Corona in Perspektive (9): Angst und Ignoranz

Passendes Buch:

Auf die Aufforderung meiner Frau hin nahm ich mir täglich Zeit, um einige Diskussionsstränge in den sozialen Medien durchzulesen. Ich schlussfolgere aus dieser Beschäftigung, dass es zwei Pole zu geben scheint. Das eine Extrem schreibe ich mit «Angst» an, das andere mit «Ignoranz». Es existieren zahlreiche Zwischenstufen und Ausprägungen; zudem merke ich bei mir selbst, dass ich wechselweise zu beiden Seiten tendiere. Eben habe ich über den Heidelberger Katechismus, Antwort 60, nachgedacht: Wir sind noch immer zu allem Bösen geneigt. Diese Selbsteinschätzung führt mich zum Versuch einer Beschreibung der beiden Pole.

Angst

  • Die Priorität des Selbstschutzes steigt stark an. (Wohlgemerkt: Das bedeutet nicht, dass ich als Angehöriger einer Risikogruppe unweise handeln soll.)
  • Die Gedanken kreisen um eine Eventualität in der Zukunft; dies absorbiert viel Energie.
  • Die Zugänglichkeit für das Aussen – zum Beispiel meine Nächsten – geht zurück.
  • Angst braucht Nahrung; der «Nachschub» besteht im ungesunden Ansteigen einer «Information über alle Kanäle».
  • Der andere gerät schneller in Verdacht; es gibt eine Art Selbstisolation und übersteigerter Gewichtung der eigenen Wichtigkeit.

Ignoranz

  • Die anderen werden belächelt und belehrt.
  • Es werden selektiv Unterlagen für den eigenen Standpunkt gesucht, um ihn zu rechtfertigen. (Das heisst nicht, dass ich mich neuen Informationen, die zur Veränderung des eigenen Standpunktes führen könnten, verschliessen soll.)
  • Konkrete Nöte werden ausgeblendet und auf eine allgemeine Erörterung ausgewichen.
  • Das eigene wirtschaftliche Wohlergehen rückt in den Vordergrund.

Es gibt eine Gemeinsamkeit der Ausprägungen: Beide Standpunkte zielen auf sich selbst anstatt auf die Liebe zu Gott und den Nächsten (1. Johannes 2,10; 3,15-19; 4,20-21). Zudem kann ein persönliches Erlebnis sehr schnell zum Kippen eines sicher geglaubten Standpunktes führen.

Mein Gebet für die Veränderung: «Heilige mich, indem du mich aus der Angst bzw. Ignoranz hinausführst; vergib mir meine Selbstbezogenheit. Öffne meinen Blick für meine Nächsten. Brauche du meine Fähigkeiten und meine Mittel.»

Der Blick in den Rückspiegel der Kirchengeschichte zeigt: Tätige Fürsorge war ein Markenzeichen der frühen Christen. Kotsch zusammenfassend:

Immer wieder fordern die Kirchenväter der ersten Jahrhunderte besitzende Christen dazu auf Bedürftigen aller Art persönlich zu helfen. Justin der Märtyrer erwähnt in diesem Zusammenhang Geld und Naturalien, die regelmäßig an die Armen weitergegeben wurden. Hippolyt erwähnt einen festen Besuchsdienst für Alte, Schwache und Kranke in seiner Gemeinde. Arbeitslose und Durchreisende werden versorgt, bis ihnen eine neue Tätigkeit vermittelt werden kann. „Wir aber helfen, wenn wir können, allen, die Mangel haben“, bekennt Justin in seiner Apologie um 150 n.Chr.

Tertullian berichtet, dass Christen „Straße für Straße in fremde und gerade die ärmsten Häuser eintreten, um die Brüder zu besuchen“. „Tag und Nacht überall umherspähend, weder die Armen verachtend noch der reichen Person ansehend; sie sollen den Notleidenden erkennen und nicht von dem Anteil an der Gemeindekollekte ausschließen, die Vermögenden aber nötigen, zu guten Werken zurückzulegen.“

Gemeindeleiter werden in der frühen Kirche dazu aufgefordert nicht nur die Versorgung der Bedürftigen zu übernehmen, er soll den Waisen wie eine richtiger Vater werden: die elternlosen Jungfrauen soll er mit einem jungen Christen verheiraten und den Jungen eine Berufsausbildung ermöglichen. Geholfen wurde nicht nur eigenen Gemeindeangehörigen, sondern auch Christen aus anderen Kulturen und Ländern, so wie ungläubigen Zeitgenossen. Besonders erwähnt wird beispielsweise die tatkräftige Hilfe von Christen aus Karthago für verschleppte numidische Christen 253.

Dem englischkundigen Leser empfehle ich den Download aus verschiedenen Buchkapiteln zum Thema Umgang mit Angst.