Kolumne: Die meisten Schweizer sitzen in der Ich-Falle

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Am Tag nach unserem Nationalfeiertag (hier einige Daten & Fakten) fuhr ich morgens durch die leeren Strassen zur Arbeit. Wer unter dem Hashtag Nationalfeiertag in Twitter (man schaue sich diesen Clip vom Schweizer Fernsehen an) fahndet, findet ein Bekenntnis zur Schweizer Schokolade, die reflexartige Aufzählung der helvetischen Tugenden Ordnung – Sauberkeit – Pünktlichkeit, Sparsamkeit und Geiz sowie zumindest der Wunsch nach Weltoffenheit.

Ich durchquerte meine Heimatstadt zu Fuss und traf an:

  • An der Stadtzürcher Feier war Folklore angesagt, ein lüpfiger Marsch aus Blechinstrumenten. Am Strassenrand sah ich Gruppen von Rentnern, einige in Festtagskleidung. Sie wippten kaum wahrnehmbar zur Musik mit.
  • Auf der Wiese neben dem Festakt mitten auf der Zürcher Bahnhofstrasse – einer der teuersten Meilen der Welt – entdeckte ich eine Gruppe von Punks mit Hunden, aufpeitschender Musik und starken Getränken.
  • An mir hasteten knochendürre Mädels beim Joggen vorbei. Wann immer ich an einem Frei- oder Feiertag morgens unterwegs sind, prägen sie das Bild mit.
  • Nicht fehlen durften auch die asiatischen Touristen mit dem Selfie-Stick. Ein älterer Herr winkte aufgeregt seiner Frau, die nochmals einige zusätzliche Bilder knipste. Welches Bild sie wohl von der Schweiz mitnehmen wollen?
  • In der „Badi“ am See stiess ich dann auf Kleinfamilien. Der Kleine darf im Sand spielen, am Mittag werden an der Feuerstelle Würste gebraten. Wenige Meter daneben lagern in der ruhigen Wiese Dinks (doppeltes Einkommen, keine Kinder) in Markenkleidung, unvermeidlich mit Zigarette, Redbull und Handy.
  • Dann traf ich auf einen Blinden, der sich den Weg durch die Unterführung ertasten musste. Unsicher suchte er sich den Weg zur Haltestelle der Strassenbahn. Mit wem er wohl den restlichen Tag verbringen wird?
  • In die Strassenbahn eingestiegen, wurde ich auf einige psychisch angeschlagene Passanten aufmerksam. Sie redeten laut. Auch sie sind alleine – wie wahrscheinlich ein nicht unbeträchtlicher Teil der Schweizer.
  • Eine „Instant-Aufnahme“ sei mir noch erlaubt. Am Paradeplatz traf ich auf zwei Hotelpagen, die das Gepäck in einen nagelneuen Bentley verstauten, dem betagten Ehepaar die Türe aufhielten und den Weg zur Autobahn erklärten. Die beiden nahmen alle Dienstleistungen apathisch hin.

Wenn ich die Bilder nach der Kierkegaard‘schen Typologie einsortiere, dann gehören die grosse Mehrheit zur ästhetischen Gruppe. Ihr Streben zielt auf sinnliche Bedürfnisse wie Gesundheit, Schönheit und Lustgewinn. Ich spitze noch zu: Sie sitzen in der Ich-Falle. Ein kleinerer Teil bewegt sich im Stadium des Ethischen. Sie leisten bewusst einen Beitrag ans Gemeinwesen und beklagen den Rückgang von Solidarität und Gemeinschaftssinn, von Vereinen und Bürgerinitiativen.  

Doch wer ist durch Gottes Gnade im dritten Stadium angekommen? Diese ist nur durch die Wiedergeburt und die Kraft des Heiligen Geistes möglich. Sie löst den Menschen aus seiner eigenen Verkrümmtheit (Luther) heraus, bekleidet ihn mit der fremden Gerechtigkeit von Christus und lässt in ihm das Verlangen wachsen, zu seiner Ehre zu leben.  Der Reformator im Wortlaut: „Unsere Natur ist durch die Schuld der ersten Sünde so tief auf sich selbst hin verkrümmt (lat.: tam profunda est in seipsam incurva), daß sie nicht nur die besten Gaben Gottes an sich reißt und genießt, ja auch Gott selbst dazu gebraucht, jene Gaben zu erlangen, sondern das auch nicht einmal merkt, daß sie gottwidrig, verkrümmt und verkehrt alles […] nur um ihrer selbst willen sucht.“

Unsere Stadt wächst. Bis 2035 soll die Bevölkerung 500‘000 betragen; in meinen Jugendjahren lag sie bei ungefähr 370‘000. Seit Jahren ist der Bauboom ungebrochen; 2018 entstanden über 3‘000 neue Wohnungen! In unserer direkten Umgebung wächst Greencity heran. „Greencity, das könnte man auf den ersten Blick vermuten, ist ein weiterer Versuch, die alten Industriebrachen für die Dienstleistungsmenschen des 21. Jahrhunderts zu überbauen und selbst zwischen Stadt und Dorf dem wichtigen Ruf nach der Verdichtung gerecht zu werden.“ Der Stadteil ist bis heute ohne christliche Gemeinde. Das wird sich hoffentlich bald ändern!

Feuerwerk produziert Feinstaub. Gibt es eigentlich noch keine „Feuerwerkscham“? Ich lag zeitig im Bett. Wie der Ewige wohl auf unsere Schweiz blicken mag? Gott schuf Nationen und setzte ihnen Grenzen (5. Mose 32,8). Er liess sie lange Zeit ihre eigenen Wege gehen und ruft sie seit 2000 Jahren zur Busse (Apostelgeschichte 14,16f). „Siehe, jetzt ist die angenehme Zeit; siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“ So las ich heute Morgen in der Strassenbahn. Ob Herr und Frau Schweizer aufmerken werden?