Kolumne: Nach Corona geht die Bildungsschere weiter auseinander

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Meine Behauptung: Die Bildungsschere geht nach Corona weiter auseinander. Dies ist keine statistisch erhärtete, sondern eine intuitive Vermutung. Als fünffacher Bubenvater, langjähriger Homeschooler, Mann einer Lehrerin und Abkömmling zweier Lehrer-Generationslinien beobachte ich die Lernsozialisation aufmerksam.

Dies sind meine Thesen:

  1. Natürlich ist die Dauer eines Semesters auf ein Leben aufgerechnet keine unwiederbringliche Zeit. Entscheidender sind die langfristigen Gewohnheiten.
  2. Die mehrere Monate dauernde Umstellung war genügend lange, um sich lernhemmende Gewohnheiten anzueignen.
  3. Die Nähe von Zuhause und Unterricht bot (noch) mehr Möglichkeiten für Ablenkung und Betäubung.
  4. Die Widerstandskraft wird dadurch verringert; die Konzentrationsfähigkeit sinkt. Es wird schwieriger sich aufzurappeln.
  5. Der Stoff wird nicht mehr genügend wiederholt und vertieft. Dieser Trend verstärkt sich; der Lehrer geht einfach weiter. Ein Teil der Schüler ist inhaltlich abgehängt.

Dies ist zugegeben eine etwas holzschnittartige Gegenüberstellung. Für die Lehrer habe mehrere Rollenbeispiele aus der Generation meiner Grosseltern vor Augen, die ich einigen aktuellen gegenüberstelle.

Beziehung zum Schüler Rapport zu jedem einzelnen Schüler (Wohlwollen, Sorge) Problemschüler fressen einen grossen Teil der Kraft
Beziehung zu den Eltern Eltern persönlich bekannt, man trifft sie auf der Strasse Whatsapp Kontakt mit Eltern; diese sind entweder “pushy” oder passiv
Stoffliche Vorbereitung Mit Hingabe Material anfertigen Material flach, schnell online zusammengeschnipselt
Zeitliche Verfügbarkeit Abends und am Wochenende am Vorbereiten Ich habe auch noch ein Privatleben.
Identifikation mit dem Beruf Schule war sein Leben. Im Moment passt es (halbwegs).

Betrachten wir es umgekehrt aus der Optik des Schülers:

Beziehung zur Lehrperson Der Lehrer wird als Autorität geachtet (manchmal auch gefürchtet). Lehrer sind doof.
Beziehung zu den Eltern Die Eltern sind weiter weg, jedoch Respektspersonen. Überbehütet oder vernachlässigt
Stoffliche Vorbereitung Es gab Bücher und (je nach Familie) Fernsehzeiten. Schnipsel aus dem Netz und den sozialen Medien
Zeitliche Verfügbarkeit Insgesamt kürzere Unterrichtszeiten, Regelmässigkeit im Tag und im Jahresablauf Zocken, bis die Ohren wackeln (oder eben nicht mehr); in den Unterrichtszeiten, Montag und Freitag geistig abwesend
Identifikation mit der Aufgabe Schule ist die Vorbereitungszeit für das Berufsleben. Schule ist eine lästige Unterbrechung, das wirkliche Leben findet in der Peer statt

Klagen hilft wenig, eine unrealistische Einschätzung der Ist-Situation ebenso wenig. Was empfehle ich als Vater?

  1. Sprich mit deinen Kindern über die Langfristziele. Was wollen sie am Lebensende einmal sagen können? Wer wollen sie sein (noch eher als welchen Beruf sie ergreifen wollen)? Welche Begabungen zeigen sich?
  2. Wie sind die täglichen Gewohnheiten in den letzten Monaten verschoben worden? Was sind kleine Schritte zur Wiedergewinnung besserer Gewohnheiten?
  3. Welche Online-Gewohnheiten prägen die Denk- und Handlungskategorien des Kindes? Wie zeigt sich das? (Ich nehme kurze Äusserungen des Kindes als Anlass für ein weiterführendes Gespräch.)
  4. Was beobachtet das Kind bei den Klassenkollegen? Wie haben sich die Einzelnen verändert? Welche Schlüsse zieht es daraus?
  5. Wie hat sich die Beziehung zu den Lehrpersonen verändert? Wie haben sich aus Sicht des Kindes die Lehrpersonen entwickelt?