Ich habe es satt, dem Kind hinter her zu rennen – du auch?

Von einer weisen Person aus meinem Freundeskreis habe ich eine Lektion gelernt, die mir als schnell denkender, langsam handelnder Person eine wertvolle Hilfe in der täglichen Kommunikation mit meinen fünf Söhnen ist:

Die Ausgangslage: Ich fordere einen meiner Jungs auf, etwas zu tun – sich die Zähne zu putzen, die Geschirrspülmaschine einzuräumen, die Turntasche beim Nachhausekommen an ihren Platz zu stellen, die Legosteine vor dem Abendessen aufzuräumen etc. Mein Sohnemann stellt sich mit einem „Nein“ in den Weg.

Analyse meiner Reaktion: Ich beginne mich zu wiederholen, das heisst ich erteile die Anweisung in den folgenden Minuten ein weiteres Dutzend Mal. Dadurch sorge ich aktiv dafür, dass meine Worte an Gewicht verlieren. Meine Appelle reichen darum nicht aus. Ich gehe dem Kind nach, setze die Lautstärke herauf. Das heisst, ich beginne mit viel Energie auf mein Kind einzuwirken. So lange das Kind klein ist, gelingt es mir mit diesem erhöhtem Energieaufwand, der Situation „Herr“ zu werden. Es entwickelt sich jedoch eine Gewohnheit daraus. Das Kind wird stärker und hält dieser (übermässigen) Einwirkung je länger je mehr entgegen. Es trainiert sein „Nein“, es läuft schneller davon, es versteckt sich besser, es findet passendere Ausreden. Und schlimmstenfalls wendet es eines Tages Gewalt gegen mich an.

Eine Alternative: Ich erteile mündlich und ruhig eine Anweisung. Das Kind antwortet mit „Nein“ und/oder läuft davon. Anstatt dem Kind nachzuspringen, meine Anweisung zu wiederholen, ärgerlich zu werden – gehe ich auch davon. Ich wende mich meiner nächsten Aufgabe zu. Wenn das Kind das nächste Mal zu mir kommt und etwas von mir möchte, erinnere ich kurz (und ruhig) an meine Anweisung. (Das ist für mich eine besondere Herausforderung: Mein Kopf ist oft so voller Gedanken, dass ich meine Anweisung nach zwei, drei Minuten wieder vergessen habe.) Ich mache keinerlei Zugeständnisse, bevor das Kind den Auftrag ausgeführt hat.

Eine mögliche Veränderung: Ich renne nicht mehr hinter dem Kind her; ich spiele meine eigenen Worte nicht dauernd herunter; das Kind kommt zu mir; es gewöhnt sich daran Aufträge auszuführen. Es wird in der Selbstverantwortung gelassen und nicht mit vielen Worten „gegängelt“. Und ich spare wertvolle Ressourcen für wichtige Momente, anstatt sie in einem dauernden Kleinkrieg laufend zu verpuffen.

Neugierig geworden? Dann ahme dies nach. Und bevor ich es vergesse: Ich bin kein Fan von Arbeit nur auf der Verhaltensebene. Ich analysiere in günstigen Momenten wichtige Vorkommnisse mit meinem Kind, indem ich ihm Warum-Fragen stelle. (Das habe ich übrigens von meinen Söhnen neu gelernt.) Das setzt allerdings voraus, dass ich mir die gleichen Fragen zuerst selber gestellt habe.