Kolumne: Wie gehen wir in der Ehe mit unterschiedlichen Prägungen um?

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Gäste bereichern unseren Horizont ungemein. Ich liebe es, wenn Menschen aus anderen Ländern und Kulturen bei uns am Küchentisch aus ihrem Leben erzählen, uns Schweizer hinterfragen und für unsere «Chnörz» (Schwierigkeiten, Nöte) ganz unkonventionelle Lösungen bereithalten. Noch besser gefällt es mir, wenn wir durch den gemeinsamen Glauben an Jesus verbunden sind. Wir erfahren durch diese Gemeinschaft Trost, Zuspruch wie auch Zurechtweisung und Korrektur. Einen Anstoss unseres Gastes gebe ich hier weiter. Er ist mit eigenen Überlegungen im Nachgang angereichert.

Mann und Frau wachsen in ihren Familien mit einer bestimmten Lebensweise und den dahinter stehenden Werthaltungen auf. In der Herkunftsfamilie meiner Frau wurde beispielsweise hohen Wert auf die sorgfältige Behandlung des Materials gelegt. Etwas salopp gesagt: Ein Kratzer war ein halber Weltuntergang. Die hohe Kontrolle und Sorgfalt nützte der sorgfältigen Berufsausübung und trug zum geschäftlichen Erfolg bei. Auch wenn eine solche Werthaltung nur zu leicht in die falsche Gewichtung «Material vor Menschen» und damit in Götzendienst kippt, ist gegen Sorgfalt zunächst nichts einzuwenden. Als Grossfamilie hat uns dies schon vor Krankheiten (Hygiene/Sauberkeit) und vor teuren Ersatzanschaffung (wenig Verschleiss) bewahrt

Ich selbst wuchs mit anderen Schwerpunkten und Vorlieben auf. Sowohl bezüglich Hygiene wie auch Sorgfalt habe ich nie gleichermassen auf solche Feinheiten achten gelernt. Das Verhalten meiner Frau erschien mir deshalb übertrieben. Ich begann mich zu ärgern und daran zu stören. Wechselweise fiel ich in Gedanken der Ohnmacht («ich kann den Erwartungen meiner Frau nie genügen») oder der Allmacht (Verachtung, absichtliche Schädigung des anderen). Daraus entwickelten sich latente und schnell auch offene Konflikte.

Was bedeutet es nun den anderen höher zu achten als sich selbst? Zunächst – und das ist für manche Menschen in der Ehe das erste Mal – gilt es den Erfahrungshorizont und die Schwerpunkte des anderen überhaupt zu erkennen. Gott hat Sorgfalt und Sauberkeit im Neuen Bund weder angeordnet noch bestimmte (Reinheits-)Gebote erlassen. Dieser Bereich fällt also in den Bereich des Erlaubten. Gottes Vorsehung hat sowohl meine Frau als mich unter bestimmten Bedingungen aufwachsen lassen. Charakter, Begabung und Prägungen sind nicht von ungefähr. Nach der Anordnung des Neuen Testaments soll der Mann sich seiner Frau hingeben und mit Einsicht bei ihr wohnen (Epheser 5, 1. Petrus 3). Wie sich das genau ausgestaltet, ist eine Frage der Weisheit. Wir erwägen im Gebet zusammen, welches diesbezüglich ein gottesfürchtiger Weg innerhalb unserer Ehe ist. Dabei ziehen wir den Rat von erfahrenen Freunden und Glaubensgeschwistern – gerade die anderer Generationen – in Betracht.

Daraus ergibt sich eine neue Perspektive. Als Mann beginne ich mit einem veränderten Blick auf die Prägungen meiner Frau zu blicken. Ich erkenne dankbar den Segen von Ordnung und Sauberkeit an; gleichzeitig halte als Leiter der Familie die Augen offen, in welchen Bereichen sich diese Tugenden zu Götzendienst verkehren. Wenn ich mich meiner Frau hingebe, unterstütze ich sie in ihrem Anliegen nach Ordnung und Sauberkeit. Wo ich die Gefahr falscher Prioritäten erkenne, bitte ich Gott um den geeigneten Zeitpunkt für die Ansprache. Nicht jeder Moment ist geeignet, z. B. wenn meine Frau stark unter Druck ist oder wenn ich aus Zorn heraus mein (vermeintliches) Recht einfordern möchte.

Aus der Art und Weise, wie ich diese Konflikte mit meiner Frau austrage, hoffe ich meinen Söhnen ein Vorbild für ihre einstigen Beziehungen in Ehe und Familie zu sein. Generations-übergreifende Muster können auf diese Weise durch Gottes Gnade zumindest teilweise wiederhergestellt werden. Wir sind uns bewusst, dass wir immer wieder aneinander sündigen, umkehren und die Vergebung von Christus empfangen dürfen.