Input: Christliche Streitkultur im Zeitalter sozialer Medien

Passendes Buch:

Thomas Schirrmacher hat sich auf kluge Weise zur Streitkultur im Zeitalter der sozialen Medien und emotionalen Betroffenheit geäussert. Es lohnt sich, diese Argumente zu Gemüte zu führen! Ich habe einige herausgegriffen:

Öffentlich streiten im Zeitalter sozialer Medien: “Im Zeitalter des Internet und Social Media verschwimmt im internationalen evangelikalen Diskurs die früher so leichte Unterscheidung zwischen privater und öffentlicher Diskussion sowieso. Und wenn man ein Buch veröffentlicht, wie Du, ist man in die Öffentlichkeit gegangen und bekommt die Antwort eben auch öffentlich. … Wer wird denn heute nicht schlecht behandelt, wenn er in der Öffentlichkeit wirkt und sich vor allem zu umstrittenen Fragen pointiert äußert?”

Streit und emotionale Betroffenheit: “Ein Grundfehler Deines Buches scheint mir zu sein, dass Du nicht zwischen Streit als emotional negativer Äußerung mit Tendenz zu Hass, Ärger oder Verachtung und Streit als inhaltlicher Auseinandersetzung unterscheidest. Bei inhaltlich schwerwiegenden Auseinandersetzungen klingt bei Dir immer die moralische Verurteilung einer emotionalen Ablehnung des anderen mit. Kritik an Dir scheint immer darin begründet zu liegen, dass Leute Dich auch emotional ablehnen.”

Mitreden gehört zur evangelikalen DNA: “Zur evangelikalen DNA gehört nun einmal: Jeder darf beim Bibelauslegen mitreden. Das ist etwa der ‚Trick‘ von Hauskreisen und anderen Formen der Diskussion mit der Bibel in der Hand. Unter uns gibt es keine zentrale Lehrautorität und was immer wir mit der Bibel in der Hand vertreten, müssen wir mit guten Argumenten erklären und begründen, wenn es jemand anders sieht. Das gilt im Hauskreis ebenso wie nach einer Sonntagspredigt oder wenn man ein Buch veröffentlicht. … im ganzen Neuen Testament wird dem Denken, Erkennen und Prüfen eine ungeheure Würde zugeschrieben. Christen sollen denkende, mitdenkende, mitdiskutierende Menschen sein, keine Mitläufer und Nachbeter.

Ringen um die Wahrheit seit den Aposteln: “(Beobachtung zum Apostelkonzil in Apg 15) Man hat die Debatte nicht sich selbst überlassen, so dass sie wabernd die Beziehungen belastete und ungeordnet eskaliert wäre, man hat sie aber auch nicht unterdrückt, sondern man hat organisiert, sich viel Zeit genommen und in einem gediegenen Prozess allen die Möglichkeit gegeben, sich zu artikulieren und dann zu disputieren, was schließlich zur Einigung führte. … In keinem Zeitalter war Theologie ein ‚Kuschelfach‘, es war immer Diskussion, ‚Ringen‘ um die Wahrheit, Austauschen von Argumenten und Gegenargumenten, nie Nachbeten vorgegebener Wahrheiten. Geerbt haben wir das aus dem Judentum, wo schon die Weitergabe an die nächste Generation so erfolgte, dass sie theologisch erwachsen wurde und selbst wusste, warum sie glaubte, und dafür musste man diskutieren, ja hinterfragen dürfen.”

Evangelikale als Protestler: “Die evangelikale Bewegung weltweit und in Deutschland ist eine Ansammlung von Protestzirkeln aller Art im Laufe der Geschichte. Nicht ausschließlich, aber im starken Maße. Die Antisklavereibewegung, das Blaue Kreuz, die Heilsarmee oder die Pfingstbewegung haben doch gerade kirchliche und gesellschaftliche Wirkung gehabt, weil sie ausgebrochen sind. Ich sehe die Reformation durchaus differenziert, aber auch sie wurde als Protestzirkel verschrien. Der Beginn der Freikirchen in Deutschland war ein langer Kampf um Religionsfreiheit, Diskriminierung wurde damit begründet, man brauche keine neuen Kirchen und Protest geschehe aus böser Absicht.”

Schirrmacher gibt zudem einige methodische Hinweise:

Optimum mit Optimum vergleichen: “Um einmal Fachausdrücke zu benutzen, bedeutet das, dass Du den usus (den guten Gebrauch) auf Deiner Seite mit dem abusus (dem Missbrauch) der anderen Seite vergleichst. Dann gewinnt man natürlich immer. Man muss aber auf beiden Seiten usus mit usus und abusus mit abusus vergleichen. Oder wie es Eberhard Grossmann, einer meiner früheren Kirchengeschichtsprofessoren, sagte: „Optimum mit Optimum vergleichen.“

Sich für die eigene Bewegung schämen: “Ist das nicht ein unrealistischer Traum, zu einer Bewegung zu gehören, an der alles nur strahlt? Wenn Evangelikale zwischen einer halben oder samt der Pfingstler sogar fast eine Milliarde Menschen in Kirchen in 200 Ländern der Erde ausmachen, wird es immer etwas zum Schämen geben.

Tunnelblick vs. weltweite Entwicklung: “Also sei es gesagt, was ich die ganze Zeit beim Lesen empfand: Du hast einen deutschen Tunnelblick, ja vielleicht sogar einen deutschen Tunnelblick des landeskirchlichen Pietismus, denn von außerhalb dieses Bereiches, also von den Freikirchen oder der wachsenden Zahl der Migrantenkirchen in Deutschland erzählst Du eigentlich ebenso wenig wie von weltweiten guten wie schlechten Entwicklungen.

Umkämpfte Ethik: “In Fragen der Ethik driftet die Ökumene auseinander, wobei die Trennlinie meist nicht zwischen Kirchen verläuft, sondern innerhalb der Kirchen.”

Schliesslich zu einigen Lieblings-Streitthemen:

Kreationismus: “Zwar geht die Chicagoerklärung von der Zuverlässigkeit der Bibel in naturwissenschaftlichen und historischen Fragen aus (1. Erklärung, Artikel XII), aber solange es exegetisch und literarisch unterschiedliche Auslegungen der einschlägigen Texte in Genesis 1–11 gibt, so lange also nicht konkret und verbindlich zu rekonstruieren ist, was die Texte beschreiben wollen (z.B. wie die Sintflut naturwissenschaftlich ablief), so lange wird man auch mit einer großen Bandbreite an ‚bibeltreuen‘ Sichtweisen von Genesis 1–11 leben müssen.”

Fundamentalismus: “Fundamentalismus (ist) nicht das Vertreten einer Wahrheit, sondern das militante Vertreten einer Wahrheit, also die Rechtfertigung, andere zu zwingen, diese Wahrheit zu glauben und nach ihr zu leben.”

Liberale Theologie: “(Die liberale Theologie) hat nicht nur die Glaubwürdigkeit der Bibel untergraben, sondern den Glauben an Jesus Christus selbst! Das hat Papst Benedikt in der Einleitung in seinem Jesusbuch unmissverständlich unterstrichen, sie hat den Glauben von Millionen zerstört und hat einen antichristlichen Charakter.”