Einzigartig geschaffen, tief gefallen

Calvins erste grössere theologische Abhandlung, seine Vorrede zur Olivetanbibel (1535), ein Jahr vor der ersten Ausgabe seiner Institutio, enthält einen wunderbaren Abriss der Heilsgeschichte. Hier der erste Ausschnitt zum Thema “Schöpfung” und “Fall”:

Gott, der ganz vollkommene und ausgezeichnete Urheber aller Dinge, hatte noch über alle anderen Werke der Schöpfung, in welchen er sich schon mehr als bewundernswert erzeigt hatte, als ein Meisterwerk den Menschen geschaffen, an welchem man eine einzigartige Auszeichnung betrachten konnte. Denn er hatte ihn nach seinem Bild und ihm ähnlich gestaltet (Gen 1,26), so dass das Licht seiner Herrlichkeit klar in ihm leuchtete. Was ihn nun in diesem Stand erhalten konnte, worin er geschaffen worden war, das hätte darin bestanden, sich in Demut immer vor Gottes Herrschermacht zu erniedrigen, ihn mit Danksagung zu preisen und nicht in sich selbst (den Grund für) seine Herrlichkeit zu suchen, sondern im Blick darauf, dass alles von oben ausgegangen war, auch immer nach oben zu schauen, um damit den einen Gott, dem das Lob dafür zukam, zu ehren.

Aber weil der Unglückselige etwas aus sich selbst sein wollte, begann er sofort zu vergessen und zu verkennen, woher das kam, was gut für ihn war, und mit beleidigender Undankbarkeit unternahm er es, sich gegen seinen Erschaffer und Urheber all seiner (empfangenen) Gnaden in anmassendem Stolz zu erheben. Deswegen stürzte er in den Untergang; er verlor die ganze Würde und Auszeichnung der ursprünglichen Schöpfung; er wurde seiner ganzen Herrlichkeit entkleidet und beraubt; er verscherzte die in ihn gelegten Gaben; (alles,) um ihn in seinem Hochmut zuschanden zu machen und ihn das lernen zu lassen, was er nicht gutwillig hatte hören wollen, nämlich, dass er ein Nichts sei und nie etwas anderes gewesen wäre, wenn nicht der Gott der Stärke ihm beigestanden hätte.

Aus: Calvin-Studienausgabe. Teilband 1/1. Neukirchener: Neukirchen-Vluyn 1994. (35)

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