Zitat der Woche: Die Vorherrschaft im Denken erringen

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Antonio Gramsci (1891-1937) gehört als sardinischer Intellektueller als einflussreichster kommunistischer Vordenker des 20. Jahrhunderts. In meiner Lektüre von “Socrates Meets Marx” bin ich ihm erstmals begegnet. Seine Gefängnishefte – es gibt neben einer deutschen Version auch ein Einstiegsheft – wurde in viele Sprachen übersetzt und sind enorm einflussreich.

Antonio Gramsci, geboren 1891 in Sardinien, kommt zum Studium nach Turin, wird Journalist, Theaterkritiker, Sozialist. Von der Russischen Revolution mitten ins Zeitgeschehen versetzt, wird er zum führenden Kopf der Turiner Rätebewegung, Mitbegründer der Kommunistischen Partei, zu ihrem Vertreter in der Internationale, zum Abgeordneten im Parlament in Rom. Am Abend des 8. November 1926 wird er in seiner Wohnung verhaftet.

(Der Richter) »Für die nächsten zwanzig Jahre müssen wir verhindern, dass dieses Gehirn funktioniert.« Nach seiner Ankunft im Gefängnis von Mailand dauert es noch fast zwei Jahre, bis Gramsci in der Zelle schreiben darf. … Heft um Heft füllt der Gefangene mit seiner sorgfältigen Handschrift. Schlaflosigkeit, körperliche Zusammenbrüche, kaum Kontakt zur Außenwelt. …

Ein Schlüsselbegriff seiner fragmentarischen Arbeit im Gefängnis betrifft die Hegemonie. Es geht um die Frage der Vorherrschaft einer Weltanschauung als Voraussetzung für den gesellschaftlichen Umsturz. In “Antonio Gramsci zur Einführung” schreiben die Autoren zu den Denkvoraussetzungen über den Einzelnen in der Gesellschaft:

Weil das Wesen nicht angeboren, sondern hinausverlagert ist in die Gesellschaft, muss es in einem langwierigen und unabschließbaren Prozess der Selbsttätigkeit angeeignet werden. … der Mensch wird, er verändert sich fortwährend mit dem Sich-Verändern der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Was bedeutet das im Hinblick auf die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse?

»Das Proletariat kann in dem Maße zur führenden und herrschenden Klasse werden, wie es ihm gelingt, ein System von Klassenbündnissen zu schaffen, das ihm gestattet, die Mehrheit der werktätigen Bevölkerung gegen den Kapitalismus und den bürgerlichen Staat zu mobilisieren.« … Sie ist führend gegenüber den verbündeten Klassen und herrschend gegenüber den gegnerischen Klassen. Deswegen kann eine Klasse bereits bevor sie an die Macht kommt ›führend‹ sein (und muss es sein): wenn sie an der Macht ist, wird sie herrschend, bleibt aber auch weiterhin ›führend‹.« … »Es kann und es muss eine ›politische Hegemonie‹ auch vor dem Regierungsantritt geben, und man darf nicht nur auf die durch ihn verliehene Macht und die materielle Stärke zählen, um die politische Führung oder Hegemonie auszuüben.« … Die Hegemoniefrage ist also begriffsstrategisch immer auch als Frage nach dem Sich-Befreien aus der Verstrickung in die herrschende Ordnung angelegt.