Zitat der Woche: Emil Brunner zur Bibel in späten Predigten

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In den letzten Tagen habe ich in Emil Brunners Werk gelebt. Mein Ausgangspunkt war die magistrale theologische Biografie von Frank Jehle (Rezi), die ich erneut aufmerksam studierte; ebenso Alister McGraths theologischer Überblick (Rezi). In meiner eigenen Podcast-Serie (hier die erste Folge “Persönlicher Bezug”) habe ich – wie bei Barth auch – die Schriftlehre Brunners genau angesehen. Sie zieht sich vom Früh- bis ins Spätwerk. Frank Jehle hat einige Aussage aus späten Fraumünster-Predigten zusammengetragen (S. 549). Zunächst kommentiert er:

Mehrfach grenzte er sich in seinen Predigten von einem fundamentalistischen Bibelverständnis ab. Offenbar hielt er einen Teil seiner Zuhörerinnen und Zuhörer in dieser Hinsicht für gefährdet: «Buchstabenglaube» habe «keine lebendigmachende Kraft wie der echte Glaube». Er beweise «sich als falsch auch darin, dass es ja gar nicht möglich ist, alles zu glauben, was in der Bibel steht». Es sei «ein grosses Unglück, dass dieser falsche Autoritätsglaube – sei es der Glaube an die Lehrautorität der Kirche und des Papstes, sei es der Glaube an den papierenen Papst, die Bibel – in die Christenheit eingedrungen» sei und so «viele irregeführt» habe.

Dann folgen einige Zitate.

«[Der echte Glaube ist] ein Sich-Verlassen auf das, was mir Gott von sich und von mir sagt, [und] durch das ich […] getroffen werde und dadurch in Gemeinschaft mit Gott hineinkomme».35 – «Paulus meint […] in all seinen Briefen mit nicht unser Verhältnis zur Bibel, zur Heiligen Schrift, sondern ganz allein unser Verhältnis zu Jesus Christus.»36 – «[Die Bibel ist nicht] Gottes Offenbarung, sondern […] nur Zeugnis von seiner Offenbarung». – «Die [Muslime] glauben an ein Buch, die Hindus glauben an ihre Bücher, der Christ aber glaubt nicht an ein Buch, sondern an den, der selbst das Wort Gottes heisst.»

Ich kann vorwegnehmen: Viele Aussagen Brunners ähneln denen von (neo-)evangelikalen Vertretern in verblüffender Weise.