Zitat der Woche: Gott allein weiss, ob du mir verordnet bist – Bullingers Brautwerbebrief

Vom Reformator Heinrich Bullinger (1504-1575) ist sein Brautwerbebrief vom 30. September 1527 an die Dominikanernonne Anna Aidschwyler erhalten. Es ist sehr instruktruktiv seine Gedankengänge zu erfahren. Ich gebe Auszüge in der Fassung von Carl Pestalozzi (1858), orthografisch leicht geglättet, wieder.

Bullinger ruft Gott zum Zeugen an, dass es sein höchstes Streben sei, „Deine Ehre und Wohlfahrt an Leib und Seele zu äufnen (bilden) und zu mehren“. Das tugendhafte Leben stelle sich nirgends „lebendiger dar als im Ehestand, den ja Gott selbst im Anfang der Schöpfung, schon im Paradies eingesetzt und geboten hat“. Es gebe keinen Stand in der Schrift, der „mehr Verheissungen hat als dieser“. Bullinger zählt dann eine Reihe von biblischen Männern und Frauen auf, die im Stand der Ehe gelebt haben. „Hätten sie einen besseren und heiligeren Stand vor Gott gewusst, so hätten sie denselben angenommen“. Der Ehestand ist für Sonnen- und Regentage. „Wenn dann eines krank, fröhlich oder traurig ist, hat es alleweg einen treuen Gefährten, der Lieb und Leid mit ihm trägt.“ „Ja, wo die Ehe mit Gott eingegangen wird, da regiert im Leiden selbst eine unsägliche Freude.“ Er wirft selbst den Einwand auf, warum denn so viel Streit in Ehen vorkomme. Die Entgegnung: „Wenn daher sich im ehelichen Stand etwa Unruhen und Unheil sich finden, so ist dies nicht der Ehe, sondern der Leute Schuld.“ Bei den „jungen Gecken“ sei „Buhlen, Spielen, Saufen, Schwärmen und Wühlen, daheim aber bei dem Weib ist Murren, Schelten, Wüten, Schlagen, aber auch Hunger, Elend, Armut und Verachtung.“

Bullinger selbst ist für sich zum Schluss gekommen, dass „ich mir Dich für diese Zeit zu einem einzigen und ewigen Gefährten auserwählte“. Er beschreibt eindrücklich das Zusammenwirken von Gott und Mensch. „Gott weiss allein, ob du mir verordnet bist, und es hat sich meine Wahl auf Dein Reden und Dein Benehmen gegründet, indem ich mir vorgestellt, du seiest eine solche, in welcher Gottesfurcht und Tugend wohne, und mit der ich in Lieb und Leid und in allem, was Gottes Willen ist, leben möchte. Doch liegt solches noch zum Teil an Dir, zumeist aber an Gott.“ Er schreibe ihr den Brief, um ihren Entschluss zu hören, „ob Gott unser Schöpfer es füge, dass wir diesen freundlichen Stand miteinander beginnen. In diesem allem geschehe der Wille Gottes.“

Bullinger legt ihr daraufhin sein Wesen vor, das heisst, er legt Rechenschaft über seine Persönlichkeit ab. Er sei 23 Jahre alt, niemandem geweiht und kein Leibeigener. Auch habe ihm Gott bisher keine ernsthafte Krankheit geschickt. Allerdings bekomme er bisweilen vom Studieren ein „schwaches Gesicht“ und ein „blödes Haupt“ (womit empfindliche Augen und ein schwerer Kopf gemeint sind). Er verkehre nicht in der Gesellschaft „böser Buben“ und saufe nicht. Er habe auch kein Kind zu ernähren. Die Anwartschaft der Eltern von 1400 Pfund sei ihm zugesprochen. Als Klosterlehrer in Kappel habe er eine Wohnung und „gute Kost“. Der gewissere Schatz jedoch sei Gott, der „gar nicht fehlen kann“. „Der hat mir auch Kenntnisse gegeben, die, wenn ich sie treulich anwende, mir gewiss nichts werden mangeln lassen.“ Er setze also nicht auf Reichtum.

Mit Verweis auf 2. Timotheus 3,12 kündigt er Anna klar, dass Züchtigung zum Leben gehören werde. „Wolltest Du dann klagen, ungeduldig werden und bloss Süsses bei mir suchen und nicht das Saure auch versuchen, so würde es sich nicht schicken.“ Er habe auch keine Geldschulden oder Bürgschaften. „Leib und Leben“ habe er auf sein Lehramt gesetzt. Er sei bereit, für die Wahrheit auch sein Leben zu lassen. Wenn Gott ihnen Kinder schenke, so würden sie diese zu Gottes Ehre und zu „biederen Leuten“ erziehen. „Summa summarum, das ist der grösste, sicherste Schatz, den du bei mir finden wirst, Gottesfurcht, Frömmigkeit, Treue, Liebe, die ich mit Freuden dir beweisen wollte, und Arbeit, Ernst und Fleiss, dass uns auch im Zeitlichen nichts mangle. Also siehst du hier vor Augen, wie du mich haben würdest, wenn Du mit mir das Saure sowohl auch als das Süsse tragen wolltest.“

Dann wollte er von ihr wissen, ob „du mir auch Deinen Willen zu verstehen gebest, schriftlich oder wie es dich passend und gut dünkt“. Sie solle es „unangefochten und frei heraus“ sagen, er habe ihr auch alle Heimlichkeit offenbart. „Lies den Brief drei oder vier Mal, denke darüber nach.“

Mit Verweis auf 1. Timotheus 2 (wahrscheinlich auf V. 15, das Gerettet-werden durch Kindergebären) will er ihre allfälligen Bedenken nehmen, als Dominikanernonne im Kloster zu bleiben – „wenn du deinen jungen Leib also wollest zwischen den Mauern ersticken“. Im Moment gebe es nicht viel zu haushalten, da sie im Kloster Kappel freien Tisch hätten. Und für später brauche sie sich auch keine Sorgen zu machen. „(B)edenke auch, welch göttlich liebes Ding es ist, wo zwei miteinander eins sind, eines dem andern wohl will und sich eines des andern gern annimmt“.

Bullinger schliesst mit den Worten: „Allem geschehe Gottes Wille; der erleuchte dich, dass Du annehmest, was Deiner Seele Heil sei!“

Carl Pestalozzi. Heinrich Bullinger. Leben und ausgewählte Schriften. Elberfeld, 1858. S. 580-588. Der Brief kann im Originallaut online eingesehen (S. 127ff) werden.

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