Zitat der Woche: Eine ganz normale Woche im Leben von Johannes Calvin

Wann immer ich ein Glaubensvorbild studiere, stelle ich dasselbe fest: Lebenslanges Leid, starke Anfechtungen.

Am dritten September hatte ich schwere Kopfschmerzen, ein Übel, an welches ich mich schon so gewöhnt habe, dass es mir nichts mehr ausmacht. Am darauf folgenden Sonntag bemerkte ich, als es mir während meiner Mittagspredigt auf einmal warm wurde, dass die Säfte, welche meinen Kopf in Besitz genommen hatten, flüssig zu werden begannen. Noch bevor die Messe beendet war, bekam ich eine Erklärung, die mich bis zum Dienstag mit einem fortwährenden Schniefen plagte. Als ich an diesem Tag wie gewöhnlich predigte, wobei mir das Sprechen wirklich schwer fiel, da meine Nase durch den Strom von Säften verstopft wurde und die Heiserkeit in meinem Hals mich beinah würgte, fühlte ich auf einmal Schauer meinen Körper durchlaufen. Die Erkältung hörte auf, aber zu früh, da mein Kopf noch voll war mit den schädlichen Säften. Am Montag war nämlich etwas geschehen, das meine Galle sehr aufgewühlt hatte. Als unsere Dame, die ihrer Zunge immer öfter freien Lauf lässt, als es gut ist, meinen Bruder mit einem Schimpfwort bedachte, hatte dieser keine Lust mehr, sich solche Worte gefallen zu lassen. Er machte jedoch kein grosses Aufheben darum, sondern verliess in aller Ruhe das Haus und schwor, nicht mehr zurückzukehren, so lange diese Frau in meinem Haus weile. Als sie erkannte, dass das Weggehen meines Bruders mich schwer getroffen hatte, ging sie dann auch. Ihr Sohn blieb jedoch noch eine Weile bei uns wohnen. Nun habe ich die Angewohnheit, dass ich mich, wenn ein Ärgernis oder Angst mich aufgeregt haben, beim Essen gehen lasse und alles gieriger in mich hineinschlinge, als es sich ziemt. Da ich mir also beim Abendessen den Bauch mit zu viel und dann auch noch den falschen Speisen vollgeschlagen hatte, hatte ich am folgenden Morgen entsetzliche Magenschmerzen. Das Beste wäre gewesen, das zu tun, was ich in einer solchen Situation immer tue, nämlich fasten. Da ich jedoch nicht wollte, dass der Sohn denken würde, mein Fernbleiben von der Tafel wäre ein Kunstgriff, um auch ihn aus dem Haus zu bekommen, beschloss ich,  zu essen und meine Qualen zu ignorieren. Aber an dem Dienstag, als meine Erkältung – wie schon gesagt – aufhörte, wurde mir um neun Uhr, nach dem Abendessen plötzlich entsetzlich schwindelig. Ich liess mich ins Bett bringen. Daraufhin bekam ich einen heftigen Fieberanfall und verspürte eine grosse Hitze sowie ein seltsames Schwindelgefühl in meinem Kopf. Als ich am Mittwoch aufstehen wollte, war ich allen Gliedmassen derart geschwächt, dass ich zugeben musste, dass ich krank war. Am Mittag ass ich dann eine Kleinigkeit, aber nach dem Essen bekam ich wieder Schwindelgefühle. Danach bekam ich wieder Fieberschübe, jedoch unregelmässig, so dass ich keine bestimmte Art von Fieber feststellen liess. Ich schwitzte so stark, dass mein Kissen komplett durchnässt war. Als es mir so schlecht ging, erreichte mich dein Brief, aber ich konnte das, was du von mir wolltest, nicht tun, da ich keine drei Schritte gehen konnte. Schliesslich veränderte sich die Krankheit, welche auch immer es gewesen sein mag,, in ein Wechselfieber, das zwar anfangs sehr heftig war, mich danach jedoch weniger unbarmherzig quälte. Als ich zu genesen begann, war der Zeitpunkt, zu dem du mich eingeladen hattest, schon verstrichen. Ich hatte nicht genügend Kraft, um eine solche Reise überstehen zu können. (CO 11,84, zitiert in Herman Selderhuis, Johannes Calvin, Gütersloher Verlagshaus, 2009, S. 236-237)

Hier geht es zu meiner Rezension von Selderhuis.

