Die Angst des Bäckhultbauern

In den Sportwochen habe ich mit meinem ältesten Sohn in einem Kinderbuch von Astrid Lindgren, der Kultautorin von „Pippi Langstrumpf“, gelesen. Es geht um einen armen Jungen, dessen Eltern die einzige Kuh verlieren, weil sie einen Nagel verschluckt hatte. Die andere Hauptfigur ist ein reicher Bauer, der in regelmässigen Abständen in die Stadt fährt, um zu fressen und zu saufen. Wir würden heute von einem geplanten Absturz eines Quartalsäufers sprechen. Stockbetrunken führt ihn das Pferd zurück zu seinem Hof, der Bauer ist eingeschlafen. Er erwacht, aufgeschreckt durch ein unheimliches Brüllen in seinem Rücken. Es ist das Kälbchen, das er in der Stadt erworben hatte und in einem Sack auf dem Rücksitz mitführt.

Wild vor Schreck ergriff der Bäckhultbaer die Peitsche und zog Blanka (seinem Pferd) eins über das Hinterteil. Er wusste wohl, wen er da als Fahrgast bekommen hatte! Der Böse war es, der dort lag und ihn rief. So etwas hatte man schon gehört, aber dass gerade ihm, dem armen kleinen Sünder, so was passieren musste. Das war die Strafe für seine Sauferei. Oh, damit sollte es von nun an endgültig Schluss sein. Er peitschte auf Blanka ein und sie lief, wie sie noch nie gelaufen war. Aber wieder und immer wieder kam der unheimliche Laut. Da packte den Bäckhultbauern den Zorn. Fuchsteufelswild wurde er. Musste der den Höllenfürsten auf seinem Schlitten mitfahren lassen, wenn er es nicht wollte? Nein, wahrlich nicht! Raus musste das Scheusal, auch wenn es das Letzte war, was der Bäckhultbauer in seinem Leben tat. Er brachte Blanka zum Stehen und wankte vom Sitz. „Jetzt! Jetzt, du Erzfeind, ist es auch mit dem Fahren!“ sagte er. Es kam ein neues, Grauen erregendes Brüllen, aber wenn der Bäckhultbauer zornig war, dann war er es und liess sich nicht schrecken. Den Bösen jedoch anzusehen, wie er da lag, das wagte er nicht. Er schloss die Augen, tastete und bekam ihn zu fassen. Er hob ihn hoch – schwer war er auch noch, der Racker! Aber den Bäckhultbauern machst du nicht fertig! Aus dem Schlitten mit dir!, so wahr mir Gott helfe an Leib und Seele.”

Aus: Astrid Lindgren. Als der Bäckhultbauer in die Stadt fuhr (1951).

Sehen wir uns das Vokabular genauer an: Der Böse; armer kleiner Sünder, Strafe für die Sauferei, Höllenfürst, „so wahr Gott mir helfe“. Was Lindgren vor 60 Jahren zu Papier gebracht hat, müsste heute anders daherkommen. Eine solche Himmel-und-Hölle-Geschichte wäre nicht mehr mehrheitstauglich. Man darf heute viel, aber eines liegt nicht mehr drin: Der Mensch darf nicht als „armer kleiner Sünder“ dargestellt werden.

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