Zitat der Woche: Das schwache Selbst der Selbstverliebten

Passendes Buch:

Gekonnt arbeitet die Schriftstellerin Elisabeth Müller den Narzissmus des Einzelkindes Röbi (im Buch «Das Schweizerfähnchen», erschienen 1937) heraus.

Jetzt schaute die Mutter zum Fenster hinaus, und es ging ein trüber Schleier über ihr Gesicht. Wieso hatte auch ihr Röbi eine so grosse, grosse Sehnsucht nach Kindern? Er hatte es ja so gut daheim! Spielsachen übergenug! Durfte alles haben, was er wollte! Und jetzt konnte er wieder so betteln, dass einem das Herz schwer wurde.

(Der Flüchtlingsbub Martin bietet dem verwöhnten Röbi ein Stück Schokolade an.)

Aber da stand hinter ihm der andere Bub, der Bub, der ihn nicht hatte grüssen wollen. Er hatte die Daumen in die Armlöcher gesteckt, stand mit gespreizten Beinen da und probierte, ein Gesicht zu schneiden wie die grossen Männer, wenn sie ein Pferd musterten.

… Da fuhr Röbis dicker Kopf herum. Schön sah er in Martins falcher Hand das Silberpapier in der Sonne glänzen. Du kannst es haben.’ Röbi nahm das Täfelchen. Bald sah Martin von hinten, wie sich Röbis Ohren bewegten. Er hatte wohl das Täfelchen ganz in den Mund geschoben und zerkaute es jetzt. Kaum war er damit fertig, kehrte er sich um und sagte: ‘Gib mir noch eins!’

Nachdem Röbi dem blassen Martin seinen ganzen Schatz «weggefressen» hatte, packte ihn das schlechte Gewissen.

Es war merkwürdig mit Röbi. Oft war es so, als ob ihm allein die ganze Welt gehörte; da konnte er mitten drin stehn und alles verlangen, was er nur haben wollte. Die andern war nur da, um ihm alles zu geben. Da war er unausstehlich und konnte die andern plagen, als ob er gar kein Herz hätte. Und wenn er dann merkte, dass sie traurig, dass er ihnen wirklich weh getan hatte, so tat es ihm doch leid, und es machte ihn unglücklich…

Genau: Es geht Röbi immer noch um ihn, auch wenn es ihm leidtat. Seine Gefühle gaben den Ton an. (Deswegen glich er mit einer Handlung aus. Er gab ihm ein Geldstück aus seinem Überfluss. Das tat er um seiner selbst willen.)

Der Kommentar meiner Frau: Ein überhöhtes Selbst schwächt. Weil es von den eigenen Gefühlen vereinnahmt ist.

Von Elisabeth Müller habe ich schon hier und hier wertvolle Zitate entnommen.

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