Zitat der Woche: Identitätsstiftender letzter Wert

Interessant, wie eine Werkinterpretin durch ihre Aussage den eigenen Standpunkt durchschimmern lässt:

In traditionalen Gesellschaften existiert noch keine Trennung von Ethik und Moral, die sozialen Normen erstrecken sich sowohl auf das zwischenmenschliche und politische Handeln wie auf die individuelle Lebensführung. Sie sind einem gemeinsamen, für die Gruppe ebenso wie für das Individuum identitätsstiftenden letzten Wert entnommen, der seinerseits mythisch begründet ist. … Wenn der Glaube an mythisch begründete oder durch Tradition gefestigte Werte aufgegeben wird und keine emphatischen Vernunft- und Gleichheitsideale an ihre Stelle treten, dann bleiben nur noch die gewöhnlichen Motive menschlichen Handelns übrig, das Glücksstreben in der Weise des Lust- und Machtstrebens, die Suche nach dem Angenehmen oder die Suche nach dem eigenen Nutzen.

Aristoteles, ‘Nikomachische Ethik’ (Werkinterpretation), WBG: Darmstadt, 2013, Einleitung.