Selbstbetrug

Wir werden feststellen, dass noch den verwerflichsten Handlungen eine erträgliche Maske gegeben wird. Was andere Habsucht nennen, erscheint dem Handelnden selbst als kluge Vorsorge für seine Familie oder seine Freunde; Betrug als geschicktes Taktieren; Bosheit und Rache als gerechtes Ehrgefühl und als Verteidigung von Eigentumsrechten und des guten Rufs; Feuer und Schwert und die Vernichtung der Feinde als gerechte und gründliche Verteidigung gegen die Feinde; Verfolgung als Eifer für die Wahrheit und für das ewige Heil der Menschen…

Francis Hutcheson (1725), zitiert in: J. L. Mackie. Das Wunder des Theismus, Reclam: Stuttgart 1985.

Religionsfreiheit und die Rolle der Medien

Thomas Schirrmacher war als Sachverständiger im Menschenrechtsausschuss des Deutschen Bundestages. Er hat den Auszug seines Gutachtens über die Rolle der Medien online gestellt (siehe hier). Darin bezieht er sich auf den isolierten Prediger einer kleinen Glaubensgemeinschaft, der androhte den Koran zu verbrennen:

Ein Beispiel ist die Rolle der internationalen (auch der deutschen) Medien im Umgang mit einem verrücken und isolierten Prediger in den USA, der die Verbrennung eines Korans ankündigte, in einer Welt von 2,5 Milliarden Muslimen und Christen aller Schattierungen ein völlig bedeutungsloser Vorgang, wären denn da nicht die Medien. Man wollte unbedingt endlich die friedlichen Evangelikalen im Kulturkrieg mit den Muslimen sehen – Fundamentalisten gegen Fundamentalisten, da waren die Einschaltquoten sicher.

Die weltweite Evangelische Allianz hat die Ankündigung des Pastors übrigens postwendend zurück gewiesen (siehe hier). In der Erklärung heisst es:

Nirgends in unserer christlichen Schrift, noch in unserer Tradition oder den Schriften leitender Theologen der Vergangenheit und Gegenwart, werden Sie ein Gebot oder eine Empfehlung finden, sich durch Protest oder Zerstörung ihrer Schriften gegen andere Religionen zu wenden. In diesem Fall wird die Verbrennung des Korans die Gefühle der Gläubigen des islamischen Glaubens verletzen.

Die Zusammenfassung des Gesetzes

217. Gibt es nun eine kurze Zusammenfassung des ganzen Gesetzes?

Gewiss; wenn wir es in zwei Abschnitte fassen: Der erste lautet: Wir sollen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit allen Kräften; der zweite: Wir sollen die Nächsten genau so lieben wie uns selbst (Mt 22,37-39).

220. Was ist der Sinn des zweiten Abschnitts?

Wir neigen von Natur aus so sehr zur Selbstliebe, dass diese Regung über alle andern siegreich bleibt. Entsprechend soll nun die Nächstenliebe so in uns regieren, dass sie uns vollständig leitet und die Richtschnur aller Pläne und Taten ist.

Aus: Johannes Calvin. Der Genfer Katechismus (1545).

Lernerlebnis Nr. 59: Material ist in Fülle vorhanden.

Meine Frau hat das Trödler-Gen. Ich bewundere diese Fähigkeit: Sie geht durchs Schuhlager, notiert sich die Nummern, die fehlen. Am Dienstagabend steht sie mit unserem Ältesten vor der Kleiderbörse. Es wird nicht alles angeschaut, nur das Schuhabteil genau unter die Lupe genommen. 25 Paar Schuhe waren am Schluss gekauft, davon sind bereits sechs Paare im Einsatz.

Die Mythen der Adoleszenz (4)

Eine Blog-Leserin von www.therebelution.com schreibt:

I have seen the bending of the twig with my son’s peers. Others are amazed at what my children know and the way they behave, but when they ask me about their learning, they quickly decide it would never work with their children. Their children MUST watch television, they MUST play video games, they WON’T go to Bible study and they HATE museums. The parent’s have already imposed the shackles on their children.

Dies stimmt eins zu eins mit meinen eigenen Erfahrungen überein!

