Vortrag: Das Verschwinden der Freiheit

Os Guinness. A Free People's Suicide. (2014)

Es geht um ein Problem unter der Oberfläche, das hinter zahlreichen anderen Ereignissen unserer Republik (Guinness spricht in den USA) steht. Augustinus sagte schon: Wenn du beurteilen willst, wie es um eine Nation bestellt ist, dann blicke darauf, was ein Volk am meisten liebt. Wenn diese Liebe nobel ist, dann ist es um ihre Gesundheit gut bestellt. Für die USA betrifft dies seit der Gründungszeit ihre Freiheit. Die Gesundheit dieses Staates kann also am Status seiner Freiheit gemessen werden. Viele der Gründerväter waren beseelt von der Idee, eine freie Gesellschaft zu gründen, die für immer frei bleiben würde. Was kann also Freiheit erhalten bleiben?

Der erste Akt dieser Freiheit war die Unabhängigkeit (1776), der zweite, dieser Freiheit einen Rahmen zu geben: Die Verfassung (1778). Freiheit muss geordnet werden. Die Russen und Chinesen taten dies nicht, und die Freiheit entfaltete ihre dämonische Seite. Die dritte Aufgabe ist die härteste: Die Freiheit zu erhalten. Der 28-jährige Lincoln hielt die berühmte Rede „The Perpetuation of Our Political Institutions“ – erstaunlich für sein Alter. Die Nation ist frei und mächtig geworden und hält seine Freiheit für selbstverständlich.

Die Klassiker – Cicero und Polybius – hatten ein klares Verständnis davon, was eine freie Gesellschaft bedroht: Eine externe Bedrohung. Die zweite Bedrohung ist viel subtiler: Die Verderbnis der Gewohnheiten. Die dritte: Zeit. Frische Dinge vergehen und werden Routine. Edward Gibbon antwortete auf seine selbst aufgeworfene Frage, warum Rom fiel, zuerst: Durch die Wunden der Zeit. Wer nimmt diese drei Bedrohungen heute ernst?

Es gilt das Paradoxon: Der grösste Feind der Freiheit ist Freiheit. Keine freie Gesellschaft hatte je dauerhaften Bestand. Freiheit benötigt nicht nur den Schutz durch Gesetze, sondern setzt den Geist der Freiheit voraus.  Freiheit ist zutiefst moralisch. Sie setzt zuerst Ordnung voraus. Diese beginnt bei der Selbstbeschränkung. Freiheit besteht nicht darin das zu tun, was man will, sondern das, was man sollte.

Die drei Beine der Freiheit:
a) Freiheit setzt Tugend voraus. Etymologisch kommt Tugend vom Wort „Mut“ und schliesst alles ein, was Charakter betrifft. Zum Beispiel verstehen die Bewohner die Aufgaben der Bürgerschaft. Der Charakter eines Führers ist deshalb so entscheidend, weil die Geführten ihm auch dann vertrauen können, wenn sie nicht genau wissen, was er tut.  Beispiel aus dem Clinton-Impeachment: Charakter zähle nicht, nur Kompetenz.
b) Tugend setzt eine Art des Glaubens voraus.
c) Glauben setzt Freiheit voraus, und damit ist die Kette vollständig.

Wie ist die Entwicklung des Westens unter diesen Gesichtspunkten zu betrachten? Glaube wurde im 19. Jahrhundert schrittweise privatisiert und galt fortan als öffentlich irrelevant. Dazu gesellte sich im 20. Jh. der Prozeduralismus: Der öffentliche Raum sei eine neutrale Arena von miteinander im Wettbewerb stehenden Interessen. Also kein Platz für Glaube und Tugend im öffentlichen Raum. Komplettiert wird es durch den postmodernistischen Leitsatz, dass keine Wahrheit existiert, sondern alles durch eine Agenda der Macht motiviert sei.

