Neujahr (5): Geschwächte konservative Kirchgemeinden

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Vor einiger Zeit habe ich eigene Beobachtungen der theologisch Konservativen in Worte zu fassen versucht. Die Pandemiezeit bringt die Schwächen konservativer Kirchgemeinden und Verbände vermehrt ans Licht. Das wäre Gelegenheit für Bekenntnis und realitätsnahe kleine Schritte!

Vermeidungsverhalten: Im Direktkontakt werden kritische Themen und Fragen gänzlich vermieden oder nur verschlüsselt weitergegeben. Durch die Tabuisierung wächst der tatsächliche Abstand zwischen Einzelpersonen innerhalb der Gemeinden, aber auch das unberechtigte Mutmassen über Positionen des Nächsten.

Rechthaberei auf Kosten der Gemeinschaft: Wer vorletzte Fragen in den Rang von erstrangigen erhebt, setzt sich emotional von den anderen ab. Die Abkoppelung kann jederzeit sachlich gerechtfertigt werden. Die Distanz wird jedoch grösser als sie wirklich sein müsste. Das schwächt.

Tendenz zu einem unbiblischen Biblizismus: Konservative Gemeinden neigen im Begehren, alles biblisch herleiten zu können, zu unzulässigen Ableitungen. Dafür setzen sie entweder die Technik der Allegorese (Aussagen und Begebenheiten in der Bibel müssen von einem «Experten» decodiert und auf die aktuelle Situation angewendet werden) oder aber ein ausgiebiges Zitieren von Bibelstellen ein, die höchstens indirekt mit der zu beantwortenden Frage zu tun haben. Das Ergebnis ist eine neue Form der Gesetzlichkeit.

Kritik gesellschaftlicher Entwicklung als Ersatz für eigene Bewegung: Wer mit dem Finger auf andere zeigt, bewahrt sich vor der eigenen Bewegung. Es ist beispielsweise einfacher, viel Zeit und Kraft in endzeitliche Theorien zu investieren. Diese Lebenszeit geht direkt der Auseinandersetzung in der eigenen Familie bzw. der täglichen Umgebung ab.

Fromme Befriedigung als Barometer für Geistlichkeit: Gefühle gehören zum Menschsein, also zu der von Gott geschaffenen Ordnung. Durch den Sündenfall ist unser Gefühlshaushalt zerrüttet werden. Durch den Prozess der Heiligung wird er (zumindest teilweise) wiederhergestellt. Eine Gefahr dabei ist ein (oft unbewusster) falscher Massstab für die eigene Befriedigung aufzubauen. Ich strebe beispielsweise danach, für mich selbst wieder innere Stimmigkeit zu erlangen, wo Unruhe angebracht gewesen wäre.