Ostern: Kulturelle Ruinen

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Als Kultur bezeichne ich die Summe gelebter Gewohnheiten einer definierten Gruppe von Menschen. Wenn ich einen Staat (Schweiz) oder einen Sprachraum (deutsch-sprachig) als einheitlichen Kulturraum voraussetze, verlasse ich die im öffentlichen Raum unbewusst vorherrschende Mehrheitsmeinung. Noch grotesker, wenn ich die Idee eines Nationalstaates befürworte. Diese ist definitiv in Verruf gekommen (siehe dieser und dieser Beitrag).

Es stellt sich mir die Frage: Wie geht ein Land mit seinem kulturellen Erbe um? Dieses “Erbe” umfasst sowohl Denkgewohnheiten, technische Errungenschaften sowie Infrastruktur. Restlos jeder Mensch wird in eine vorgegebene Umgebung, an der bereits zahllose andere Menschen vor ihm gewirkt haben, hineingestellt. Er trägt zeitlebens nur zu einem verschwindend kleinen Teil selbst an der Weiterentwicklung seiner Umgebung bei.

Ich selbst bezeichne mich nicht als Traditionalist – nämlich als jemanden, der die Tradition um ihrer selbst willen als absoluten Gradmesser nimmt. Warum? Weil per se nicht alles Vergangene gleichzeitig “gut” im Sinne von förderlich für Einzelne bzw. ein Kollektiv zu bezeichnen ist. Ich denke da an grosse Konflikte, ästhetisch und technisch dürftige Bauten, an die Folge fehlender Hygiene oder an die Vorstellung, Schwache und funktional minderbemittelte Menschen zu eliminieren. Sie alle gehören zum Erbe der letzten 100 Jahre.

Was mich definitiv ins Nachdenken bringt, ist das bewusste Ausblenden des gesamten christlichen Erbes nicht nur im öffentlichen Raum, sondern auch in den Köpfen der Einzelnen. Es ist verschwunden und darf auch nicht in Erinnerung gebracht werden. Die Festtage? Sie sind längst kommerzialisiert. Kaum jemand beschäftigt sich auch nur mit dem historischen Gehalt dieser Tage.

Wenn der kulturelle Kitt früherer Jahrhunderte bröckelt, was tritt an seine Stelle? Wird er durch ein Set neuer Gewohnheiten ersetzt? In unserer Gesellschaft scheint dies bis dato ein Amalgam zwischen dem Christentum entstammenden Vorstellungen und fernöstlich-mystischer Volksfrömmigkeit zu sein. An der Seitenlinie stehen wirtschaftlich mächtige Konglomerate aus dem asiatischen Raum und sowie Initiativen eines nicht zwischen Staat und Religion unterscheidenden Islam.

Wer vom Konservatismus aus weiterdenken möchte, dem empfehle ich das Werk von Roger Scruton “Von der Idee konservativ zu sein”. Es ist mir wie gesagt zu wenig. Worauf setze ich als Christ meine Hoffnung? Manche Kirchengebäude meiner Heimatstadt Zürich dürften in den kommenden Jahren zum Verkauf stehen. Es geht mir nicht um Folklore, sondern in erster Linie um das Wiederentdecken einer tragfähigen, der Wirklichkeit stand haltenden Sicht auf Welt und Leben. Die Entwicklung der modernen Wissenschaft wäre ohne sie undenkbar gewesen. Ebenso die Entstehung des Westens.