Zitat der Woche: Unser Leben in den Händen von Experten

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J. Gresham Machen schrieb diesen Text vor knapp 100 Jahren in den USA. Auch wenn die Details abweichen mögen, die grobe Richtung bleibt für das 21. Jahrhundert unverändert.

Die gesamte Entwicklung der modernen Gesellschaft führt auf extreme Art und Weise zur Einschränkung der Freiheit des Einzelnen. Diese Tendenz lässt sich besonders gut anhand des Sozialismus beobachten. In einem solchen Staat wäre die Sphäre individueller Entscheidungsfreiheit auf ein Minimum reduziert. Arbeitszeit würde ebenso wie Erholungszeit vorgeschrieben persönliche Freiheit wäre nicht mehr vorhanden. 

Aber auch in den Gemeinwesen, in denen die Idee des Sozialismus verpönt ist, finden wir dieselbe Tendenz. Wenn einmal die Mehrheit entschieden hat, dass ein bestimmtes System von Vorteil ist, so wird dem Rest diese Entscheidung gnadenlos aufgezwungen. Es scheint den Gesetzgebern von heute nicht in den Sinn zu kommen, dass „Fürsorge” zwar etwas Positives sein mag, aufgezwungene Fürsorge aber negativ sein könnte. So wird der Utilitarismus mit seinen logischen Folgen zu Ende gedacht; im Interesse des physischen Wohlergehens werden die Prinzipien der persönlichen Freiheit gewissenlos in den Wind geschlagen. 

Das Resultat ist eine noch nie da gewesene Verelendung des menschlichen Lebens. Persönlichkeit kann sich nämlich nur im Bereich eigener Entscheidung entwickeln. Dieser Bereich wird durch den modernen Staat langsam aber sicher immer weiter eingeengt. 

Diese Tendenz macht sich besonders im Bildungswesen bemerkbar. Das Ziel der Bildung ist, so nimmt man an, das größtmögliche Glück für die größtmögliche Menge an Menschen zu erreichen. Was das genau sein soll, das größtmögliche Glück für die großtmögliche Menge an Menschen, soll nur durch die Mehrheit definiert werden können. Wenn es um Erziehung und Bildung geht, soll also jede persönliche Eigenheit vermieden werden. Die freie Wahl einer passenden Schule für Kinder wird den Eltern genommen und in die Hände in Staates gelegt. Der Staat übt nun diese Autorität durch die bereits bereitstehenden Instrumente aus: Die Kinder werden in die Hände sogenannter psychologischer Experten gegeben, die selber nicht das geringste Wissen über die höheren Dimensionen des menschlichen Seins besitzen, und nun gezielt versuchen, ihre Schüler davon abzuhalten Bekanntschaft mit diesen Dimensionen zu machen. 

… Eine Zeit lang hatte es noch den Anschein, dass es sich bei dem utilitaristischen Denken, dieser Modeerscheinung des 19. Jahrhunderts, um ein ausschließlich akademisches Phänomen handelt, ohne Einfluss auf das alltägliche Leben. Dieser Anschein täuschte jedoch. Die Tendenz geht selbst in einem Land wie Amerika, das sich stets rühmte, von bürokratischen Regulierungen sämtlicher Details eines Lebens frei zu sein, zu einem geradezu düsteren Utilitarismus, der jedwedes höhere Streben erstickt

… Solche Gesetze, die sich wohl auch staatsübergreifend ausbreiten werden, wenn die jetzige Geisteshaltung anhält, bedeuten unweigerlich die endgültige Zerstörung aller wahren Erziehung und Bildung. Wenn man in Betracht zieht, wofür die öffentlichen Schulen in Amerika stehen – für den offen propagierten Materialismus, die Unterdrückung jedweder nachhaltigen, intellektuellen Anstrengung, die Forderung der pseudowissenschaftlichen Masche der experimentellen Psychologie, dann kann man sich nur empören bei dem Gedanken an eine Gesellschaft, in der es kein Entrinnen mehr gibt vor einem solchen seelentötenden System. 

… Das öffentliche Schulsystem an sich  ist von großem Nutzen für die Allgemeinheit. Dies gilt aber nur dann, wenn es sich einem privaten Schulen stellen muss. Ein öffentliches Bildungssystem als Anbieter von kostenlosem Wissen für alle, die sich danach sehnen, ist eine großartige Errungenschaft der Moderne. Wird es jedoch zum Monopol erhoben, so ist es das wirksamste Instrument der Tyrannei, das bisher erfunden wurde. Im Mittelalter wurde Freiheit des Denkens von der Inquisition bekämpft, die moderne Methode ist allerdings noch viel effektiver. Setzt man die Kinder in dem für sie prägenden Alter gegen den Willen und gegen die Überzeugungen der Eltern unter die permanente Kontrolle vom Staat eingesetzter Experten, zwingt sie, an einem Unterricht teilzunehmen, in dem alles höhere Streben der Menschheit unterdrückt und der Verstand mit materialistischem Gedankengut gefüllt wird, dann wird es schwer vorstellbar, wie auch nur Reste von Freiheit fortbestehen sollen. Eine Tyrannei, unterstützt von solch grausigen Methoden zur Seelenzerstörung, ist wohl weitaus gefährlicher als jede grobe Unterdrückung der Vergangenheit, die einem trotz ihrer Feuerwaffen und Schwerter zumindest die Freiheit des Denkens ließen. 

Gresham Machen. Christentum und Liberalismus. 3L Verlag: Friedberg, 2012. (aus dem Vorwort)