Menschenbilder (1): Wenn der Mensch auf seine Umgebung reduziert wird

Rousas J. Rushdoony (1916 – 2001) zeigt – bisweilen provokativ – die Auswirkungen eines bestimmten Weltbildes auf einen bestimmten Lebensbereich auf:

Communism is one version of environmentalism – the notion hat a man’s character is made for him and not by him. Improve his material circumstances and you change man for the better. Education, under this dispensation, is the sum total of efforts to adapt man to his surroundings.

Dieses Weltbild stellt er dann dem christlichen gegenüber – und erkennt einen Reduktionismus:

No Christian can accept so narrow a definition of environment; his natural habitat is the universe of time and space, but he is also environed by another dimension, eternity.

Aus: J. R. Rushdoony. Intellectual Schizophrenia. Culture, Crisis and Education. Ross House: Vallecito 2002.

Eine kleine Ethik des Alltags (10)

“Du sollst das Angesicht des Geringen nicht erheben und das Angesicht des Grossen nicht ehren.” (3. Mose 19,16)

Es gibt Übertreibungen nach zwei Seiten hin: Entweder kann der Starke oder aber der Schwache bevorzugt werden. Beide Parteinahmen sind Unrecht, denn sowohl der Starke wie der Schwache sind im Ebenbild Gottes erschaffen und darum mit den gleichen primären Rechten ausgestattet.

Hast du es im Griff?

“Hast du es im Griff?” Das werde ich oft gefragt. Die Antwort lautet: Ich habe es nicht im Griff. Nur einer hat alles im Griff – der allmächtige dreieine Gott. Unsere Anforderung wäre es jedoch, alles im Griff zu haben.

Das zeigt sich in Kleinigkeiten: Wir hätte gerne eine blitz-blank geputzte Küche. Unsere Kinder sollen herausgeputzt sein. Es soll perfekt aussehen. Dies ist Ausdruck unserer Sehnsucht nach dem Vollkommenen; doch die Realität präsentiert sich anders. Wir leben in einer gefallenen Schöpfung, und dieser Bruch beginnt in unserem eigenen Innern, das nur zu oft im Widerspruch zu der von uns angestrebten Ordnung steht.

Eine kleine Ethik des Alltags (9)

“Der Lohn des Tagelöhners soll nicht über Nacht bis zum Morgen bei dir bleiben. Du sollst einem Tauben nicht fluchen und einem Blinden keinen Anstoss (in den Weg) legen. Und du sollst dich fürchten vor deinem Gott. Ich bin Jahwe.” (3. Mose 19,13-14)

Dreimal geht es um das Ausnützen einer Notlage: Dem Tagelöhner wird der Lohn vorenthalten; dem Tauben wird geflucht; dem Blinden wird ein Anstoss in den Weg gelegt. Die Ehrfurcht des Israeliten, der sich in der Bundesverpflichtung gegenüber Jahwe wusste, zeigte sich gerade in seinem Verhalten gegenüber Schwächeren.

Lernerlebnis Nr. 11: Was ist hängen geblieben?

Lass dir Geschichten von den Kindern nacherzählen. Wenn ihnen jemand eine Geschichte vorgelesen hat, fordere sie auf, sie nochmals zu erzählen. Das funktioniert, auch bei Dreijährigen! Allerdings habe ich immer wieder erlebt: Die Erwachsenen lassen die Kinder nicht ausreden und erzählen die Geschichte selber fertig. Schade.

Eine kleine Ethik des Alltags (8)

“Ihr sollt nicht bei meinem Namen falsch schwören und den Namen eures Gottes nicht entweihen. Ich bin Jahwe.” (3. Mose 19,12)

Unwahrheit zum eigenen Vorteil einzusetzen zieht oft weitere Kreise. Ein falscher Eid kann Folge eines betrügerischen Verhaltens sein. Den Namen Gottes, sprich seine Identität, für den eigenen Zweck zu missbrauchen führt zum Entweihen eben dieses Namens (V. 12). Wiederum befinden wir uns im Wortfeld der Heiligkeit Gottes. “Entweihen” drückt die tiefe Beleidigung Jahwes aus.

Wenn der Fernseher zum Hausaltar mutiert

Der Fernseher ist Menetekel des Sozialverlustes der Eltern. … Er stellt eine passive Versorgungssituation her. … Die Familie sammelt sich rund um den strahlenden Apparat, als sei er eine Art „Mutter Gottes-Altar“. Zu ihm darf man ein leicht regressives, kleinkindlich gieriges Verhalten einnehmen – und so sieht der Familienabend denn auch oft aus. Alle im Rund, jeder leicht verdauliche, weiche Speise (Kartoffelchips und Snacks) auf dem Schoss, die er sich, während ihm vom Bildschirm 30 000 Lichtpunkte pro Minute in die Augen flackern, fast ohne Unterbrechung (kein Aufschub, kein „Verzicht“) in den Mund schiebt.

Wolfgang Bergmann. Ich bin der Grösste und ganz allein. Patmos: Düsseldorf 2010.