Was sind aktuelle Bedrohungen der Freiheit?
1. Die Entfremdung der Führer. Keine Nation kann langfristig überleben, wenn eine Anzahl ihrer Führer das ignoriert, was die Nation ausmacht.
2. Der Zusammenbruch in der Weitergabe von Werten. Dies geschieht durch Ausbildung und Immigration.
3. Die Verderbnis der Gewohnheiten (corruption of customs). Das jüdisch-christliche Erbe wurde schrittweise abgelöst. Wahre Freiheit ist immer auch Freiheit zu etwas hin. Die zeitgenössische Vorstellung ist hauptsächlich permissiv und darum nicht nachhaltig.

Was ist nötig für einen Umschwung? Zuallererst ist Leadership gefragt. Welcher Führer verkörpert die Vision der Freiheit? Auf diese Frage bekommt Guinness keine Antwort. Zweitens benötigen wir eine Wiederherstellung von civic education. Es braucht Unterricht der Amerikaner für die nächste Generation von Amerikanern. Es braucht Erziehung zur Freiheit.

Die Gründerväter hatten eine klare Vorstellung von Wiederherstellung. A) Was den Juden Exodus war, den Puritanern die Bekehrung, war für den Staat die Revolution als Grundlage für die Bildung des Volkes. B) Was den Juden und den Puritanern der Bund war, fasste für den Staat die Verfassung, ein bindendes Übereinkommen. C) Was die Juden Rückkehr nannten, bezeichneten die Puritaner als Erweckung (revival), kann auf der staatlichen Ebene die Rückkehr zu den ersten grossen Prinzipien beschrieben werden. Es ist in der Verantwortung jeder neuen Generation, dorthin zurückzukehren.

Vortrag: Über Schaeffers „Wahre Wahrheit“

Os Guinness. Francis Schaeffer's "True Truth". (2014)

Os Guinness beginnt mit der Erfahrung aus den 1960er-Jahren. Er besuchte als Student am gleichen Sonntag zwei herausragende Prediger: John Stott und Martyn Lloyd-Jones. Doch erst der Kontakt mit Francis Schaeffer und der mehrjährige Aufenthalt in l’abri ermöglichte es ihm, Gottes Wort mit der sich anbahnenden kulturellen Umwälzung zu verbinden. Deshalb fasst er zusammen: „Francis Schaeffer verdanke ich den Zugang zur Welt.“ Schaeffer war nach Guinness ein hervorragender 1:1 Apologet, denn er nahm Gott ernst, die Menschen ernst und die Wahrheit ernst. Nach wenigen Minuten des Zuhörens standen dem Mann Tränen in den Augen. Guinness erinnert sich an ein ausgedehntes Dinner, als ihn Lloyd-Jones besuchte, und er am Ende 01.30 Uhr die Frage stellte, wie er denn Wahrheit definieren würde.

Einer der charakteristischen Aussagen des Evangelisten und Apologeten war die „wahre Wahrheit“ (true truth). Guinness erzählt von einer Begegnung, als der Betreffende feststellte: „Ich meinte zwar schon früher, dass das Christentum wahr sei, aber dass es so wahr ist, war mir nicht bewusst.“ In einem Zeitalter des grassierenden Skeptizismus, in der das Hauptdogma „Wahrheit ist relativ, betrachter- und standortgebunden“ als Denkvoraussetzung etabliert ist, besteht eine wichtige Aufgabe des Christen darin, die Wahrheitsfrage von Grund auf zu bedenken.

Guinness erinnert sich an die denkwürdigen Aufmärsche in Prag im Jahr des Umbruchs, 1989, als täglich über 300‘000 Menschen Vaclav Havel zuhörten. Er arbeitete heraus, dass das kommunistische System mit Lügen arbeitete. Die Wahrheit aber werde den Sieg davontragen. Auch Alexander Solschenizyn stellte in einer seiner berühmten Reden fest: Ein Wort der Wahrheit wird die gesamte Welt aushebeln. Die Wahrheit zu erzählen, ist in sich ein revolutionärer Akt. Als Nachfolger von Jesus ist es unsere Aufgabe, nicht nur für die Wahrheit einzutreten, sondern Menschen der Wahrheit zu sein in einer Welt, in der das Verkünden der Wahrheit ein solcher Akt ist.