Kolumne: 10 Wege zur Beschleunigung der Lebens-Unzufriedenheit

  1. Orientiere dich innerlich an einer Gruppe Gleichaltriger und reagiere, wenn diese reagieren. Passe dich ängstlich jeder versteckten Aufforderung an, bevor du offiziell zu etwas aufgefordert wirst.
  2. Nimm die Aufforderung „Du musst dir endlich mal etwas gönnen“ ernst. Bleibe dir bewusst, dass du ein Anrecht auf innere Harmonie und Nicht-Gestört-werden hast.
  3. Lebe von Wochenende zu Wochenende und von Urlaub zu Urlaub. Sorge vor, dass du gedanklich mit einem nächsten Freizeitvergnügen absorbiert bist.
  4. Nähre dich durch die Handreichungen der säkularen Medienelite. Schalte in jedem Moment der Langeweile dein Smartphone ein und sorge dafür, dass du eine aktuelle Gratiszeitung in deiner Tasche dabei hast.
  5. Vermeide Verbindlichkeit in jeder Form. Dies gilt vor allem für Beziehungen. Ruhe dich auf der Behauptung aus: „Das hat noch Zeit.“
  6. Vermeide das Nachdenken über Rückschläge und leidvolle Erfahrungen. Flüchte in Urlaub, Medien oder wenn es sein muss in Medikamente oder Alkohol.
  7. Sorge für die angemessene Abstufung deiner Anschaffungen. Sei alarmiert, wenn du kein neues Projekt nennen kannst.
  8. Lies die neusten Ratgeber. Wechsle dabei alle 2-3 Jahre die Linie, dann verpasst du nichts.
  9. Passe deinen Kirchgang deinem Freizeitprogramm an. Geh nur zur Kirche, wenn du dazu Lust verspürst.
  10. Ignoriere Fragen von Menschen, die dir unangenehme Fragen stellen. Gehe ihnen aus dem Weg. Halte dich bei solchen auf, die dir das Nachdenken ersparen, indem sie Spässe und zynische Bemerkungen fallen lassen.

Stationen meines Aufwachens (2): Die Herangehensweise an die Bibel steht auch zur Debatte

Durch die beiden Aufsätze von Ron Kubsch, Müssen wir das 'sola scriptura'-Prinzip aufgeben? (2005), und Brauchen wir eine weitherzige Theologie? (2009), wurde mir bewusst, dass Grundfragen der Auslegung (Hermeneutik) ebenfalls zur Debatte stehen.

Im ersteren schreibt Kubsch über die Verschiebung der Problematik die Bibel angemessen auszulegen (S. 9):

Das Problem liegt nicht (nur) beim Exegeten, sondern ist in nuce ein Problem der Bibel. Wir können die Schrift nicht eindeutig und nachvollziehbar auslegen, weil es ihr an der dafür nötigen Klarheit und Einheitlichkeit fehlt.

Zum Schriftverständnis des Post-Evangelikalen Brian MacLaren zitiert Kubsch:

Die Schrift sei von Gott inspiriert, aber nicht wörtlich eingegeben (179). Gott und dutzende Menschen und Kulturen hätten sie geschaffen (180).

Allmählich begann mir zu dämmern, dass das Trio Der Schrei der Wildgänse – Die Hütte – Am Ende siegt die Liebe einer Systematik entspringt. Es geht um nichts weniger als eine zeitgemässe Dekonstruktion der Grundlagen, auf dem der Evangelikalismus, wie ich ihn seit Kindsbeinen kannte, aufbaute. Aus meiner Sicht hat dieser drei "Beine": Der zentrale Stellenwert von Jesus' stellvertretendem Opfer in Raum und Zeit; die zentrale Autorität der Bibel für Lehre und Leben; der Aufruf, die Gute Botschaft überall weiter zu tragen.

Erst mit der Zeit wurde mein Ohr offen für eine dezidiert andere Herangehensweise an die Bibel. Eigentlich beginnt sie schon viel früher: Überall dort, wo der Prediger nicht mehr über einen Bibeltext predigt, sondern von einzelnen Aussagen ausgehend seine eigene Hauptbotschaft und seine Erlebnisse vermittelt, gehen die Hörer der kraftvollen Botschaft verlustig. Sie werden zudem über die Jahre einem genauen Hinhören auf die Heilige Schrift entwöhnt und gleichzeitig den Dogmen des Säkularismus schutzlos ausgeliefert. Ich erinnere mich an eine Aussage, die ich vor 20 Jahren gehört habe: "Lies deine Bibel nur, wenn es dir Spass macht. Befreie dich von dem Stress." Ich kenne viele Menschen, die sich davon befreit haben. Ein fataler Rat.

