Viktor E. Frankl und die Zentralität der Sinnfrage

In den letzten zwei Jahren habe ich mich intensiv mit Viktor E. Frankl (1905-1997) auseinandergesetzt. Frankl gehört zu den prägendsten Figuren der Psychologie des 20. Jahrhunderts. Seine wegweisenden Perspektiven sind eng mit seiner Biographie verknüpft.

Die Beschäftigung führte mich zu folgender Schlussfolgerung:

Frankl trifft mit der Sinnfrage den Nerv des menschlichen Lebens, weil sich der Mensch selbst transzendiert: Er ist auf Gott hin gemacht worden. Frankl verabsolutiert jedoch die Sinnfrage im Sinn der Selbstverwirklichung und hat damit eine Ersatzideologie geschaffen.

Der Aufsatz ist in der Reihe der MBS Texte erschienen.

Viktor E. Frankl und die Zentralität der Sinnfrage

Temperaturunterschiede als Stimulans

Durch den Pastor unserer Kirche bin ich zum ersten Mal mit Paul Tournier in Berührung gekommen. Er zitierte ihn regelmässig in seinen Predigten. Paul Tournier (1898-1986) war als Arzt und Seelsorger Impulsgeber für frühere Generationen.

Die Lektüre Tourniers sich auf meinen Alltag ausgewirkt. Ein Beispiel: Wir haben die Temperatur unserer Wohnung während des Winters deutlich reduziert. Tournier bezeichnet die Temperaturunterschiede nicht als ärgerliche Unannehmlichkeit, sondern als Geschenk Gottes – „als Stimulans, dessen unser Körper wie unsere Seele bedürfen“.

Tournier war auch im Winter oft ohne Mantel unterwegs und sass im ungeheizten Auto. Er sagt dazu:

Wenn nun aber die Bibel weder den Körper noch die Natur verachtet, so hat das seinen Grund eben darin, dass sie ihnen einen Sinn zuerkennt, dass sie in ihrer Erschaffung und in den ihnen von Gott gegebenen Gesetzen eine liebevolle Absicht Gottes erkennt. … Bei der Verabschiedung meines Mantels handelt es sich darum, diese anregenden Temperaturunterschiede, die in Gottes Absicht liegen, und die die Zivilisation auszulöschen tendiert, im richtigen Mass zu respektieren.

Paul Tournier. Bibel und Medizin. Humata-Verlag: Bern o. J. S. 58-60.

Über das Sinnvakuum der modernen Überflussgesellschaft

Viktor E. Frankl,  (1905-1997), prägende Figur der Psychologie des 20. Jahrhunderts, beschreibt mit Präzision das Sinn-Vakuum der modernen Überflussgesellschaft, das sich in einem Langeweilegefühl manifestiert. Dabei greift er auf empirische Ergebnisse zurück. Das Problem akzentuiere sich unter jungen Erwachsenen, Arbeitslosen und Pensionierten.

Alkohol- und Drogenmissbrauch sieht er als Versuch an, „ein solches Glücksgefühl unter Umgehung jeder Sinnerfüllung herbeizuführen, und zwar auf dem Umweg über die Chemie“.

Das Tempo und den Lärm des modernen Lebens deutet er als „vergeblichen Selbstheilungsversuch der existenziellen Frustration; denn je weniger der Mensch um ein Lebensziel weiss – nur desto mehr beschleunigt er auf seinem Lebensweg das Tempo.“

Aus: Viktor E. Frankl. Das Leiden am sinnlosen Leben. Herder Verlag: Freiburg im Breisgau 200819. S. 11-19; 77.

Leitwerte „Friede“ und „Wohlstand“

Erneut zitiere ich den christlichen Apologeten Francis Schaeffer (1912-1984). Viele seiner Beobachtungen haben ungebrochene Aktualität, so auch die Feststellung, dass ein Konsens zu zwei kümmerlichen Werten bestehe:

Persönlicher Friede bedeutet, einfach in Ruhe gelassen und nicht mit den Problemen anderer Menschen belästigt zu werden, handle es sich dabei um die Welt oder um die Stadt – ein Leben mit einem Minimum an Konfliktmöglichkeiten. Persönlicher Friede bedeutet, dass ich in meinem Leben einen unbeeinträchtigten Lebensstil ohne Richtsicht auf die möglichen Folgen für meine Kinder und Enkelkinder führen will.

Wohlstand meint einen überwältigenden und stets zunehmenden Reichtum – ein Leben, das aus Gegenständen, Gegenständen und noch einmal  Gegenständen besteht – den an einem immer höheren Stand materiellen Überflusses gemessenen Erfolg.

Francis Schaeffer. Wie sollen wir denn leben? Hänssler: Holzgerlingen 2000. S. 204.

Lernerlebnis Nr. 6: Kämpfe für massvollen Konsum.

