Kolumne: Der “Erfolg” der Technologie in der Schaffung eines neuen Menschen

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Ein Gedanke zur Entwicklung der Technologie beschäftigt mich. Peter Kreeft stellt fest: Trotz oder sogar wegen der vielen Geräte, die zur Erleichterung unseres Alltags geschaffen wurden, haben wir nicht mehr, sondern weniger Zeit als unsere Vorfahren. Das heisst, diese Gerätschaften absorbieren einen wichtigen Teil der Zeit und Energie.

Warum haben heute alle weniger Zeit als je zuvor? Weil wir über mehr zeitsparende Geräte verfügen als je zuvor. Das ist weder ein Witz noch ein Selbstwiderspruch; es ist eine Tatsache. Der offensichtliche Unterschied zwischen dem Leben heute und dem Leben gestern ist die immense Expansion der Technologie. Aber die gesamte Technologie besteht aus einer Reihe von zeitsparenden Geräten, vom Kamin zum Mikrowellenherd, vom Streitwagen zum Flugzeug, vom Telegrafen zum Smartphone, von der Bibliothek zum Internet. Je mehr von diesen zeitsparenden Geräten wir besitzen, desto weniger Freizeit haben wir. Unsere Eltern hatten mehr Zeit als wir, und unsere Großeltern noch mehr. Und warum? Weil sie weniger Technologie hatten. Der offensichtliche Grund für dieses Paradoxon ist, dass wir süchtig geworden sind, Sklaven unserer Sklaven. (Ask Peter Kreeft, Prayer and Meditation)

In der von Kreeft empfohlenen Studie «The Illusion of Technique: A Search for Meaning in a Technological Civilisation», verfasst vom Philosophen William Barrett, entwickelt dieser eine über diese Beobachtung hinausgehende These. Er stellt fest, dass Technologie letztlich das entscheidende Instrument in der «Züchtung» eines neuen Menschentypus sei. Wie meint er dies?

Barrett hat das naturalistische Verständnis des Menschen, wie es in den 1970ern im Kommunismus gepflegt wurde, vor Augen. Um in künftigen Generationen Abweichler zu eliminieren, sollte ein neuer Menschentypus herangezüchtet werden. Das vor 50 Jahren in aller Munde gewesene Buch «Beyond Freedom and Dignity»behauptete einen verhaltensbasierten Determinismus für das Menschentier. Diese radikale Sicht stellte Barrett Solschenizyns «Archipel Gulag» gegenüber. Er stellte erstmals umfassend das grauenhafte Schicksal von Millionen Menschen im Lagersystem der Sowjets bloss – eines menschenverachtenden Apparats, der letztlich die Freiheit des Einzelnen zu zerstören trachtete. 50 Jahre später ist dieses System zusammengebrochen.

Erschreckend ist jedoch diese Erkenntnis: Durch die rasante Beschleunigung der Technologie finden die Technokraten scheinbar trotzdem einen Weg zur Schaffung eines neuen Menschentypus. Barrett: 

Der Determinist wird von einem durch und durch menschlichen undhartnäckigen Impuls, der allen Intellektuellen gemeinsam ist, angetrieben. Er hat eine Überzeugung, und er möchte dies um jeden Preis beweisen. Wenn die Natur nicht mehr seiner Position verpflichtet ist, wird er fortfahren, indem er gründlich determinierte Menschen “produziert”. Die Physiker sagen uns, dass wir nicht mehr von der Natur als Maschine in der einfältigen Weise, die Philosophen und Wissenschaftlern einst eigen war, sprechen können. Egal; der Determinist wird das jetzt auszugleichen trachten, indem er mechanische Menschen produzieren. Ohne Zweifel werden praktische Vorteile angeboten, um diese schiere Intellektualität zu verbergen.

Man verspricht uns, dass die Technologie des Verhaltens – oder die Technik der Menschen, um es deutlicher auszudrücken – soziale Konflikte abbaut, die Gesellschaft reibungsloser funktionieren lässt, sie effizienter werden oder die persönliche Neurose sogar austilgen lässt. Doch Handschellen sind Handschellen, was immer die imaginären Vorteile seien, die sie angeblich gewähren sollen.

Ein gewisser Teilerfolg bescheinige ich den Architekten der Technologie. Durch das Internet und die Endgeräte, insbesondere das Smartphone, haben sie eine noch nie dagewesene Vereinheitlichung von Gewohnheiten hervorgebracht. Die Menschen sind abhängig von diesen Geräten – und dies durchgängig durch ihren Alltag. Dazu kommt der Transport von Inhalten und die Bildung von Gefühlen (über bewegte Bilder und Ton).  Das Denken in Zusammenhängen (und damit das kritische Denken) ist nicht mehr gefordert. Es werden Komplett-Erlebnisse in Form von (Kurz-)Filmen angeboten. Die dahinter liegenden Grundüberzeugungen sind buchstäblich Mainstream.

Ein Teilerfolg in der Normierung ist also erfolgt und bereits Tatsache. Das Virtuelle verändert das Reale. Die Lebensgewohnheiten neuer Generation ist tiefgehend verändert durch die Lenkung ihrer Aufmerksamkeit und Zeit. Doch es gibt gute Nachrichten: Das Evangelium befreit von dieser Versklavung. Weiter geht es in meinem Vortrag «Wie das Smartphone unser Leben verändert».