  1. Bedenke die beiden Quellen der Krise: Ideen und sozialer Kontext. Es gibt zwei Richtungen, in welchen die Wahrheit erodiert. Die erste ist die Ideengeschichte. Die wichtigen Denker des 19. und 20. Jahrhunderts vertraten eine relativistische Sichtweise, allen voran Nietzsche mit seinem Perspektivismus (Alter, soziale Klasse, Nationalität). Untergründig geht es um den Willen zur Macht. Im besten Fall ist Wahrheit relativ, im schlimmeren ist sie eine Frage der Macht. Manche Fragen sind jedoch nicht durch die Philosophen, sondern durch die Kultur, in der wir leben, bedingt. So ist die Pluralisierung der Möglichkeiten der Wahl eine Tatsache. Die Menschen sind immer auf der Suche nach der neusten Möglichkeit und vergleichen im Hintergrund mit vielen anderen Optionen, die auch möglich gewesen wären.
  2. Sei ermutigt durch einen Sinn für Geschichte. Die Geschichte lehrt uns, dass der Relativismus die Folge einer Überschätzung des Verstandes darstellt. Skeptizismus ist also die Frucht eines überdehnten Rationalismus, Positivismus (Wissenschaftsgläubigkeit) und Empirismus (Erfahrung der Sinne). Skeptische Perioden dauern nie endlos. Menschen können nicht aufgrund eines konsequenten Skeptizismus leben. Denken wir nur an die Wirtschaft oder den Journalismus. Skeptizismus hebt sich selber auf.
  3. Wenn unser Glaube nicht die biblische Wahrheit zur Grundlage hat, ist er anfällig für Fehlschlüsse. Es ist gefährlich blind zu glauben und nicht in der Lage zu sein Kritikern entgegnen zu können. Für Marx war Glaube Opium, für Freud eine Projektion, für Feuerbach ein Götze (in Umkehr des Ersten Gebots). Glaube ist nicht nur gut, weil er funktioniert oder sich gut anfühlt. Der letztliche Grund unseres Glaubens ist die tiefe Überzeugung, dass er WAHR ist. Auf einer höheren Ebene ist Wahrheit jedoch keine Sache der Philosophie, sondern der Theologie. Unser Herr ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Sein Wort ist Wahrheit. Sein Vater ist die Wahrheit. Sein Wort ist wahr, seine Handlungen sind wahr. Darin ist unser gesamtes Leben und auch das schlimmste Übel eingeschlossen.
  4. Wir betrachten uns als eine freie, offene Gesellschaft. Das ist schnell gesagt. Negativ ausgedrückt: Ohne Wahrheit bleibt letztlich alles ein Machtspiel (power game) und ist für Manipulation anfällig. Es existieren keine unveräusserlichen Rechte mehr. Beispiel Pablo Picasso: Er war unvorstellbar grausam gegenüber seinen vielen Frauen. Bei seinem Tod begingen drei enge Vertraute Selbstmord. Nur eine Frau hat ihn vergleichsweise unbeschadet überlebt. Ihre Begründung: „Ich trug ihm gegenüber jeden Tag die Waffe der Wahrheit.“ Mit der Wahrheit im Gepäck kann jemand nicht manipuliert werden. Positiv formuliert: Freiheit setzt Wahrheit voraus. Negative Freiheit ist Freiheit von…, positive Freiheit ist Freiheit zu… Die moderne Annahme, dass Freiheit beliebig wählbar sei, ist eine irrige Annahme, die ins Nichts führt. Gerade so kann ein Tiger im Zoo zwar aus seinem Käfig befreit, jedoch nicht von seinen Streifen erlöst werden. „Die Wahrheit wird euch freimachen“ – diese Worte von Jesus sind an mehr Mauern von Universitäten eingraviert worden als jeder andere Spruch.
  5. Wie antworten wir einem Skeptiker? Es gibt zwei Taktiken. Negativ: Relativiere den Relativisten! Bei einem Relativisten ist alles relativ – abgesehen von den eigenen Überzeugungen. Elia rief aus: Dient entweder Jahwe oder Baal. Augustinus meinte: Betrachte genau, wohin dich eine Idee führt. C. S. Lewis empfahl ähnlich: Folge einer Idee bis zu seinem äussersten Ende. Schaeffer buchstabierte mit seinen Gesprächspartnern die Konsequenzen ihrer eigenen Ideen durch. Positiv: Weise die anderen auf die Zeichen (signals) der Transzendenz hin. Wenn Menschen Gott zurückweisen, unterdrücken sie die Wahrheit. Es wird immer Gottes Wahrheit in ihrem Verstand und ihrem Leben vorhanden sein, der ihren Behauptungen oder ihrem Leben widerspricht.
  6. Es gibt eine moralische Herausforderung der Wahrheit, die sich uns stellt. Wir können entweder die Wahrheit nach unseren Wünschen (um)formen oder aber unsere Wünsche der Wahrheit unterordnen. Je anspruchsvoller das Denken, desto verschlungener können diese Umformungen ausfallen. Wir Menschen sind beides: Wahrheitssucher und Wahrheits-Verdreher (truth twister). Beispiel: „Wir entschieden für uns, dass die Welt keine Bedeutung hat. Die Bedeutungslosigkeit ist unsere Form der Befreiung.“ (Aldous Huxley) Die zweite Möglichkeit ist die des Bekenntnisses. Michel Foucault, selbst kein Christ, bewunderte am Christentum das Moment des Bekenntnisses. Es sei einer der seltenen Momente, in denen Menschen die Wahrheit der Wirklichkeit, die gegen sie selbst spricht, anerkennen.