Während frühere Generationen alle Ressourcen aufwenden mussten, um an Festtagen wie Ostern etwas Spezielles auf den Teller zu bringen, kämpft die lebenden Generation mit dem Zuviel – an Essen und Möglichkeiten der Zerstreuung. Die Herausforderung ist nicht das Zusammenstellen eines „Osterkörbli“, sondern der vierte und fünfte Schokoladeosterhase.

Testballon: Beobachte einmal die Verbindung zwischen „zuviel“ und dem „Grad der (Un-)Zufriedenheit“ in der Familie. Meine Hypothese: Je mehr Material vorhanden ist, desto kleiner der erlebte Genuss (bzw. desto grösser die Unstimmigkeiten).

Das war das schönste Feuer

Gestern haben wir den Frühling mit einem grossen Feuer eingeweiht. Viel Holz, Schlangenbrot, Würste, Kartoffeln. Am Schluss haben wir mit Tannenästen nochmals ein mannshohes Feuer entfacht.

Auf dem Rückweg hörte mein Ältester im Zug, wie jemand sagte: „Das war der schönste Tag meines Lebens.“ Darauf meinte er: „Das war das schönste Feuer meines Lebens.“

Lernerlebnis Nr. 5: Die öffentlichen Verkehrsmittel benützen

Als Familie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs zu sein bringt einige handfeste Vorteile:

  • Als Familie üben wir uns in Pünktlichkeit. Wir müssen ein Ziel erreichen. Wenn jemand nicht mittut, dann verzögert dies das ganze Familienprogramm.
  • Wir kommen mit Menschen in Kontakt, denn wir treffen: Rentner, Ausländer, Alkis, andere Familien, Tiere. Wir treten mit ihnen in Kontakt, und unsere Kinder lernen verschiedene Lebenssituationen kennen.
  • Jedes Kind hat seinen eigenen Rucksack. Mein Motto: Jeder trägt, was er kann. Und je selbständiger unsere Jungs agieren, desto mehr können wir unternehmen.
  • Ich kann vorlesen – aktuell ein Detektivbuch -, Spiele machen etc.

Ich fühle, also glaube ich?

Die erste Ebene ist notitia, die Kenntnis eines Glaubensinhaltes.

Die zweite Ebene des Glaubens ist assensus, die Bejahung oder Annahme be­stimmter Glaubensinhalte. Jemand, der einem Sachverhalt zu­stimmt, bekundet sein Interesse und Einverständnis mit dem, was er sachlich wahrgenommen hat.

Die dritte Ebene, fiducia, ist das Gottvertrauen, der persönlich ge­lebte Glaube.

Keine der drei Ebenen des Glaubens darf fehlen. »Man kann Gott nicht anerkennen (= assen­sus), ohne ihn zu kennen (= notitia). Man kann Gott nicht vertrauen (= fiducia), ohne ihn anzuerkennen (= assensus). Oder man könnte auch sagen: Das (Gott)Gehören (= fiducia) setzt ein Gehorchen (= as­sensus), das Gehorchen ein Anhören (= notitia) voraus.«

Aus: Ron Kubsch. Kierkegaards Sprung. MBS Texte 144. Martin Bucer Seminar: Bonn 2010.

Gott als Kumpel und Lieferant?

Soll ich ein Haus bauen oder kaufen? Könntest du besorgt sein, dass ich einen Jungen als Kind bekomme? Würdest du bitte dafür sorgen, dass der Bus nicht gleich abfährt? – Wer hat nicht schon so oder ähnlich gebetet? Ich frage mich: Welches Gottesbild steckt dahinter? Das eines Gönners, eines Kumpels, eines „Wohlfühl-Lieferanten“?

Wie verändert sich dieses Bild, wenn dieser Gott nicht das „liefert“, was ich begehre? James I. Packer hat den Umkehrschluss treffend beschrieben: Es gebe manche, die meinen,

Gottes Wille sei ein sorgenfreies Leben für alle, ohne Rücksicht auf ihre geistige oder sittliche Verfassung, und von da her schliessen sie, alles Widrige und Ärgerliche sei (gleich, ob es Krankheit, Unglück, Unrecht, Arbeitslosigkeit oder Liebesschmerz ist) ein Zeichen, dass entweder Gottes Weisheit oder Seine Macht, oder aber beides am Ende – dass Er möglicherweise gar nicht existiere. (James I. Packer. Gott erkennen. VLM: Liebenzell 2005. S. 81.)

Calvin schreibt in der Institutio zur göttlichen Vorsehung:

Wir müssen eben an der Beschei­denheit festhalten, die Gott nicht zur Rechenschaft zieht; wir sollen vielmehr seine verborgenen Ratschlüsse ehren, damit uns sein Wille der gerechteste Grund aller Dinge sei! (Johannes Calvin, Institutio, I,17,1)