Input: Wokeness – Häresie oder alternative sozialethische Sicht?

Passendes Buch:

Hier klicken

Der in Mode gekommene Begriff der Wokeness wird von Owen Strachan in “Christianity and Wokeness” so definiert:

Wokeness: Der Zustand, in dem man sich der versteckten, rassistisch motivierten Ungerechtigkeiten, die die gesamte amerikanische Gesellschaft durchdringen, bewusst und “wachsam” ist; dieser Begriff wurde auch auf den Zustand ausgeweitet, in dem man ” wach ” für Ungerechtigkeiten ist, die auf dem Geschlecht, der Klasse usw. basieren. (213).

Allerdings sei dieses Lehrgebäude begrifflich ausgeweitet worden, u. a. auf den “systemischen Rassismus und das Privileg der Weißen, die Überzeugung, dass klassen- und identitätsbasierte Unterdrückung bekämpft werden sollte, und die Aufteilung der Welt in Unterdrücker und Unterdrückte.”

Strachan sieht erstrangige Lehren durch diese Überzeugungen attackiert:

Strachan assoziiert das “Woke” mit der Ablehnung des Schöpfergottes und der absoluten Wahrheit (126), dem Glauben, dass rassisch zugeordnete weiße Menschen vor Gott immer noch verdammt sind, selbst wenn sie auf das Evangelium vertrauen (80), einem grundlegenden Bekenntnis zur “Standpunkt-Epistemologie” als ultimative Quelle der Wahrheit (105), der Glaube, dass soziale Gerechtigkeit eine eschatologische Utopie gewährleisten wird (126), eine neuheidnische Sexualethik (126), die Verleugnung von Autorität jenseits des eigenen Herzens (126), eine therapeutische, werkbasierte Erlösung (126), die Bejahung eines Anti-Evangeliums (85)…

Andrew Bertodatti and Rasool Berry veröffentlichten auf dem Blog “Mere Orthodoxy” eine kritische Rezension, aus der auch obige Zitate stammen. Strachan verwende den Begriff uneindeutig bzw. widersprüchlich. Ausserdem schliesse er woke Christen fälschlicherweise von der Gemeinschaft aus. Drittens schiesse er übers Ziel hinaus, weil er Wokeness als alternative Religion darstelle.

Wollen wir wirklich einen Weg einschlagen, bei dem wir anderen Überzeugungen zuschreiben, die nicht auf dem beruhen, was sie geäußert haben, sondern auf dem, was wir aufgrund ihres sozialethischen Engagements und ihrer Analyse über sie annehmen?

Ähnlich – und ich denke nicht ganz unbegründet – argumentiert auch eine andere Rezension. Ich ahne, dass hier einige anspruchsvolle, heikle Diskussionen auch in Europa auf uns zukommen. In diesem Artikel habe ich bereits über die Schwierigkeiten in der “Bethlehem Baptist Church” berichtet.

Trevin Wax’ Empfehlung, einen Begriff jeweils in einen geweiteten Horizont zu stellen (Maxi-Perspektive) und gleichzeitig einen konkreten Fall genauer auf die dahinter stehende Motivation und Überzeugungen zu prüfen (Mini-Perspektive), scheint mir weise.

Ausserdem rezensierte Neil Shenvi, dessen Blog ich empfehle, vier Werke zur Wokeness aus dem evangelikalen Dunstkreis (hierhierhier und hier). Übrigens haben auch einige lesenswerte Aufsätze (hier und hier) das gesellschaftliche Spaltungspotenzial eines neuen Moralismus für unsere Gesellschaft insgesamt festgestellt. Angesichts der verheerenden Auswirkungen für Rede-, Meinungsfreiheit und Freiheit der Forschung entstand letztes Jahr eine neue private Universität (Artikel der NZZ).