In den letzten Jahren habe ich mehrere Predigten gehalten, u. a. zum Vorgehen von Paulus in Römer 4 unter dem Titel Weil ER gesprochen hat, und auch mehrere Aufsätze erfasst. In Die Bibel – ein Zugang zu Gott unter vielen? schrieb ich:

Der Zugang zu Gott durch die Heilige Schrift ist erstrangig und unverzichtbar und deshalb regelmäßig zu pflegen. Das ist keine Bibliolatrie (Götzendienst an der Bibel), wie manchmal behauptet wird. Wenn das Bibelstudium eine geistliche Übung unter anderen ebenbürtigen Übungen ist, wird das im Alltag zu einer Vernachlässigung des Wortes Gottes führen. …

  1. Gottes Wort und seine Handlungen gehören untrennbar zusammen.
  2. Gottes Wort ist so eng mit seiner Person verbunden, dass es als eine seiner Eigenschaften dargestellt wird.
  3. Die Wahrheit ist Maßstab für Gottes Wort. Es ist vertrauenswürdig, weil Gott vertrauenswürdig ist.

Stationen meines Aufwachens (1): Schreiende Gans oder blökendes Schaf?

2017 las ich in Blogs wiederholt: Der Evangelikalismus – was immer auch der Begriff bedeuten mag ("Den Begriff 'evangelikal' verabschieden?") – steckt in einer tiefen Krise bzw. vor einer grundlegenden Entscheidung. Dem stimme ich zu. Ich greife in einer 10-teiligen Serie die Stationen meines Aufwachens auf und bete darum, dass viele Christen die Argumente sorgfältig anhand der Bibel prüfen und den Mut haben, Konsequenzen zu ziehen.

Schreiende Gans oder blökendes Schaf? Die Lehre der Kirche

Es war im Jahr 2009, als in meiner damaligen Gemeinde das Buch "Der Schrei der Wildgänse" zum Jahresbestseller avancierte. Ich war damals im Schlussspurt meines Theologie-Studiums und schrieb empört die Replik "Ich will nicht mehr zur Kirche gehen", die als mein erster Artikel in der Zeitschrift Bibel und Gemeinde (1/2010) erschien. Ich ging den Fragen nach:

  • Wer war Jesus wirklich?
  • Welche Bedeutung hat der Tod von Jesus?
  • Wie erleben wir Gottes Führung?
  • Kirche: Organismus oder Organisation?

Wenn ich acht Jahre später mein Fazit bedenke – "Die einen werden ein neues System bauen, die anderen werden über kurz oder lang dem Glauben den Rücken kehren." – muss ich leider beiden Auswirkungen zustimmen.

Aus einem Seminar in der Gemeinde "Schreiende Gans oder blökendes Schaf?" entstand ein längerer Text, der von Francis Schaeffers Begriffen "Form" und "Freiheit" her die Notwendigkeit der Kirche als Institution begründet: "Form und Freiheit – ihre Bedeutung für die Kirche". Ich zitiere darin Dietrich Bonhoeffer:

Wer an einer christlichen Gemeinschaft, in die er gestellt ist, irre wird und Anklage gegen sie erhebt, der prüfe sich zuerst, ob es nicht eben nur sein Wunschbild ist, das ihm hier von Gott zerschlagen werden soll, und findet er es so, dann danke er Gott, der ihn in diese Not geführt hat. Findet er es aber anders, dann hüte er sich doch, jemals zum Verkläger der Gemeinde Gottes zu werden; sondern erklage viel mehr sich selbst eines Unglaubens an, der bitte Gott um Erkenntnis seines eigenen Versagens und seiner besonderen Sünde, der bete darum, dass er nicht schuldig werde an seinen Brüdern, der tue in der Erkenntnis seiner eigenen Schuld Fürbitte für seine Brüder, der tue, was ihm aufgetragen ist und danke Gott.

Es erstaunt mich nicht, dass auf theoblog.de unter dem Eintrag "Wir sind die Kirche! Wirklich?" eine kontroverse Diskussion geführt wurde.

