Sommerlektüre: Über die Generation der Kriegskinder

Sabine Bode. Die vergessene Generation: Kriegskinder brechen ihr Schweigen. Klett-Cotta: Stuttgart, 2015 (20. Auflage). 304 Seiten. 8 Euro (Kindle-Version).

Sabine Bode (* 1947), Journalistin aus Köln, hat es sich zur Aufgabe gemacht, über eine vergessene Generation zu recherchieren. Es geht um die Jahrgänge, die zwischen 1930 und 1945 geboren sind und demnach den Bombenkrieg in Deutschland und/oder die Flucht am Kriegsende durchleben mussten. Das Buch stellt eine Mischung zwischen Literaturrecherche, Portraits einzelner Schicksale und übergeordneter Reflexion dar. Die Werke von Soziologen, Ärzten, Schriftstellern und Historikern werden ebenso zitiert, wie einzelne Betroffene selbst zu Wort kommen. Erst nach der Jahrtausendwende begann die öffentliche Debatte und Aufarbeitung dieses Themas.

Die Leiden dieser Generation waren mannigfaltig. Eine einschneidende Fluchterfahrung, während der die Kinder nicht nur ihr Hab‘ und Gut zurücklassen mussten, sondern über Monate mit Krankheit, Tod und Brutalität konfrontiert mussten, hinterlässt lebenslange Spuren. Als Baby sich täglich in den Luftschutzkeller aufzuhalten und von der geängstigten Mutter nicht gestillt werden zu können, lässt Herzprobleme Jahrzehnte später zum quälenden Begleiter werden. Die jahrzehntelange Suche nach dem verschollenen Bruder bedeutet, dass überlebende Geschwister hintan stehen mussten. Jahrelange Mangelernährung konnte den Hunger zum Lebensthema werden lassen. Sich weder an Geburtsort, Datum oder den eigenen Namen erinnern zu können, beraubte einer Person ihrer Identität. Das lebenslange Warten der Mutter auf den Vater hinterliess Schuldgefühle und eine lebenslange Rollenumkehr: Kinder behüteten ihre Eltern. Die Platzierung bei Pflegefamilien bewirkte den lebenslangen Eindruck, weniger wert zu sein. Das Unbeaufsichtigt-bleiben in den Jahren nach dem Krieg hatte nicht nur eine grosse Eigenständigkeit von Kindern zur Folge; manche waren auch dem Missbrauch von Erwachsenen schutzlos ausgeliefert.

Die Lektüre ging mir nahe. Was bleibt haften?

Erstens beschreibt die Autorin über die Mühe solcher Menschen, stabile Beziehungen einzugehen und vor allem aufrecht zu erhalten. Kaum eine Ehe blieb intakt.

Zweitens die Erkenntnis, dass Eltern unbewusst „emotionale Pakete“ an ihre Kinder weitergeben. Leiden und dysfunktionale Muster tauchen auch bei der nächsten Generation auf. (Bode schrieb noch ein weiteres Buch „Kriegsenkel: Die Erben der vergessenen Generation“.)

Drittens der Eindruck, wie der gesellschaftliche Umgang mit dieser Generation ebenfalls prägte. Ärzte und Psychiater kümmerten sich vor allem um „direkte“ Kriegsgeschädigte – ohne zu beachten, dass die Kriegskinder auch zu den Versehrten gehörten.

Viertens ist es bemerkenswert, dass sich für die Generation ein bestimmtes Profil entwickelte: Sie blieb unscheinbar und war äusserst arbeitsam.

Fünftens wird deutlich, wie wichtig die Aufarbeitung bzw. das in-Kontakt-treten mit der eigenen schmerzlichen Geschichte ist. Individuelle wie auch kollektive Trauer bilden die Voraussetzung, auf das Leiden anderer richtig Anteil nehmen zu können.

Eigentlich ist diese Arbeit ein (Praxis-)Lehrbuch zur Traumaarbeit. Es liess mich sensibler dafür werden, welche Geschichten gerade Menschen mit sich herumschleppen, die nie auf sich aufmerksam machen. Ich empfehle die Lektüre nicht nur geschichtlich interessierten Menschen, sondern allen, die wie ich in einer beratenden Funktion tätig sind.

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