Kolumne: Was noch ärgerlicher ist als den Ausstieg zu verpassen

Ich war mit zweien meiner Jungs im Zug unterwegs. Die Lok hielt an der Haltestelle. Nach etwa einer Minute schlurfte eine untersetzte ältere Dame an uns vorbei. Nochmals einige Momente später hörten wir sie mit piepsend-schriller Stimme schreien: «Ich krieg die Türe nicht auf. Ich krieg die Türe nicht auf. Macht mir die Türe auf.» Im ganzen Wagen wurde es mucks Mäuschen still. Nachdem sich meine erste Überraschung gelegt hatte, hob sie erneut an: «Macht mir die Türe auf.» Ich erhob mich und begab mich zum Ausgang. Sofort erkannte ich, dass der Lokomotivführer die Türe bereits wieder geschlossen hatte. Ich erklärte es ihr. Verwirrt suchte sie noch einige Male den Hebel zur Öffnung der Türe zu betätigen – vergebens. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung.

Ein übler Geruch stieg mir in die Nase. Die Dame schlurfte an ihren Sitzplatz zurück, erhob sich nach einer Zeit wieder. Sie suchte alle Knöpfe ab, wobei ihr der Schaffner entgegenkam. «Das ist die Notöffnung für die Toilette.» Sie klagte ihm ihre Not. «Madame, setzen Sie sich wieder hin. Wir fahren zur nächsten Stadt. Dann steigen Sie aus und fahren mit dem nächsten Zug zurück.» Es gelang ihm sie zu beruhigen. Bei der nächsten Haltestelle stiegen wir aus. Ich verspürte den innerlichen Impuls, mich von ihr abzuwenden und mich der nächsten Aufgabe zuzuwenden. Doch Jesus hatte mir gerade diese Frage über den Weg geschickt.

Also schritt langsam neben der klagenden Frau durch die Bahnhofshalle. Ein Freund, der mich abholte, druckte ihr den Fahrplan aus. Sie meinte, sie hätte noch nichts gegessen. Aufgrund ihrer Verwirrung traf dies wahrscheinlich zu. Zudem war sie auf einem Auge blind. Sie schien jedoch noch gut zu hören. Ich fasste mir ein Herz und sagte laut zu ihr: «Madame, es ist ärgerlich und anstrengend den Ausstieg zu verpassen. Noch viel tragischer ist es jedoch nicht zu wissen, wo Sie nach dem Tod hinkommen werden. Von dort lässt sich nicht einfach wieder zurückfahren.»

Ihre Reaktion werde ich so schnell nicht vergessen. Für alle Informationen, die mit der Weiterfahrt zusammenhingen, schien sie sehr hellhörig zu sein. Auch das Geschäft mit den Verpflegungsmöglichkeiten nahm sie sehr wohl wahr. Doch auf meine Bemerkung ausserhalb der nächsten Notwendigkeit reagierte sie gar nicht. Ich sehe sie vor meinem inneren Auge wie ein Roboter dem Gleis 28 zugehen.

Eine innere Traurigkeit erfasste mich: Wie viele Menschen reagieren genauso wie diese betagte Frau! Für alles, was den nächsten Moment erleichtert, haben sie ein offenes Ohr. Zugespitzt: Sie suchen sich andauernd ihre nächste Ablenkung. Doch bezüglich der Langfrist-Perspektive verhalten sie sich wie Roboter. Die innere Antenne, die über sie selbst hinausweist, nehmen sie nicht mehr wahr. Das Überhören ist längst zur Gewohnheit geworden.

Welche Antwort gibst du auf die Frage nach der Perspektive über dieses Leben hinaus? Die meisten säkular geprägten Menschen antworten mit einer Variante des traumlosen, ewig währenden  Schlafes. Der Mensch wird taucht wieder ins All ein und wird eins mit der Erde, die ihn hervorgebracht hat. Diese Annahme setzt einen gewaltigen «Glaubenssprung» voraus. Woher wollen sie dies wissen? Es ist dem Menschen gesetzt, einmal zu sterben, und danach das Gericht. So steht es im Neuen Testament geschrieben. Ich höre einen Bekannten lakonisch sagen: «Nur eines muss ich wirklich. Sterben.»

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