Die Faszination der Hütte: Die Gotteslehre

Ein Buch kommt selten allein. Es gesellte sich ein zweites dazu. Eine Dame belieferte die Gemeindemitglieder kistenweise. Michael Kotsch hat eine engagierte Kritik "Die Hütte: Trost und Esoterik" geschrieben. In einem weiteren Seminar "Einen ausgewogenen trinitarischen Glauben leben" suchte ich hier ein Thema in allen Lebensbereichen zu konkretisieren, das ebenfalls sträflich vernachlässigt worden ist: Die Gotteslehre. Die Unterlagen basieren auf einem kurzen Buch meines Doktorvaters Thomas K. Johnson "What Difference Does the Trinity Make?" (Besprechung). Arthur Pink schreibt:

Wollte ich in umfassender Form beschreiben, was nach  meinem Bibelverständnis die Seligkeit der Kinder Gottes auf Erden ausmacht, … so würde ich ohne Zögern antworten: Es ist ihre persönliche Erkenntnis der Personen der dreieinigen Gottheit und ihr Gemeinschaft mit ihnen.

Zur Hölle mit der Hölle? Die Lehre des Heils

Aller guter Dinge sind drei. Rob Bells "Love Wins" eroberte die Gemeinden ebenfalls im Sturm. Tim Challies Kritik wurde übersetzt. Auch die ausführliche Antwort von Kevin DeYoung "God Is Still Holy and What You Learned in Sunday School Is Still True" war ausserordentlich hilfreich.

Meine Antwort "Zur Hölle mit der Hölle" erschien wiederum in der Zeitschrift Bibel und Gemeinde 4/2011. Meine Schlussfolgerung:

Bei der Frage der Hölle geht es um viel; es geht um den Kern des Evangeliums.

Erstauntes Augenreiben

Innert kürzester Zeit war ich mit drei Grundfragen des Glaubens konfrontiert: Der Gotteslehre, der Lehre des Heils und der Lehre der Kirche. Es fiel mir auf, dass hier Irrlehren aus der Kirchengeschichte aufgekocht in zeitgenössischer Verpackung erschienen. Ich konnte nur eine Erklärung dafür finden: Wir haben zu lange darüber geschwiegen bzw. diese als selbstverständlich vorausgesetzt.

Kolumne: Leidenschaftlich und informiert bloggen

Ich stehe zur Zeit in einem regen Austausch mit einer Reihe von Bloggern im deutschen Sprachraum. Das war Anlass zu meinem eigenen Schreiben einige übergeordnete Gedanken zu formulieren:

  1. Als Blogger und Autor arbeite ich – wie viele andere Künstler auch – in einer Branche, die von einem Überangebot auf dem Netz schier „erschlagen“ wird und – von wenigen Ausnahmen abgesehen – die eigenen Inhalte kostenlos einstellt. Wer von dieser Arbeit leben will, ist in aller Regel auf Auftritte angewiesen.
  2. Es ist eine Herausforderung auf den Punkt zu schreiben. Das heisst: Möglichst kurze und verständliche Sätze. Jeder Satz, Satzteil und jedes Wort, das überflüssig ist, muss weichen.
  3. Jeder Beitrag sollte aus einer sich selbst bewusst gemachten, klaren Zielsetzung heraus geschrieben werden. Oftmals ist im selben Thema schon viel anderes geschrieben worden. Hier ist es wesentlich, genau zu benennen, worin das eigene Anliegen besteht.
  4. Ich stehe in Gefahr, Begriffe unscharf und mehrdeutig zu verwenden. Darum ist es hilfreich, mir andauernd zu vergegenwärtigen, was ich unter Ausdrücken verstehe, die ich regelmässig verwende. Ein für mich offenes Thema ist der Ausdruck „Weltanschauung“, den ich oft mit „Weltsicht“ wiedergebe.
  5. Kritik, Anregungen und Fragen aufgrund des Geschriebenen helfen mir, an Themen weiterzudenken. Das eine Extrem besteht darin, aus Menschenfurcht jedes Mal das „Fähnlein“ im Wind zu drehen, das andere auf taub zu schalten und sich Korrektur zu verschliessen.
  6. Mit der Zeit kristallisieren sich Schwerpunkte des eigenen Arbeitens heraus. Diese Schwerpunkte können sich im Lauf der Jahre verschieben. Es ist hilfreich Material dazu zu sammeln und in eine nächste Verarbeitungsschlaufe zu bringen. In meinem Fall sind die eBooks, in denen ich Material gruppiere, verknüpfe und lektorieren lasse.

