Kolumne: Was katholische Messe und manche freikirchliche Gottesdienste gemeinsam haben

Anlässlich einer Exkursion nach Wien hatte ich am Sonntagmorgen die Gelegenheit, einer katholischen Messe beizuwohnen. Dieses Interesse war massgeblich dadurch getrieben, dass wir die Wiener Sängerknaben singen hören wollten. Sie führten Schuberts Messe in C-Dur auf.

Zusammen mit 100 anderen Touristen hauptsächlich aus dem asiatischen Raum wurde uns im hintersten Abschnitt der Wiener Hofburgkappelle Einlass gewährt. Den zahlenden Besuchern konnten vorab ihre Plätze einnehmen. (Es irritierte mich, dass für die Sitzplätze stattliche Beträge von bis über 50 Euro genommen wurden, dies neben der Kollekte.)

Nach dem feierlichen Einzug von über einem Dutzend jüngerer und älterer Männer, dem Verbeugen vor dem Bildnis und dem Kruzifix und dem Opfern von Weihrauch wurden zwei Texte aus dem Neuen Testament, aus Hebräer 4 zum Hohepriesterdienst von Jesus sowie der Predigttext aus Markus 12 zum Doppelgebot der Liebe in deutscher Sprache vorgelesen. Der Rest der Liturgie setzte sich aus in lateinischer Sprache gesprochenen Elementen und dem (wunderschönen) Gesang des Sängerknaben-Chores zusammen.

In diesem Beitrag geht es mir nicht um die Bewertung der Liturgie. Zum Hintergrund empfehle ich meinen ausführlichen Review-Essay, der mit Ausführungen zur Natur-Gnade-Kontinuität beginnt. Dieses Verständnis ist grundlegend auch für die katholische Gottesdienstpraxis.

Gespannt erwartete ich die kurze Predigt zum Doppelgebot der Liebe. Rhetorisch gekonnt, in kernigem Wiener Dialekt, wurde eine kurze Erläuterung vom weisshaarigen Magistraten vorgetragen. Die Botschaft, die am Ende in italienischer und englischer Sprache zusammengefasst wurde, bestand aus drei Teilen. Zuerst wurde betont, dass es im Prinzip nur ein Gebot sei (exegetisch begründet an der Einzahlform im Griechischen). Zweitens wurde die Liebe negativ definiert als etwas, das mehr sei als Gefühlsduselei. Es war dem Hörer überlassen zu mutmassen, ob er Liebe mit Willensakten gleichzusetzen habe.

Der dritte Punkt war theologisch der schwergewichtige. Die Liebe müsse täglich in jede Situation hinein appliziert (angewandt) werden. Wiederum folgte keine Erklärung, wie dies zu geschehen habe. Hingegen erging ein klarer Appell an den menschlichen Willen. Wer nämlich diese Liebe täglich lebe, sei nicht weit entfernt vom Reich der Himmel. Damit endigte die kurze Ansprache – und meine Geduld. (Lies: "Achte dich mal bei der nächsten Predigt, ob…")

Also: Kein Hinweis auf die Sünde und Erlösungsbedürftigkeit des Menschen; keine Erwähnung des stellvertretenden Opfertods von Jesus; kein Ruf zur Umkehr. In theologischen Begriffen ausgedrückt: Es wurde ausschliesslich das Gesetz verkündigt. Der Mensch muss täglich versuchen, die Liebe gegenüber Gott, dem Nächsten und sich selbst auszuleben. (Lies: "Ein Fundament aus Gnade, Wahl und Verdienst")

Ich wechsle die Szene. Wie oft habe ich einem freikirchlichen Gottesdienst beigewohnt und dieselbe Meta-Botschaft vermittelt bekommen! Will heissen: Der Mensch hat ein Problem. Er ist destabilisiert (schlechter Selbstwert) und kämpft mit mühevollen Beziehungen. Dann tritt Jesus als Freund in dein Leben, und alles wird besser. Der dritte Schritt besteht in einigen konkreten Tipps zur Verbesserung der Beziehungsfähigkeit. Denn die tiefste Bewertung der Gottesdienstbesucher besteht in der kurzen Meldung: „Es war nicht praktisch.“

Die Parallelen zwischen beiden Gottesdiensten sind, auch wenn sie auf den ersten Blick nicht ersichtlich sind, verblüffend. Nein, es geht mir nicht um Weihrauch oder den Dampf der Nebelmaschine. Die Hauptbotschaft, die der Predigtbesucher über die Zeit eingehämmert bekommt, besteht in der Aufforderung ein besseres Leben zu führen! Kein Wort vom biblischen Evangelium. Zustände wie vor der Reformation.

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