Neue Hypermoral (3): Die Kirchen als übereifrige Promotoren der Hypermoral

Passendes Buch:

Ich bin an einer kurzen Zusammenfassung der These aus Alexander Grauss Buch “Hypermoral”. Um das Bild abzurunden (und zu einem berechtigten Seufzer anzuheben), kommen wir nicht um den Blick auf die Volkskirchen – und zunehmend auch die Freikirchen herum.

Welche Rolle spielt die Kirche? Sie nimmt die Hypermoral als Gebot der Stunde auf und verkehrt die dogmatischen Restgehalte flugs in Artefakte dieser Hypermoral! Grau stellt dem zu Recht den theologischen Kern der Rechtfertigung entgegen:

Vor allem aber entlastet Luthers Einsicht von der Vorstellung, man könne durch gute Taten gerecht oder erlöst werden. Natürlich spricht nichts dagegen, Gutes zu tun. Wer allerdings Gutes um seines Seelenheils willen tut, ist auf der falsche Fährte. Mehr noch: Man kann, so Luther, Gott nicht zwingen. Gottes Gnade ist selbstlos und kommt ganz aus ihm. Sie ist nicht das Produkt einer Kalkulation.

Deshalb ist das Treiben der Kirchen eine Form der modernen Selbsterlösung.

(Dieser Form) weltlicher Selbsterlösung haben sich die modernen Kirchen – nicht nur die protestantischen – verschrieben. Denn in einer Welt, in der Moral zur herrschenden Religion geworden ist, muss die traditionelle Religion Moral werden. Damit beschleunigen die Kirchen zwar ihren Untergang als Kultur- und Geistesinstitution, dafür überleben sie als Moralanstalten. Folgerichtig geht es insbesondere den protestantischen Kirchen kaum noch um Glaubensinhalte, sehr wohl aber um politische Korrektheit. Theologische Fragen werden beiseite geschoben. Zum einen, weil führenden Kirchenvertretern zu ihnen nichts intellektuell Anregendes einfällt. Vor allem aber, weil theologische Fragen kaum in den Nebel des unverbindlichen Sowohl-als-auch aufzulösen sind.

Der Verzicht auf den eigenen Standpunkt ist demnach der neue Standpunkt.

Wer sich aber nicht festlegen möchte, ist nicht theologiefähig. Und wer Angst vor den eigenen Dogmen hat, hat letztlich nichts zu sagen. Am Ende bleibt nur eine Möglichkeit: den Verzicht auf einen eigenen Standpunkt als einen eigenen Standpunkt zu verkaufen.

So wirkt die Teilnahme an selbsterlösenden Aktivitäten zur Beruhigung des hypertrophen Gewissens als eine Art aktueller Ablass.

In einem Anfall von beinah neukatholischer Ablassgläubigkeit suggeriert man, man könne das Seelenheil durch gute Taten erlangen, durch Friedensarbeit, soziales Engagement oder Sozialdienste. … Mit größter Lust schmeißt man sich in alle möglichen weltlichen Fragen und beweist sich dadurch seine Modernität. Denn modern sein bedeutet weltlich sein.

Unglücklicherweise (oder vielmehr glücklicherweise) fällt die Kirche innerhalb der Konkurrenz weit zurück.

Die Selbsterlösung qua Politik leisten allerdings andere Akteure wesentlich besser als die Kirchen. Und auch die Illusion der Selbsterlösung durch angeleitete Selbstfindung bedienen Therapeuten und Personal-Trainer zeitgemäßer als Kleriker oder Pfarrer.

Denn das moderne Ich will zunächst selbst als Gott erkannt und behandelt werden. Deshalb kann es Erlösung nur in sich selbst finden. Und Gott ist sein eigentlicher Feind. Denn wo das Ich Gott ist, darf es keine anderen Götter geben. Nur in der Selbstanbetung findet das Ich Gnade vor sich selbst.