Was sind meine konkreten Empfehlungen?

  • Schreibe aus Leidenschaft. Vom ersten Tag an war ich begeistert. Sie ist bis zum heutigen Tag gewachsen.
  • Schreibe informiert. Diese Leidenschaft muss sich mit harter Recherche verbinden.
  • Schreibe regelmässig. Ganz am Anfang des Bloggens nahm ich es mir zu Herzen Ausdauer zu zeigen.
  • Schreibe knapp. Von der Natur neige ich zu langen Beiträgen. 500 Worte sind in aller Regel das Limit für übliche Beiträge.
  • Schreibe nicht für viele Klicks. Ich wüsste heute, wie ich (kurzfristig) zu mehr Klicks komme. Doch damit ist mein eigentliches Ziel pervertiert.

Der kanadische Top-Blogger Tim Challies, der heute von dieser Arbeit lebt, hat eine Reihe hilfreicher Artikel geschrieben:

  • Die Leidenschaft des Bloggers: Tim Challies. Nobody Respects a Blogger. (2017) “…for at least as far as I can see into the future, blogging is going to be and remain my main thing. I find tremendous joy in it and have so many ideas and opportunities I still want to explore.”
  • Zum Blogstart: Tim Challies. How to Start a Blog. (2011)
  • Zum Ausdauer beim Bloggen: Tim Challies. Slogging Blogging. (2017) „Slogging is doing things that are difficult, things that are repetitive, things that do not return immediate results or pay quick dividends. It’s continuing to advance against obstacles, to find paths around whatever hinders progress. It’s knowing what matters and doing those things with tenacity, with determination.”
  • Tipps für besseres Bloggen: Tim Challies. More Tips for Better Blog Writing. (2007) “If people are going to scan like they might scan a chapter of a book, to organize the content in their minds before reading it, then this is a good idea.”

Kolumne: Wie antworte ich auf die Anfragen des Lebens?

Die meiste Zeit gehen wir durch unser Leben mit der Frage: Was bietet es uns? Diese Frage ist mit der Haltung verbunden: Wir sind die Herren dieses Planeten. Die Umstände haben sich unseren Vorstellungen zu beugen. Die Bewegung des "positiven Denkens" hat dies zugespitzt und behauptet, dass sich die Wirklichkeit letztlich unseren Ansprüchen an sie beuge. Abgesehen davon, dass manche von der Denkvoraussetzung ausgehen, dass es Wirklichkeit in einem Objekt-bezogenen Sinn gar nicht gebe, sondern nur unsere Wahrnehmung derselben (oder nach der Manier von Kant dass wir aktiv Kategorienbildung betreiben), hat sich darum als Anspruchshaltung eingenistet. Das zieht über kurz oder lange eine Ent-Täuschung nach sich. Sie kündigt sich mit Langeweile an, geht über in Unzufriedenheit und entlädt sich beispielsweise in einer Stimmungstrübung unterschiedlicher Tiefe. Wir fassen sie dann im Wort "Depression" oder "depressive Stimmung" zusammen. Das heisst in diesem Zusammenhang, dass das, was uns widerfährt, unseren Vorstellungen zuwiderläuft.

Die Frage ist jedoch weniger, was ich vom Leben erwartet, als vielmehr, wie ich auf die Anfragen des Lebens antworte. Wenn ich dies so formuliere, gebrauche ich die Vokabeln des agnostischen Menschen. Also von einer Person, die gedanklich die Option eines persönlich-unendlichen Gottes offenlässt und sie im Lebensvollzug doch schon beantwortet hat. Nämlich dass sie selbst Herr und Meister ihres Lebens ist. Wenn es denn einen Gott geben sollte, dann habe er keinen Einfluss auf ihre Entscheidungsgestaltung. Autonomie bedeutet Entscheidungshoheit. Der Mensch ist sich selbst Gesetz und verantwortet die letzten Fragen vor dem Thron der eigenen Vernunft bzw. den eigenen Emotionen.