Dadurch, dass wir unsere Sünden bekennen, so schrieb Johannes, leben wir im Licht. Wahrheit ist deshalb nicht allein eine philosophische Sache. Sie betrifft unseren Herrn und uns selbst ganz direkt. Letztlich geht es darum, wie Francis Schaeffer sagte, dass wir uns vor Seiner offenbarten Wahrheit beugen. Wir beugen uns vor dieser Offenbarung und vor der für uns geschehenen Erlösung. Guinness endet mit weiteren persönlichen Erinnerungen an Schaeffer. Dieser stellte ihm wohl 50 Fragen in Serie, um sicherzustellen, dass Oxford seinen Glauben nicht unterminiert hatte. Er war voller Leidenschaft für die Wahrheit. Durch Gottes Gnade: Lasst uns Menschen der Wahrheit sein.

Interview: Die grösste Not betrifft die Treue gegenüber unserem Herrn

Ich verfolge seit Jahren aufmerksam das Werk von Os Guinness, Religionssoziologe und prominenter Sozialkritiker (siehe mein eigener Blog-Tag). theoblog.de hat auf ein kürzliches Interview an der Beeson Divinity School hingewiesen. Ich habe wichtige Aussagen des halbstündigen Gespräches mitnotiert.

Hauptbotschaft: Die wahre Not unserer Zeit betrifft nicht Kultur und Politik, sondern Treue gegenüber unserem Herrn.

Seitenblick Präsidentenwahl: Durch diese Wahl hätten die US-Amerikaner Gelegenheit erhalten, ihren eigenen Kurs zu überdenken.

Die Probleme der (westlichen) Evangelikalen hätten sich in den letzten Jahren verschärft: Sie haben vor den Herausforderungen der Moderne kapituliert. Beispiel: Der Hymne, die am Anfang einer Andacht an einem christlichen College gesungen wurde, fehlte sämtlicher christologisch-trinitarischer Inhalt! Es wird eine Form von weichem, individualistischem Protestantismus gelebt.

Eine biblisch-theologisch getragene Apologetik (Verteidigung unseres Glaubens) im Stil von Timothy Keller oder Ravi Zacharias sollte in die DNA unserer Gemeinden zurückfinden, und zwar in einer Form, die jeder Nachfolger Christi verstehen kann.

