht und Unrecht, Unschuld und Schuld. Wir finden zurück zur Kultur von Ehre und Scham. Ich entdecke sie überall: Vorab in den Schulen, in den Schmieden unserer Zukunft. Ich entdecke sie in der öffentlichen Verwaltung. Und ich begegne ihr auch auf den Gängen des privatwirtschaftlichen Unternehmens. Lass dich nicht erwischen. Schau für deinen eigenen Vorteil. Fleiss, Pünktlichkeit, Sparsamkeit ade, dafür Schinderei, neues Sklaventum, gepaart mit Betäubung durch das Universum der virtuellen Welt und Strandurlaub.

In unseren Kirchen ahmen wir diese Kultur brav nach. Wir bieten unseren Nachbarn eine eigene Form dieser Spiele an. Wir beruhigen unser Gewissen, wenn wir ihnen sporadisch ein paar ihrer eigenen Errungenschaften umsonst mitgeben. Was aber fehlt uns? Es fehlt uns eine Predigt über den Propheten Nahum. «Ein eifersüchtiger und rächender Gott ist der HERR; ein Rächer ist der HERR und voller Zorn; ein Rächer ist der HERR an seinen Widersachern, er verharrt [im Zorn] gegen seine Feinde. Der HERR ist langsam zum Zorn, aber von großer Kraft, und er lässt gewiss nicht ungestraft. Der Weg des HERRN ist im Sturmwind und im Ungewitter, und Gewölk ist der Staub seiner Füße.» (1,2-3) Das ist der rächende Gott des Alten Testaments. Sagen wir.

Wir präsentieren den zahnlosen Liebesgott des Neuen Testaments. Der alle annimmt. Alles offen lässt. Zu unseren Vergnügungen klatscht. Blicken wir doch in die Realität vieler Länder z. B. in Asien. Ist unsere Theologie exportfähig? Wir sind gerade dabei, uns frisch und fröhlich mit dem Heidentum zu versöhnen. Wir führen ein, was sie schon längst kennen: Eine Kultur von Ehre und Schande. Wir schwafeln vom Liebesgott. Nicht dass wir völlig unrecht hätten. In Nahum steht einige Verse später: «Gütig ist der HERR, eine Zuflucht am Tag der Not; und er kennt die, welche auf ihn vertrauen.» (1,7) Doch der Prophet verschweigt nicht, was Ninive, der brutalsten Diktatur der damaligen Welt bevorstand: «Wehe der blutbefleckten Stadt, die voll ist von Lüge und Gewalttat, und die nicht aufhört zu rauben!» (3,1)

Wir sind nicht exportfähig. Unsere Theologie kracht bei der geringsten eigenen Belastung über unseren Zweifeln zusammen. Die Länder Asiens, um beim Beispiel zu bleiben, brauchen auch eine Vorstellung über die Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes. Also genau über das, was Nahum vorstellt. Nur müssen sich die Verhältnisse um 180 Grad kehren. Die Frage lautet nicht: Weshalb hast du noch nicht gemerkt, dass der Liebesgott eine Beziehung mit dir eingehen möchte? Sondern: Weshalb gibt es Hoffnung für uns arme Sünder? (Sünde, was ist das genau? Ja, darüber müsste zuerst lange gepredigt werden.) Weshalb vernichtet uns der gerechte Gott nicht in seinem Grimm?

Die verfolgten Christen auf dieser Welt sind und bleiben unser Mahnmal. Uns, die wir «alles offenlassen» wollen in unserer Toleranzfantasie. Und uns damit jede Möglichkeit selbst verbauen. Die wir niemandem zu nahetreten wollen und damit auf unüberbrückbare Distanz gehen. Keine Angst, andere Weltanschauungen wollen uns schon nahekommen. Sie nehmen uns mit Vergnügen aus und übernehmen auf Anfrage (oder später auch ohne) das Kommando.

Das einzige, was wir zu bieten haben, ist offenbar: Eine Kiste Bier, ein Openair (für das ziehen Jugendliche sogar 20 kg Gepäck mit sich), ein Joint zum Vernebeln des Gehirns und zwei Wochen Strandurlaub – doch bitte nicht in der Türkei oder in Ägpyten? Ist das alles? Für jene ist der Zorn viel realer als für uns. Die Auflösung geschieht über das Opfer von Gottes Sohn, nicht über das Ausblenden von Gottes Zorn.

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