Konsumismus als Ersatzreligion

Norbert Bolz, Medienwissenschaftler, stellt in seinem 2002 erschienenen Buch “Das konsumistische Manifest” den Konsumismus als Ersatzreligion dar:

Der Konsum integriert die postmaterialistische Gesellschaft durch Verführung. Das gemeinsame Angebot der postmodernen Märkte lautet: Wiederverzauberung der entzauberten Welt. Und wo gezaubert wird, gilt: „Man will der Betrogene sein“. … Das Warenangebot ist nur noch Beihilfe zur Selbsttäuschung.

Bolz entwickelt ein Dreistufenmodell des Konsums:

  1. System der Bedürfnisse: „Befriedige mich!“
  2. Wunschökonomie: „Verführe mich!“
  3. Der Konsum als Produkt: „Verändere mich!“

Zeit-Not

Wie sieht dein Tagesablauf aus? Brett Harris schreibt (hier):

Sometimes a whole day can slip by and nothing gets accomplished. Often it’s 15 minutes here, a half-hour there, 20 minutes here, an hour there, and suddenly you’re wondering where the day went.

Übernehme ich Verantwortung für meinen Tag? Oder bin ich Opfer meiner Zeitfresser? Nochmals Harris:

They might seem harmless — the book we’ve already read, the online forum or message board where we “reach out,” the 5-minute video we found online, the new World Magazine comic section, the video game that’s fun and clean, a review of the latest star-studded flick, or that article on Google News about the kitten with two heads.

Was wäre alles drin gelegen, wenn ich die Zeit anders genützt hätte?

If we were to devote all the time we spend reading random news stories online to reading life-changing, soul-feeding books, how might our relationship with Christ flourish?

If we were to devote all the time we spend watching television to developing our talents in the areas of writing, speaking, musical instruments, filmmaking, painting, sewing, gardening, woodworking, web design, landscaping, computer programming, etc. how much more effective might we be in the Kingdom of God?

Paulus schrieb:

Achtet also sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht töricht, sondern klug. Nutzt die Zeit; denn diese Tage sind böse. (Epheser 5,15+16)

Passende Bücher:

Alex & Brett Harris. Do Hard Things: A Teenage Rebellion Against Low Expectations.

Alex & Brett Harris. Start Here: Doing Hard Things Right Where You Are

Lernerlebnis Nr. 58: Katechesen lesen.

In seiner Einführung zu dem von Calvin verfassten Genfer Katechismus (1545) schreibt Saxer:

Calvin legte zeitlebens grössten Wert auf einen guten Katechismus zur Unterrichtung der Jugend und sah darin eine unentbehrliche Grundlage der Kirche. Entsprechend sorgfältig waren denn auch seine Anordnungen für die Durchführung des Unterrichts in Genf. Die Genfer Kirchenordnung schrieb vor, dass allsonntäglich in den drei Kirchen der Stadt … um 12 Uhr mittags mit den Kindern Katechesen gehalten wurden. Die Eltern und Lehrer wurden streng verpflichtet, für den Besuch zu sorgen und sie dort hinzuführen. Viermal im Jahr fand am Sonntag vor den Abendmahlsfeiern eine öffentliche Befragung statt, bei der die Kinder eine Zusammenfassung des Katechismus zu beantworten resp. zu rezitieren hatten.

Aus: Calvin Studienausgabe. Band 2. Gestalt und Ordnung der Kirche. Neukirchener Verlag: Neukirchen-Vluyn 2010.

Etwas informeller gestalte ich die Lesung der Katechesen – mehrmals pro Jahr während zwei Wochen, vor und nach den Mahlzeiten. Denn ich halte viel von Auswendiglernen (das aber nie die aktive Reflektion ersetzen soll).

Das weiss ich auch heute noch nicht

In seinem 74. Lebensjahr schrieb der greise Augustinus seine Rectatractiones. Er konnte zumindest einen Teil seines Lebenswerkes nochmals durchgehen, kommentieren, da und dort seine Entwicklung festhalten. So schrieb er zur Frage nach der Herkunft der Seele, „wie sie entsteht, so dass sie im Leibe west“:

Das habe ich damals nicht gewusst und weiss es auch heute noch nicht. (Augustinus. Retatractiones. I,1,3)

Diese Ehrlichkeit nehme ich mir zu Herzen. Sie bewahrt vor mancher unbesonnenen Spekulation.