Für diese Aufgabe der Verteidigung unseres Glaubens ist es unabdingbare Voraussetzung, die "Anatomie" des ungläubigen Verstandes gut zu verstehen. Dabei ist es wichtig zu bedenken, dass die globale Vielfalt (jedermann überall) ein Gefühl der Angst hervorbringt. Die Bibel spricht mehrere Dutzend Male von "Liebe gegenüber dem Fremden", also dem, der gerade nicht so ist wie wir selbst.

Francis Schaeffer, bei dem er einige Jahre in den turbulenten späten 1960er verbringen durfte, betrachtet Guinness als grössten 1:1 Apologeten. Er hatte eine umfassende Vorstellung davon, was die Menschen seiner Zeit beschäftigte, kombiniert mit einer tiefen eigenen Überzeugung sowie Liebe und Leidenschaft für sie. Bezüglich seiner grossen Ideen geht Guinness nicht überall mit ihm mit.

Schaeffer habe zu wenig Bücher gelesen, allerdings las er seine Bibel. Das sollte für unsere Zeit auch eine Warnung sein. Viele jungen Leute holen sich ihre Leseinhalte ausschliesslich aus dem Netz und lesen keine Bücher mehr. Guinness empfiehlt die Klassiker (wie Augustinus oder Pascal). Er betont aber auch, wie wichtig es sei, im eigenen Fachgebiet, dem Ort der eigenen Berufung, möglichst breit zu lesen. Und er empfiehlt die Auseinandersetzung mit der Geschichte vor allem mittels Biographien – Menschen in ihrer Zeit. Er betrachtet sich selbst als Denker, weniger als Gelehrter der Akademie und empfiehlt sein Werk "The Global Public Square: Religious Freedom and the Making of a World Safe for Diversity" (siehe meine Rezension).

Guinness betont die doppelte Perspektive auf die Geschichte leitenden Ideen und gleichzeitig auf die Analyse der Kultur. Wenn er zum Beispiel auf die Verwirrung blickt, die durch die Sexuelle Revolution der letzten Jahrzehnte entstanden ist, ortet er bei Evangelikalen eine tragische Naivität wie auch den fehlenden Blick auf das Gesamte. Der Buchtitel "Homo Deus" bringt für ihn einen Hauptstrang der Entwicklung auf den Punkt: Der Mensch betrachtet sich als Gott auf seinem eigenen Planeten. Guinness bezeichnet dies als "Babel Drive".

Welche Haltung sollte einem Christen angemessen sein? Guinness selbst ist zwar nicht schockiert, jedoch traurig. Er fordert einen realistischen Blick, verbunden mit der Hoffnung auf das Evangelium. Dabei sei nochmals der Anfang erwähnt: Lassen wir Kultur und Politik beiseite, die hauptsächliche Not betrifft die Treue gegenüber unserem Herrn!

Input: Heimunterricht in den USA – ein Bericht

Inspirierender Bericht einer US-Homeschoolerin in zweiter Generation, die nun in der Schweiz lebt:

Schulerfolg in Amerika misst sich am Ansehen der Uni, wo man die Aufnahme erreicht. An diesem Massstab gemessen war ich sehr erfolgreich und erreichte beispielsweise am MIT und an der Eastman School of Music die Aufnahme. Natürlich haben wir als Pioniere nicht alles perfekt hingekriegt, aber das grösste Geschenk den Heimunterrichts haben mir meine Eltern dennoch gegeben: Ich habe früh das Wer und Wie der Bildung gelernt. Ich habe gelernt, wer für meine Bildung verantwortlich ist (niemand anderes als ich selber), und ich habe gelernt, wie ich selbständig lernen kann, ohne dass jemand mir sagt, was zu tun ist.

Gebet: Solange ich hier bin

Solange ich hier bin,
bleibe ich hin- und hergerissen
im Hin meiner Geschöpflichkeit (ich bin von Ihm gemacht, existiere jeden Moment durch ihn, lebe für seine Ehre),
im Her meiner Sündhaftigkeit (ich finde mich ursprünglich in einem Schuldzusammenhang vor).

