Jahresende (8): Leidenschaftlich weitergelesen

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Das Lesen fasziniert mich von klein an. Es übt eine solch starke Anziehungskraft aus, dass ich es anderen Beschäftigungen vorziehe. Dies hängt zunächst mit der Begabung zusammen. Mütterlicherseits lässt sich die Freude an Sprache, Lesen und Schreiben über Generationen zurückverfolgen. Zudem war es in meiner Kindheit auch eine Frage der Verfügbarkeit. Einen Fernseher hatten wir nicht – Gott sei Dank. Das Regal des Vaters in der Stube lud mich hingegen ein, davor zu verweilen. Ein noch grösseres Regal befand sich auf dem Dachboden. In meiner Zimmerecke unter dem Dach bildete sich ebenfalls eine kleine Sammlung.

Worin liegt die inhaltliche Anziehungskraft? Mit dem Lesen betrete ich neuen Raum. Ich beschäftige mich mit anderen Personen, anderen Orten und anderen Zeiten. Einige wenden ein: Lesen ist eine begrenzte Tätigkeit, weil es im Kopf stattfindet. Ich erwidere: Ja und nein. Mit den zahlreichen gedanklichen Ausflügen arbeite ich stets auch an eigenen Bewertungen und erweitere meinen Handlungsspielraum. Ich baue mir automatisch eine eigene Vorstellungswelt auf, die den Blick auf die innere und äussere Welt bereichert.

Ich gebe unumwunden zu, dass das Lesen nur zu schnell zum Götzen mutieren kann. Dies hat zur Folge, dass mich ungesunde Gedanken in den Bann ziehen. Lesen kann mit der Flucht vor der Realität verbunden sein und vermeidendes Verhalten unterstützen.

Im vergangenen Jahr erfüllte das Lesen bei mir zwei Hauptfunktionen. Im Lesen konnte ich zur Ruhe kommen. Ich war ungestört und konzentrierte mich auf einen Punkt. Zudem verbanden sich Gedanken aus den Büchern mit aktuellen Problemstellungen. Dabei mache ich die Erfahrung, dass allgemeine Literatur aus Philosophie, Geschichte, Literatur und Theologie gerade so hilfreich sein können wie spezifische Fachliteratur. Um ehrlich zu sein: Bei Fachliteratur ist mein Aufmerksamkeitsradius kleiner – ich schweife bald ab.

Ein kleiner Seufzer entfährt mir. Ich hätte gerne noch mehr gelesen (zum Beispiel manche Werke auf dieser Liste von Tolle lege). Die Dankbarkeit für das, was drin lag, überwiegt jedoch bei weitem. Dieses Jahr konzentrierte ich mich auf das Wiederholen von bereits Gelesenem. Manche Bücher nahm ich hervor, um mir einen Teil erneut vorzunehmen. Andere hörte ich mir nochmals als Hörbuch an. Überhaupt wird mir die Rekapitulation zu einer zunehmend wertvolleren Angelegenheit!