Lernerlebnis Nr. 25: Wie werde ich in 50 Jahren sein?

Bushaltestelle vor dem Zürcher Zoo, Platzregen. Neben mir nehmen drei ältere Menschen Platz. Ich bin schockiert über ihre Wortwahl, die schlüpfrigen Bemerkungen und die selbstbezogenen Aussagen. Wenn etwas einen Millimeter neben der Routine läuft, wird „gemotzt“. Im Bus singt eine Mutter mit ihrem Mädchen französische Lieder, die Kleine trommelt mit ihren Füssen den Takt. Eine der drei besagten Personen meinte trocken: „Kann man das auch abstellen?“ Worauf Mutter und Kind verstummten.

Erfolgsdruck

Druck entsteht, wenn der Mensch etwas will, was der Wille nicht bewirken kann.

Aus: Alfred Längle. Sinnvoll leben. Residenz-Verlag: St. Pölten/Salzburg 2007.

Ich habe auch ein Schwert

Im Freibad treffen unsere vier Jungs auf zwei Kollegen in gleichem Alter. Diese zeigen stolz ihr Kartonschwert und fragen meinen zweiten leicht provokativ: “Wie alt bist du?”

Mutig tritt dieser einen Schritt nach vorne und gibt zur Antwort (ich beuge mich vor, um ihn zu hören): “Das sage ich dir nicht. Ich habe auch ein Schwert, aber eins aus Holz.”

Erfolgssucht

Bei der Erfolgssucht ist es wie bei anderen Suchterkrankungen auch: Es braucht täglich mehr – auf welchem Weg auch immer.

Aus: Alfred Längle. Sinnvoll leben. Residenz-Verlag: St. Pölten/Salzburg 2007.

Lernerlebnis Nr. 23: Projektwoche Soziale Kompetenz.

An den Schulen werden Trainingsprogramme und Projektwochen zum Thema Soziale Kompetenz abgehalten. In kürzeren und längeren Einheiten sollen die Kinder bestimmte Verhaltensweisen erleben, reflektieren und einüben. So weit so edel; mein Einwand: Charakterentwicklung ist ein andauernder Prozess. Eine neue Gewohnheit einzuüben kann mehrere Monate dauern. Und es reicht nicht aus, die Verhaltensebene anzusprechen, das Kind (wie auch der Erwachsene) muss mit seinen Motiven konfrontiert werden. Das beste Trainingsumfeld hierzu ist und bleibt das Elternhaus.

Zum Verhältnis von Staat und Kirche

Johannes Corrodi, Religionsphilosophe an der Universität Zürich – Dissertation “The Christian Philosophy of Herman Dooyeweerd (1894-1977)” hat einen kurzen, dichten Aufsatz „Zum Verhältnis von Staat und Kirche – eine theologisch historische Skizze“ geschrieben. In diesem Text wird die Auffassung stark gemacht

dass der Staat in einer christlichen Gesellschaft die rechtliche Privilegierung einer besonderen Religionsgemeinschaft gerade ausschliesst. In dieser Perspektive wurzelt das Mandat des Staates vielmehr im göttlichen Auftrag, gerechte Rahmenbedingungen für die Entfaltung aller (Arten von) Gemeinschaften, inklusive Religionsgemeinschaften, zu gewährleisten – vorausgesetzt diese Gemeinschaften akzeptieren das staatliche Mandat.

Corrodi plädiert dafür, dass die Kirche nicht nur Gottes Wort verkündet und die Gegenwart Christi in den Sakramenten feiert, sondern dazu anleitet,

die Gegenwart Christi in der gesamten Schöpfung, Natur und Kultur, wahrzunehmen. … Es gibt kein Leben, keine Kultur und keine Wahrheit ohne Materialität.

Im Anschluss an den Theologen und Staatsmann Abraham Kuyper (1837-1920) setzt sich Corrodi für die „Sphärensouveränität“ ein: Das Schöpfungs- und Kulturmandat (nach Gen 1,28) beinhaltet „die Gestaltung und Transformation aller Lebenssphären“.

Durch den historischen Prozess seien hingegen immer mehr Lebenssphären aus dem Schoss der Kirche in die Selbständigkeit gelangt,

zur immer grösseren ‚Unsichtbarkeit’ des christlichen Glaubens – der schliesslich allein in den ‚Herzen’ der Gläubigen wohnt. … Der persönliche Glaube und das moralische Gewissen sind dem Einzelnen so innerlich, dass sie einerseits zum Inbegriff der unantastbaren Privatsphäre werden, andererseits aber jeden intersubjektiven Wahrheits- oder Geltungsanspruch ausschliessen.

Das wiederum führte zu einer Neudefinition der Freiheit, die nicht mehr Freiheit in Christus, sondern „Freiheit der ‚selbst-bestimmten’ Persönlichkeit“ wird. In der Folge würden die Sphären Ehe, Familie, Kirche, Parteien, Verbände etc. atomisiert, denn diese werden als Bedrohung der Autonomie gesehen.

Angewandt auf die Frage, ob Angehörige anderer Konfessionen und Religionen ihre Heiligtümer auf Schweizer Boden errichten dürfen,  schlussfolgert Corrodi: Der Rechtsstaat brauche

ein einheitliches moralisches Wertesystem, keine Einheitsbildung, keine einheitliche Architektur etc., sondern allein Anerkennung der einheitlichen Rechtsprechung und Respekt vor dem einen Gesetz des Landes.

Beurteilung: Drei Fragen bleiben aus meiner Sicht offen.

  1. Die hermeneutische Grundlage, auf der Corrodi operiert, bleibt mit der Definition “Als normativer Leitfaden dient die heilige Schrift der Christen im Kontext ihrer Wirkungsgeschichte.” unklar. Was hat Priorität?
  2. Was ist Grundlage für die „kreatürlichen“ gesellschaftsbildenden Normen?
  3. Wie nimmt die Kirche ihr Kulturmandat wahr, ohne ihre – aus meiner Sicht primäre – Aufgabe der Verkündigung des Heils zu vernachlässigen?