Solange ich hier bin,
frage ich mich immer wieder:
Kann ich das aushalten,
durchbeissen,
in Ihm einen festen Stand behalten?

Solange ich hier bin,
ringe ich darum,
Verantwortung beim anderen zu lassen,
meine Begrenzung anzuerkennen,
Ihm zu vertrauen.

Solange ich hier bin,
lerne ich schweigen (weil ich mich nicht rechtfertigen muss),
reden (weil ich andere Menschen nicht fürchten muss),
zu hören, bevor ich antworte.

Solange ich hier bin,
kämpfe ich mit meinem inneren Soll (Psychologen nennen es Perfektionismus)
und dem wirklichen Ist,
kämpfe vor Gott mit mir
und fasse es in Worte.

Solange ich hier bin,
trage ich einen Rucksack,
stelle ihn immer wieder hin,
lade ihn aus,
lade Neues ein.

Solange ich hier bin,
werde ich leiden,
um meiner selbst willen
hoffentlich um Seinetwillen,
doch Er hilft tragen.

Buchbesprechungen: 5 Werke zur Erziehung

Ich habe jeweils eine kurze Bewertung aus christlicher Weltsicht vorgenommen:

Wolfgang Bergmann. Ich bin der Größte und ganz allein: Die innere Not unserer Kinder: Der neue Narzissmus unserer Kinder. Jungs & Narzissmus: Einschätzung eines erfahrenen Therapeuten

Thomas Gordon. Die Neue Familienkonferenz. Erweitertes Erziehungsrepertoire jenseits von Bestrafung und Belohnung

Bernhard Bueb. Das Lob der Disziplin. Durch Disziplin aus der ich-zentrierten Anspruchshaltung herausfinden

Albert Wunsch. Die Verwöhungsfalle. Unangenehme Operation nahe am gesellschaftlichen Nerv

Klaus Doppler. Der kleine Kämpfer und sein Weg ins Glück. Was ich nicht tue, wird nicht geschehen (?)

Dazu auch mein Aufsatz "Form und Freiheit – ihre Bedeutung für Bildung und Erziehung"

Input: Formen der modernen Religionskritik

Günter Rohrmoser fasst gekonnt sechs Ansätze der modernen Religionskritik zusammen:

  1. Religion als Betrug: Priester hätten die Religion im Interesse der Herrschenden erfunden. "Diese Theorie hält zwar keiner Prüfung stand, sie ist aber vordergründig sehr überzeugend gewesen."
  2. Evolutionäre Theorien: Religion als Kindheitsphase der Menschheit. "An die Stelle der Herkunftsreligion tritt die Wissenschaft, die ebenfalls ein universales System zur Erklärung der Welt und der Wirklichkeit bietet, moralische Orientierungen gibt und vor allem beansprucht, die als illusionär durchschauten Versprechungen der traditionellen Religion durch wirklichen Fortschritt zu ersetzen."
  3. Säkularisationstheorie: Prozess einer immer weiter fortschreitenden Religionslosigkeit. "… eine der grössten Selbsttäuschungen der Neuzeit. Denn die Neuzeit ist angefüllt mit Religion. Auch wird es eine religionslose Gesellschaft kaum geben, denn wenn die Herkunftsreligion ausfällt, bleibt dieses Vakuum nie unbesetzt."
  4. Religion als Opium des Volkes und als Ausdruck der Entfremdung: Mit dem Verschwinden von Religion und einer durch religiöse Tradtion geformten Sprache würde den Menschen die Möglichkeit genommen, ihr Elend überhaupt zu artikulieren. Zum anderen sei die Religion nicht nur Ausdrucksmöglichkeit des Elends, sondern der Protest dagegen. "Der Zusammenbruch des Sozialismus ist … als eindeutiger experimenteller Beweis über die Tragfähigkeit und die Realisierungschancen dieses religiös bestimmten Sozialismus auch im Marx'schen Sinne anzuerkennen. Da wir aber diese Dimension nicht sehen, wächst bei uns zumindest in der öffentlichen Diskussion eine neue Art von Sozialismus heran, so, als hätte es dieses Ereignis gar nie gegeben…"
  5. Psychoanalytische Theorie der Projektion: Religion als kollektive Neurose. "Was Freud als Aggressions-, Destruktionstrieb oder Todeswunsch beschreibt, also den in dern menschlichen Natur eingesenkten Trieb zur Vernichtung, war immer Teil der Erkenntnis des Wesens von 'peccatum'."
  6. Religion als Kontingenzbewältigung: Unter den Bedingungen der Moderne schien die Religion zweck- und funktionslos geworden zu sein. Die Kontingenztheorie geht davon aus, dass die Religion einen Sinn hat, "wenn sie das menschliche katastrophenbedrohte Dasein stabilisiert und auch noch in der Erfahrung der Sinnlosigkeit den Menschen mit Sinn ausstattet." Sie gibt damit eine alternative Antwort auf den Zweck von Religion. "Konsequenterweise ergibt sich daraus auch die eigentlich widersinnige Frage nach dem Nutzen und der Funktion Gottes. … Wir haben relative Konstanten, die wir Regeln oder Gesetzmässigkeiten nennen; Gott hingegen handelt, aus der Sichtweise des Menschen, kontengt, er gibt nicht nur Glück, Frieden und Stabilität, sondern er hat die fatale Neigung, auch häufig das Gegenteil zu tun."