Wie schütze ich mich (auch als Christ) vor Fundamentalismus?

Hier ein Auszug aus den Empfehlungen von Thomas Schirrmacher:

  • Verneine jede Art von Hörigkeit anderen Menschen gegenüber.
  • Verneine blinden Gehorsam. Auch höhere Gebote und Ordnungen darf man in Ruhe diskutieren und nach ihrem Grund fragen.
  • Stehe autoritären Führern kritisch gegenüber. Was gut und ‘wahr’ ist, erkennt nie nur ein Einzelner.
  • Hinterfrage, wenn andere Befehle Gott für dich bekommen.
  • Unterscheide deutlich zwischen Gott, Gottes Offenbarung und der fehlbaren Auslegung durch uns Menschen.
  • Höre Andersdenkenden immer erst einmal zu. Werde ein erfreulicher Gesprächspartner.
  • Selbstkritik ist der Beginn jeder Religiosität. Bewahre dir den selbstkritischen Blick für dein Leben, dein Denken, deine Stärken und Schwächen.

Thomas Schirrmacher. Fundamentalismus. SCM Hänssler: Holzgerlingen 2010. S. 30-31.

Gottes Führung verläuft ohne Untertitel

Nur zu gerne würden wir wissen, ob Gott an unseren Entscheidungen beteiligt ist und wenn ja, was er entsprechend von uns will und was dann die beste Entscheidung ist.

Gott wird häufig als jemand gesehen, der alles für uns ausgedoktert und für jedes seiner Kinder einen fix-und-fertigen Plan vorbereitet hat. Als würde unser Leben der Bauzeichnung eines Architekten gleichen, der ein Haus entworfen hat, wobei die Handwerker sich nur den Entwurf ansehen müssen, um dann das Haus zu errichten. Die Aufgabe des Gläubigen bestünde entsprechend darin, in grossen und kleinen Dingen Gottes spezifisches Ziel im Hinblick auf das persönliche Leben zu suchen.

Das Problem bei dieser Art von Umgang mit Führung ist mehrschichtig: Zum einen, wenn man davon ausgeht, dass Gott so das individuelle Leben führt, bildet dies häufig eine Quelle für Sorgen und Angespanntheit. Denn man hat immer Angst davor, dass man den Plan Gottes für sein Leben verpassen könnte. Zweitens lähmt es Menschen im Hinblick darauf, Verantwortung zu übernehmen. Zum Dritten führt es häufig zu sehr armseligen Entscheidungen, die nicht auf einer gesunden Abwägung sämtlicher Umstände beruhen, sondern auf einer plötzlichen Eingebung oder einem zufälligen Geschehnis.

Aus: Wim Rietkerk. In dubio – Handbuch für Zweifler. VKW: Bonn 2010.

Vom Leid der Gruppenorientierung

Erneut zitiere ich den Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann. Er äussert sich sehr pointiert zur Bindung von Kindern zu Gleichaltrigen: 

In den Erziehungswissenschaften wird seit langem beobachtet, dass die Gruppen Gleichaltriger bereits für die Elf- und Zwölfjährigen immer wichtiger werden und den Platz der Familie einnehmen. Geschmack und Vorlieben, Lebenspläne und Selbstbilder entwerfen Kinder und Jugendliche zunehmend nicht im Rahmen der Familie, sondern in einer Gruppe von Altersgenossen. Die ersten Beobachtungen dieser Art stammen bereits aus den achtziger Jahren. Sie haben sich im Verlauf der letzten dreissig Jahre zunehmend bestätigt.

Was die wissenschaftliche Studie nicht verrät, das ist die lange nicht wahrgenommene Tatsache, dass sich hinter dieser Gruppenorientierung eine grosse seelische Not verbirgt. Keineswegs ist das Herumstehen und Herumlungern mit Gleichaltrigen auf der Strasse, in Tanzschuppen oder Kaufhäusern ein emotional gleichwertiger Ersatz für familiäre Zugehörigkeit. Jeder, der das Glück hat, in einer intakten Familie zu leben, kann den Unterschied zu den anonymen Gruppierungen gleichaltriger Jugendlicher unmittelbar sehen: Sie sind wie Fortgetriebene…

Bergmann spricht von einem Übermass an unbehüteten Trennungen, welche die Kinder durch dieses Bindungsverhalten erleiden müssen.

Die Abhängigkeit der Gruppen Gleichaltriger von den Medienerfahrungen kann dazu führen, dass der (notwendige) Gegensatz zwischen Familie und ausserfamiliären Gruppen über ein psychisch zuträgliches Mass hinaus radikalisiert wird. Zu viele Brüche, zu viele Trennlinien soll ein Kind gleichzeitig verarbeiten. … Ein junger Mensch, der nicht in einem lebendigen inneren Kontakt zu seiner Familie und damit zu den seelischen Ursprüngen seines Lebens steht, verliert sich sehr rasch in den konformen Anforderungen, die eine Gruppe stellt.

Wolfgang Bergmann. Ich bin der Grösste und ganz allein. Patmos: Düsseldorf 2010. S. 123+129.