In meiner Arbeit mit Führungskräften arbeite ich oftmals von vier Seiten her, um Klarheit für die nächsten Schritte zu erhalten. Wer von einem offenen Universum mit einem persönlich-unendlichen Gott ausgeht, fügt hinzu: Diese vier Faktoren sind alle unter der Kontrolle des souveränen, allmächtigen Gottes. Was wir widerfährt, fällt mir von Ihm her zu.

  1. Prägende Situationen der Vergangenheit: Welche Ereignisse kommen mir sofort in den Sinn? Was habe ich durch sie verändert? Weshalb prägen sie meine Gedanken? Wie lenken sie mich bei meinen Entscheidungen?
  2. Die innere Stimme bzw. der Scheinwerfer nach innen: Was beschäftigt mich? Welche inneren Zwiegespräche führe ich? Mit welchen Erwartungen an mich selbst ringe ich? Von welchen äusseren Erwartungen fühle ich mich bedrängt? Welche Ängste trage ich mit mir herum? Wann tauchen sie auf und weshalb?
  3. Die Rückmeldung anderer Personen: Welche Reaktionen und Rückmeldungen anderer Leute hallen in mir wider? Was ist es konkret, was mir nicht mehr aus dem Kopf geht? Inwiefern trifft es zu? Wo möchte ich möglicherweise nicht, dass es zutrifft? Was freut, was schmerzt?
  4. Die Vorboten zukünftiger Ereignisse: Welche neuen Herausforderungen tauchen am Horizont auf? Was bewirkt es bei mir? Inwiefern werfen sie Licht auf ungehobenes Potenzial und Wachstumszonen? Was könnte mich Gott dadurch lehren?

Input: Bewegende Biografie eines US-Intellektuellen und Gründers einer Bewegung

Durch einen Freund wurde ich auf eine bewegende biografische Serie zur umstrittenen Figur Rousas J. Rushdoony (1916-2001) aufmerksam gemacht. Sie wurde von seinem Sohn Mark R. Rushdoony, heutiger Vorsitzender der Chalcedon Foundation, verfasst. Mark schrieb, dass dies für ihn die schwierigste schriftliche Angelegenheit seit je war:

Teil I: Armenische Herkunft, erstaunliche Rettung aus dem vom Völkermord heimgesuchten Land

Teil II: Du wirst Schrifsteller werden; Schule und Ausbildungszeit. Rushdoony war von klein auf begieriger Leser. Als Student sparte er sich das Essensgeld vom Mund ab und investierte sie – in gebrauchte Bücher.

Teil III: Die sieben Jahre Pastoratszeit im Indianer-Reservat; viele Ideen, u. a. einer durch eine christliche Weltsicht erneuerte Bildung, findet dort ihren Ursprung; Rushdoony erlebte zahllose Fälle familiärer Gewalt und hielt fast im Wochentakt Beerdigungen!

Teil IV: Die schmerzensvollen Jahre; Rushdoony heiratete eine Frau, von der er drei Wochen nach der Hochzeit erfuhr, dass sie unter schweren psychischen Problemen litt. Er traf sie am offenen Fenster an, als sie sich das Leben nehmen wollte. Das Leid, das er über Jahre durch die zunehmende Erkrankung über der Familie lag, ist kaum vorstellbar. Oft musste Rushdoony neben seinen vielen Aufgaben noch mehrere Stunden Hausarbeit bis tief in die Nacht verrichten.

Teil V: Angestellter eines Think Tank und Gründer einer eigenen Stiftung. Die lange Leidensgeschichte bis zur Scheidung wird vom jüngsten der fünf Kinder, Mark Rushdoony, in einigen Einzelheiten inkl. öffentlicher Gutachten von Psychiatern und Gemeindeleitungen geschildert. Rushdoony hat später wieder geheiratet, ist als Pastor zurückgetreten und hat sich fortan als Leiter eines Think Tank mit voller Kraft der schriftlichen Arbeit gewidmet.

Teil VI: Jahrzehnte des intensiven Schreibens; Zeitschriften, Kolumnen, Bücher.

Rushdoony verfügte über enyklopädisches Wissen in vielen Fachbereichen. Er besass u. a. einen Master-Abschluss in Pädagogik von Berkeley. Er las über 50 Jahre täglich ein Buch und fertigte sich zu allem Gelesenen Notizen an. Zudem schrieb er sämtliche Ideen auf. Übrigens gehörte Rusdoony als Experte und Zeuge vieler wichtiger Prozesse zu den ersten Vordenkern, die Heimunterricht in allen 50 Bundesstaaten der USA gesetzlich legalisierten.