Günter Rohrmoser. Harald Seubert (Hg.) Kann die Moderne das Christentum überleben? Logos Editions: Ansbach, 2013. (17-24)

Zitat der Woche: Gottes Souveränität bedeutet…

(The) sovereignty of God, explains Packer, means that the living God, who created the entire universe and actively upholds it in being (otherwise it would vanish away, and so would we as part of it), knows everything that has been and now is and foreknows everything that will be just because, in a way that totally passes our understanding, he plans and decides and controls everything that takes place. From inside (and we are all insiders at this point) the cosmos appears as a huge interlocking system of cause and effect, the working of which scientists can examine, map out, and within limits predict because the processes all operate with what appears as built-in regularity. But Christians know what science can never find out, namely, that all the processes of nature are willed and sustained directly by the Creator, every moment, down to the smallest detail, as also are the free-flowing thoughts that run through our minds, and the dreams that befuddle us while we sleep, and the self-determined, accountable decisions about what we will and will not do that we make in a steady stream throughout our waking hours. Let us say it clearly: all the regularities of nature, including the functioning of our own minds and bodies, are as they are because God wills and keeps them so. Nothing would be as it is—nothing, indeed, would exist at all—were it not for the active will of God. . . . To affirm God’s sovereignty over everything around us, within us, happening to us, and issuing from us takes nothing from our certainty (which Scripture confirms) that all our thoughts, words, and deeds, including all our motives, purposes, attitudes, and reactions, are truly our own, not forced upon us from outside but coming out from within us, so that we are in truth responsible subjects, open to assessment both by other people and by our own consciences, and finally by God himself. Rather it adds to our certainty that, as our continued existence and all our living really involve God, so God really involves himself in an overruling way, somehow (just how, no creature can conceive), in all our circumstances, motives, actions, relationships, experiences, joys, pains, pleasures, griefs, and ventures, which form the situational reality of our daily lives.

Sam Storms. Packer on the Christian Life: Knowing God in Christ, Walking by the Spirit. Crossway: Wheaton, 2015. (154)

Kolumne: Was ich von Narnia halte – 10 Beobachtungen

Ich bin gefragt worden, was ich von den Narnia-Chroniken von C. S. Lewis halte.

