Kolumne: Willige Gefährten unserer eigenen Begehrlichkeiten

Je länger ich in der Vaterrolle bin und mit wachem Blick meine Umgebung im Auge behalte und einen möglichst ehrlichen – wenn auch immer getrübten – Blick in mein Inneres werfe, wird mir bewusst: Unsere Elternrolle in den Wohlstandsländern Europas ist von einer selbst induzierten Spannung geprägt: Unser eigenes Leben und damit auch das unserer Kinder ist bis in die Details des Alltags von einem menschzentrierten Freiheitsbegriff geprägt. Wir wollen frei sein das zu tun, wozu wir Lust verspüren. Damit laden wir uns eine Knechtschaft auf: Wir sind willige Gefährten unserer eigenen Begehrlichen.  Wir fordern ein, was wir meinen uns schuldig zu sein. Was sind wir uns denn schuldig? Dass wir der Sehnsucht nach Selbstzufriedenheit Genüge tun. Für uns Eltern nimmt das vielfältige Formen an: Einen Beruf, der uns Anerkennung und Befriedigung gibt (ich habe Gespräche mit Menschen, die eigentlich immer auf der Suche nach der optimalen Arbeitsstelle sind); einen Wohnort, der unseren Anforderungen entspricht (ob's der Häuslebau mit Doppelgarage und Gärtchen ist oder die Einrichtung unseres Innenraums nach einem bestimmten Stil); einen Alltag, der uns nicht von den Annehmlichkeiten abschneidet, die wir uns als Standard definiert haben (die Fernsehzeiten, die Kino- und Ausgangsabende, die Wellnesswochenenden, die Weiterbildung und sogar christliche Aktivitäten). Selbstverständlich übernehmen unsere Kinder diese Ideale – auf ihrer eigene Weise.

Sie kopieren unsere gelebten Ziele (Lebensstil ist Lebensziel) und passen sie auf ihre Welt an. Ihre Welt besteht oftmals aus wenig Bewegungs- und Schaffensraum. Sie müssen frühmorgens weder Holz schleppen, um das Haus zu heizen; noch müssen sie in Garten und Feld mithelfen, damit Essen auf den Tisch kommt. Wenn eine Kleidung ausser Mode gekommen oder zerschlissen ist, besorgt man sich eine neue. Wenn ein Spielzeug oder ein Einrichtungsgegenstand fehlt, sorgen Eltern, Verwandte und Freunde vor. Es fehlt die Herausforderung, auf der Handlungsebene etwas erreichen zu müssen – und die damit verbundene Befriedigung. Diese Inhaltsleere und das Fehlen mittel- und langfristiger, du-gerichteter Ziele schafft ein Vakuum. Dieses wird mit materiellem und vor allem virtuellem Konsum kompensiert und überbrückt. Weshalb hängen Kinden jeden Tag Stunden am Handy? Weshalb toben sich Jungs in virtuellen Welten aus? Weshalb konsumieren schon Zehnjährige regelmässig Pornobilder? Es geht doch um die Überbrückung der Leere! Die Eltern sind froh um den so gewonnenen Freiraum – zur Verwirklichung ihrer eigenen, oben beschriebenen Interessen. Die wichtigsten Jahre des Erwachsenwerdens werden einer endlosen Adolenzenz geopfert. Mit Opfer meine ich keinen Verzicht, sondern die Abhängigkeit von einem gesellschaftlich vorgegebenen, heidnischen Lebensstil.

Es ist unglaublich schwierig, aus diesem Kreislauf auszubrechen. Wenn ich unsere Söhne in der Entwicklung ihrer Männlichkeit begleiten soll, muss ich zuerst meine eigene Alltagswirklichkeit betrachten. So galt es in den letzten Jahren von manchen wohl gehüteten Pfründen und Privilegien Abschied zu nehmen. Und noch immer gebe ich freimütig zu: Ich bin ein Kind meiner Zeit. Deshalb betete ich heute Morgen am Frühstückstisch darum, dass der Heilige Geist mir das Verlangen gibt nach dem, der unser wahres Begehren wirklich zu füllen versteht. "Wie ein Hirsch lechzt nach frischen Wasserbächen, so lechzt meine Seele, o Gott, nach dir. Ich dürste nach dir, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich kommen und erscheinen vor Gottes Angesicht?" Wie sehne ich mich danach, dass dieses Gebet Asaphs im Leben meiner Familie Wirklichkeit wird. Es geht nicht darum, vom willigen Gefährten der eigenen Begehrlichkeiten sich nun in eine neue Knechtschaft der Askese zu flüchten. Es geht vielmehr darum, den zu ehren von Tag zu Tag mit Denken und Handeln, der uns geschaffen hat. Wie soll das geschehen? Indem wir uns an ihm FREUEN! Also werden wir willige Gefährten seiner Begehrlichkeiten. Christliche Geniesser.

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