Das Kind als Wunschfigur der Erwachsenen

Alle Klassiker und Neuerer einer “Pädagogik vom Kinde aus” … können dem Einwand nicht entgehen, dass das Kind, das da zum Zentrum und zum Massstab der Erziehung gemacht werden soll, auch eine Wunschfigur der Erwachsenen ist. Die Reformpädagogik der klassischen Zeit war gekennzeichnet durch eine Überfrachtung des Kindes mit den eigenen Problemen der Erwachsenen, ihren Hoffnungen auf eine Besserung der Welt aus dem “Geiste der Kindheit”. Es sind Idealisierungen des Kindes, mit deren Hilfe die Erwachsenen sich selber und ihre Welt in Frage stellen; Projektionen also: die eigenen Wünsche und Hoffnungen werden auf die scheinbar weisse Leinwand der Kindheit projiziert. Wie aber soll eigentlich eine Gesellschaft besser werden, wenn die Erwachsenen sich der Illusion hingeben, der Neuanfang sei in erster Linie bei den Kindern möglich; er sei also nicht etwas, was sie für sich selbst, allenfalls zusammen mit ihren Kindern, leisten müssten?

Andreas Flitner. Reform der Erziehung. Beltz: Weinheim/Basel 2010 (4. Auflage). (48-49)

Ähnliche Beiträge