  1. Sie sollen in erster Linie als Literatur gelesen werden. Als solche hat sie Kinder und Erwachsene gleichermassen erfreut. Ich habe meine Lieblingsstellen der sieben Bände notiert.
  2. Sie sind als eigene Parallelwelt konzipiert. Auch wenn die Parallelen zum christlichen Heilsgeschehen unverkennbar sind, darf nicht einfach analog verglichen werden (siehe meine Besprechung zu "Briefe aus Narnia").
  3. Die Gestaltung einer Parallelwelt lässt uns aus unserer Wirklichkeit heraustreten und uns selbst und unsere Umgebung aus einer Distanz wahrnehmen. Das ist eine heilsame Perspektive.
  4. Lewis schrieb sie nach dem Zweiten Weltkrieg als Gegenentwurf zu der technologisierten, entzauberten Welt. Diese öffentliche Welt der Fakten ist von der Welt der Werte (und des Übernatürlichen) getrennt.
  5. Gut platziert sind verschiedene Stränge der Gesellschaftskritik, z. B. der anti-autoritären Erziehung und der Schule (siehe mein Beitrag "Experiment House").
  6. In den einzelnen Figuren, sei es den Kindern oder der Fabelwesen, sind wunderbare Charakterlektionen enthalten. Diese Schätze sollen mit den Kindern geortet, gehoben und besprochen werden. Eine geniale Hilfestellung bietet Doug Wilsons "What I learned in Narnia".
  7. Die antike Tugendethik sowie eine herausragende Kenntnis der griechischen Sagen- und Fabelwelt sind in diesem Werk enthalten. Sie sind in einer werterelativistischen Welt genialer Anknüpfungspunkt.
  8. Forscher wie Michael Ward haben auf eine mögliche konzeptionelle literarische Leitdee nach den mittelalterlichen Planetenkonstellation hingewiesen (ausführlich in meiner Besprechung von "Planet Narnia").
  9. Das Reisemotiv legt viele Parallelen zu unserem Lebensweg bis hin zum neuen Himmel und der neuen Erde.
  10. Das bedeutet keineswegs, dass ich alles übernehme! Lewis soll – wie jedes andere Buch auch – anhand der Bibel geprüft werden. Die auf Heilsinklusivismus hindeutende Szene im 7. Buch ist übrigens auch anders interpretiert worden.

Hier geht es zu meiner Kurzbesprechung der Chroniken.

Philip Ryken hat einige gute Gedanken in "Is C. S. Lewis the Patron Saint of American Evangelicalism?" festgehalten. Ebenso hat er einen ausgezeichneten Beitrag "C.S. Lewis on Holy Scripture" geschrieben.

Und natürlich darf der Hinweis auf meine Lewis-Einführung nicht fehlen: "C. S. Lewis für eine neue Generation".

Kolumne: 8 Beobachtungen zu begrenzenden Menschen

Ich treffe immer wieder Menschen an, die andere begrenzen (anstatt sie zu fördern). Dabei beobachte ich verschiedene Spielarten:

  1. Die lustorientierte Maxime: Tue es nur gerade dann, wenn es Spass macht.
  2. Die transgenerationale Begrenzung: Die Person wurde von eigenen Beeinflussern (oft unbewusst) selbst begrenzt.
  3. Die perspektivische Begrenzung: Ich habe es selbst nie gemacht und kann es mir nicht vorstellen, dass es der andere schafft.
  4. Das Auf-die-lange-Bank-schieben: Jetzt nicht. Warten wir auf einen besseren Zeitpunkt. Dabei wäre jetzt der beste Zeitpunkt.
  5. Der bequeme Rückgriff auf die Ausnahmesituation: "Jetzt bin ich gerade zu müde." (Dieses Scheinargument häuft sich.)
  6. Die Entschuldigung der fehlenden Inspiration: Ich bin im Moment nicht in Stimmung. (Dabei zeigt sich: Die Stimmung kommt oft erst mit Fleiss und Ausdauer.)
  7. Das Leben in Befürchtungen: Dann könntest du… Aber was ist mit…? Die eigenen Einreden im Kopf wirken sich in der Realität verhindernd aus.
  8. Der Durchschnitt der Vergleichsgruppe: Das macht "man" in unserem Kreis nicht. Anpassung und Furcht vor Beschämung binden zurück.