Vor einigen Jahren las ich die beiden sehr aufschlussreichen Bücher, die Rushdoony anfangs der 1960er-Jahre geschrieben hat: Intellectual Schizophrenia: Culture, Crisis and Education und die ausführliche Analyse der modernen Geschichte der (angelsächsischen) Pädagogik: The Messianic Character of American Education. Sie öffneten mir die Augen für die religiöse Dimension der Vordenker der modernen Pädagogik. Auch wenn einige Argumente überzeichnet erscheinen – sie zu lesen lohnt sich allemal! Beide Bücher gibt es zu moderaten Preisen für den Kindle.

Die kürzlich erschienene Biografie "Christian Reconstruction" liegt zur Zeit auf meinem Nachttisch. Der Autor Michael J. McVicar hatte Zugang zu sämtlichen Manuskripten, Tagebüchern und Notizen von Rushdoony. TGC spricht von einer ausgewogenen Berichterstattung über einen Mann, über den es wohl mehr Gerüchte als wahre Geschichten gibt.

Hanniel hirnt (29): Wenn ich einen Bibelabschnitt lese

Die Bibel ist Gottes Ansprache an uns. Wie kann ich darauf antworten? Mit Aufmerksamkeit! Das bedenke ich bei jeder Leseeinheit.

  • Wo steht der Abschnitt? In welcher Phase der Heilsgeschichte befinde ich mich?
  • Wichtige Jahreszahlen und Schauplätze habe ich im Hinterkopf. Das hilft beim Einordnen.
  • In welcher Textgattung spricht Gott? AT: Gesetzestext, Opfervorschriften, Erzählung (Vätergeschichten, Bundestreue/-untreue), poetischer Weisheitstext, Schriftprophet (Fluch und Segen; Völkerprophezeiung). NT: Lebensberichte von Jesus und der frühen Gemeinde, Lehrbrief, Apokalypse.
  • Drei wichtige Frage: Wie wird Gott dargestellt (Sein, Wirken)? Wie reagiert der Mensch darauf (Gehorsam, Ungehorsam)? Wie wird das Umfeld geschildert (Familie, Sippe, Völker, Kulturen)?

Hier geht es zum Podcast.

Kolumne: Aus dem Leben einer bewussten Offlinerin

Nach all der mündlichen Arbeit in den letzten Wochen hat es mich in den Fingern gejuckt, wieder einmal schriftlich-zusammenhängend meine Gedanken zu äussern. Der Schreibanlass ist ein konkreter, geschehen abends am Bahnschalter. Nach wohl über 12 Stunden Arbeit mit Unterricht auf vier Stufen, Gartenarbeit, Nähen und Korrespondenz sowie einer Lektion Schwimmunterricht fuhr meine Frau gegen 20.00 Uhr zum Bahnhof, um am Schalter eines neues Halbtax (CH-Produkt analog zur Bahncard in Deutschland) zu erstehen. Was sie erlebte, bedarf einigen Nachgedanken.

  1. Sie war verpflichtet, einen Swisspass zu lösen. Das bedeutet neben der Registrierung, dass eine Karte mit Chip abgegeben wird. Damit tritt sie in einen Vertrag ein, der rechtzeitig von ihrer Seite gekündet werden muss und sich andernfalls automatisch verlängert. So wird an der Kunden-Bindung gearbeitet und der Loyalitäts-Unsicherheit vorgebeugt.
  2. Auf die Karte gehöre ein aktuelles Foto, wurde ihr beschieden. Die – ich muss es beim Namen nennen, unfreundliche – Bahnangestellte wies sie darauf hin, dass sie ein aktuelleres Foto bräuchte. Auch wenn ich ihr Mann bin und deshalb nicht unbefangen: Sie ist auf dem Bild zweifelsfrei identifizierbar. Jetzt hätte sie am Abend noch an den Fotoautomaten gehen sollen!?
  3. Zu den Personalien gehöre eine gültige Email-Adresse. Sie verfüge momentan über keine Adresse, gab sie zur Antwort. (Sie könnte jedoch bei Bedarf jederzeit eine eröffnen. Ihr Mann und ihre fünf Söhne sind zudem willens und fähig, jede nötige Korrespondenz zu veranlassen.) Ein verachtender Blick und Kopfschütteln folgte. Das darf es nicht geben. (Ich frage mich: Wie ist es denn mit älteren Menschen oder Menschen mit geistiger Beeinträchtigung? Kann man heuer nur noch mit Online-Vernetzung durch diese Welt gehen? Es scheint so.)
  4. Nun denn, wurde sie entnervt aufgefordert, solle sie doch wenigstens ihre Handynummer geben. Sie besitze kein Handy und könne die dadurch gewonnene Zeit besser einsetzen. Ein unschlagbares Argument, meine ich. Wir müllen uns mit Stunden Chat und anderen Belanglosigkeiten zu, für die wir einst Gott Rechenschaft abgeben werden. Jetzt wurde es der Beamtin zu viel. Die Bürokratur schlug zu. Sie meinte, dass dies in der heutigen Zeit unzumutbar sei.

