Neujahr (6): Günstige Vorzeichen für das Lästern über den Staat

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Wir sollen für unsere Regierungen beten. Das ist ein prioritärer Auftrag an uns Christen, sagt Paulus (1. Timotheus 2,1). Nun gibt es einige beliebte Schematas, die wir mühelos von unserer Umgebung übernehmen können.

  1. Projektionsfläche für unseren eigenen Unmut: Was uns selbst zu schaffen macht, transportieren wir nach draussen. Wir entladen unseren Unwillen an Personen, die wir nicht kennen.
  2. Schlecht entschieden: Mit der ersten Variante zusammen hängt die faktische Abkehr von einer eigenen Argumentationslinie. Immer das, was nicht gemacht bzw. unterlassen worden ist, wird den staatlichen Organen angelastet. Dies weist darauf hin, dass es bei vielen Entscheiden auf ein Abwägen zwischen grösserem und geringerem Schaden hinausläuft.
  3. Vorauseilender Gehorsam: Eine andere Spielart mit mutmasslich ähnlicher Motivation ist das unhinterfragte Übernehmen von Argumenten. Das unbedachte Anlehnen an staatliche Mottos lässt ausser Acht, dass dieser kein “neutraler” Akteur sein kann, sondern stets auf einen (wie auch immer zustande gekommenen) Konsens mit einer dahinterliegenden Sicht auf Welt und Leben zurückgreifen muss.
  4. Rettung vom Staat erwarten: Als Kind des 20. Jahrhunderts in Europa bin ich es mir von klein auf gewohnt, dass der Staat manche Funktionen übernimmt, gerade wenn es um Wirtschaft und Gesundheit geht. Diese in der Geschichte beispiellose Entwicklung der letzten 50 Jahre kann sich kaum auf die nächsten 50 projizieren lassen.
  5. Gleichgültigkeit: Hier entstehen keine Gefühle bzw. Reibungsflächen – aus dem schlichten Grund, weil man sich in die eigene kleine Welt zurückgezogen hat. Diese häufige Reaktionsweise vergisst, dass jeder von den grossen Anstrengungen früherer Generationen lebt. Die Unverbundenheit ist eine Fiktion.

Wie Michael Horton kürzlich herausgestrichen hat: Es gibt das Abirren auf zwei Seiten – Richtung kulturellem Progressivismus, aber auch die Flucht in eine Art christlich verbrämten Nationalismus. Als politisch eher inaktiver Bürger bleiben aktuell vor allem zwei Fragen offen: Wie weit soll der Staat in unseren privaten Bereich (Familie, Kirche) hineinreden? Bei welchen Fragen soll ich mich öffentlich äussern und mit welchen Argumenten?

Was ich vor einiger Zeit als weisen Umgang im Zusammenhang mit der US-Wahl geäussert habe, gilt auch für dieses Jahr:

  • Ernsthaftes tägliches Gebet
  • Dankbarkeit für alles Gute, wovon ich täglich Nutzniesser bin
  • Keine hämische Kritik oder Witzelei um meines guten Gefühls willen
  • Berechtigte Kritik mit Anstand
  • Kein öffentliches Abreagieren über die sozialen Medien
  • Gehorsam dort, wo es nicht in eine direkte Kollision mit Gottes Geboten geht

Herman Bavinck, der niederländische “public theologian”, strich heraus, dass Christen die besten Bürger sein sollten. Diesem Ansinnen möchte ich auch 2021 nachkommen.