Was soll nun Frau dazu sagen? Man kann es in einem Wort zusammenfassen – einem Wort, das sonst nie über ihre Lippen kommt: Diskriminierung. Gemäss nicht wissenschaftlich versicherter Information bei Wikipedia ist dies eine "Benachteiligung oder Herabwürdigung von Gruppen oder einzelnen Personen nach Maßgabe bestimmter Wertvorstellungen oder aufgrund unreflektierter, z. T. auch unbewusster Einstellungen, Vorurteile oder emotionaler Assoziationen". So geschehen im Hauptbahnhof unserer Heimatstadt Zürich. Ein Wunder, dass ihr trotzdem ein Swisspass ausgestellt wurde.

Ich glaube nicht, dass man mich als Online-Pessimist abstempeln kann. Kulturkritiker bin ich wohl. Und ich will meine Augen vor den Nebenwirkungen des konstanten Online-Seins nicht verschliessen. Erste Angebote zum Detoxing haben sich am "Markt" längst etabliert. Die Bücher über die negativen Auswirkungen füllen Regale. Meine Frau ist wieder einmal der Zeit hoffnungslos voraus. Sie gehört zur wachsenden Gruppe der bewussten, geistig und körperlich topfiten Offlinern. Ich könnte mir vorstellen, dass sich die Bahn-Beamtin vor dem Schlafengehen noch mit dem Streicheln ihrer Glastafel beruhigt hat. Meine Frau schläft störungsfrei.

Hanniel hirnt (28): Schlaflosigkeit und Depression als Folge unserer virtuellen Verstrickungen

Es beschäftigt mich ein Artikel aus dem Magazin TIME über die tragische Erkrankung einer 17-jährigen Frau. Nicht erstaunlich: Ihre Mutter war sogar im Gesundheitsbereich tätig und merkte von aussen her überhaupt nichts von der innerlichen Entwicklung der Tochter. Die sozialen Medien haben dramatische Auswirkungen auf Denken und Handeln der neuen Generation. Meine Gedanken im heutigen "Hanniel hirnt".

  • Der Aufenthalt im Online-Meer wird zum verselbständigten Teil des Lebens, der alles durchdringt.
  • Das gesamte Leben wird verändert.
  • Ein grosser Teil der virtuellen Auseinandersetzung fand im Schlafzimmer statt. Gerade dorthin ziehen sich Kinder und Jugendliche zurück.
  • Erschütternd ist der ständige Vergleich mit virtuellen Darstellungen anderer Frauen.
  • Was uns als Autonomie erscheint, ist in Wirklichkeit eine ungesunde Aussenleitung. Das innere Bild wird ständig mit äusseren Bildern abgeglichen.
  • Medial inszenierte Vorbilder haben drastischen Einfluss.
  • Der erste Gradmesser ist der unregelmässige und unruhige Schlaf. Dem folgt die depressive Verstimmung auf dem Fuss.

Die Abhängigkeit von den sozialen Medien haben epidemische Ausmasse erreicht. Unser virtuelles Auge zur Welt steht uns so nahe, dass wir die Verstrickung nicht mehr wahrnehmen. Wir Eltern erkaufen uns vermeintliche Ruhe mit solchen Abhängigkeiten und Süchten. Fragen wir uns zuerst selbst: Wo stehen wir selbst in der Abhängigkeit? Wie kann Jesus unser Herz verändern, dass wir weise Beobachtungen unseren Kindern mitteilen können?