Aufsatz: Ist strategische Planung ungeistlich?

Michael Goheen verweist im Aufsatz Theology in a Missional Mode: Harvie Conn’s Contribution auf wichtige Grundsätze des Theologie-Treibens nach Harvie Conn (1933-1999):

Vier Grundmerkmale jedes glaubensgetreuen Theologisierens” (faithful theologizing) nach Conn

  • Biblisch: Theologie muss sich nicht nur inhaltlich, sondern auch formal von der heilsgeschichtlichen Erzählstruktur der Schrift leiten lassen.
  • Formativ: Ihr Erfolg bemisst sich an der geistlichen Transformation und Missions-Motivation der Gemeinde, nicht an intellektueller Eleganz allein.
  • Kontextuell: Sie entsteht stets in einer konkreten geschichtlichen Situation und spricht genau dorthin; „zeitlose“ Systeme ignorieren diesen Standortfaktor.
  • Missionarisch: Jede Lehre hat den Auftrag „unter den Nationen“ vor Augen und prüft, wie sie Gottes sending people zu öffentlichem Zeugnis ausrüstet.

Die sechs detaillierten Kriterien für „Faithful Theologizing“

  • Biblisch-theologisch: Theologie folgt dem fortschreitenden Offenbarungsbogen (Schöpfung – Christus – Weltmission – Vollendung) und erkennt, dass das NT selbst kontextualisiert (Paulus als Modell).
  • Bundesbezogen: Gottes Wort ist ein persönlicher Bundesruf; Wahrheit ist daher relational und fordert sofortige Glaubens- und Lebensantwort, statt nur theoretische Zustimmung.
  • Kultur­spezifisch: In jeder Kultur sind Schöpfungsstrukturen (gut) und idolat­rische Richtungen (böse) verflochten; Theologie muss beide differenziert diagnostizieren.
  • Konfessionell: Bekenntnisse sind situative Missionsdokumente; ihre Aufgabe liegt darin, Evangelium für den Moment öffentlich zu bezeugen – nicht darin, ewige Lehrgerüste zu liefern.
  • Kommunal: Theologisieren geschieht im Dialog der ganzen weltweiten Kirche; speziell nicht-westliche Stimmen sowie die Armen und Randständigen müssen vollwertige Partner sein, um Parochialität aufzubrechen.
  • Prophetisch: Eine „Hermeneutik des Verdachts“ deckt verborgene Ideologien eigener Kontexte auf und formuliert zugleich hoffnungsvolle Gegen-Erzählungen des Evangeliums.

Conn wendet dies im Aufsatz Strategische Planung in der urbanen Mission: Biblische Grundlagen und praktische Implikationen in Planting and Growing Urban Churches: From Dream to Reality (Teil II) auf die Frage an, ob strategische Planung biblisch sei.

I. Grundlagen der Strategieplanung

Definition und Zweck

  • Strategiedefinition: “Eine Strategie ist ein Gesamtansatz, Plan oder eine Art der Beschreibung, wie wir unser Ziel erreichen oder unser Problem lösen werden” (Edward Dayton und David Fraser).
  • Rohstoffverarbeitung: Strategie nimmt das Rohmaterial der Forschung und gibt ihm Zweck und Richtung.
  • Praktische Anwendung: Strategieplanung betrachtet eine schrumpfende Gemeinde in einem Philadelphia-Stadtteil, der sich von der afroamerikanischen Mittelschicht zur afroamerikanischen Unterschicht gewandelt hat.
  • Grundsatzfragen: Sie fragt: “Passt die Gemeinde in ihrer Dienstphilosophie und ihrem Gottesdienststil noch? Was muss bleiben? Was muss gehen?”
  • Neue Situationen: Strategieplanung betrachtet ein slumartiges Viertel ohne Gemeinden in Bangkok und fragt: “Wie fangen wir an?”

Spannung zwischen Planung und geistlicher Führung

  • Einwand gegen Planung: Ist es wahr, dass “wenn du versäumst zu planen, du planst zu versagen”? Was ist mit unserem Herrn Gebot bezüglich der Nach-Auferstehungs-Mission der Gemeinde zu den Heiden?
  • Geistliche Spontaneität: In der Ermutigung, uns nicht zu sorgen, was wir sagen sollen, versicherte er uns: “Der Heilige Geist wird euch zu jener Zeit lehren, was ihr sagen sollt” (Lk 12,12).
  • Sorge vs. Planung: Können wir das als eine Anklage gegen Strategieplanung lesen, einen Ruf zu geheiligter Nicht-Planung? Aber Sorge ist nicht dasselbe wie Planung.
  • Klugheit gefordert: Die Weisheit des Geistes, die unser christliches Zeugnis in entscheidenden Kampfmomenten leitet, hebt Christi Mandat nicht auf, in diesen Begegnungen “klug wie Schlangen” zu sein (Mt 10,16).
  • Kluge vs. törichte Jungfrauen: Klugheit ist die Trennlinie zwischen törichten Jungfrauen, die nicht planen, und klugen, die es tun (Mt 25,2).

II. Theologische Grundlagen der Strategieplanung

Gott als Planer

  • Ewige Erwählung: Von aller Ewigkeit hat er in erwählender Gnade geplant, eine Vielzahl von Menschen durch das Opfer seines Sohnes zu retten (Eph 1,4-5.11).
  • Souveräne Freiheit: In der Freiheit seiner souveränen Gnade und dem allmächtigen Recht dieser Freiheit (Röm 9,14-26) zeigt er seine rettende Liebe.
  • Ewiger Ratschluss: “Nach seinem ewigen Vorsatz, den er in Christus Jesus, unserem Herrn, ausgeführt hat” (Eph 3,11).
  • Prädestination: Es gibt eine Priorität von Gottes Ratschluss und Plan (Röm 8,29-30; Eph 2,10), die Heilige auch als “die Erwählten” kennzeichnet (Kol 3,12; Tit 1,1).

Gottes Planung im Alten Testament

  • Stiftshütte: Dieselbe göttliche Strategie plant für die Wüstenstiftshütte (2. Mose 25-40), für die ordnungsgemäße Ausübung kultischer Anbetung.
  • Rechtssystem: Für ein Rechtssystem der Gerechtigkeit und Gnade, das die israelitische Gesellschaft auszeichnet.
  • Unterscheidung: Gottes Plan unterscheidet Israel von der Götzenanbetung und Boshaftigkeit benachbarter Stadtstaaten.
  • Handwerker: Obwohl ihre Fähigkeiten von Gott gegeben sind (2. Mose 35,30-34), werden Bezalel und Oholiab dafür gelobt, dass sie sie bereitwillig beim Bau der Stiftshütte anbieten.

Menschliche Verantwortung in der Planung

  • Gottes Ebenbilder: Als Gottes Ebenbilder und nicht Computer sind wir berufen, diese göttliche Strategie in unserer Planung zu spiegeln.
  • Stellvertretende Herrschaft: Die Verantwortung, königliche Vize-Regenten und Vertreter Gottes zu sein (1. Mose 1,27-28), wird nicht durch göttliche Souveränität negiert, sondern unterstrichen.
  • Paradoxe Parallelität: In einer Parallelität, die niemand ergründen kann, sind wir “geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken”, aber “guten Werken, die Gott im Voraus für uns bereitet hat” (Eph 2,10).
  • Säen und Ernten: Derselbe Gott, der Wachstum gibt, erwartet auch, dass einer den Samen pflanzen und ein anderer ihn gießen muss (1. Kor 3,6).

Grenzen menschlicher Planung

  • Kreatürliche Beschränkungen: Die Grenzen unserer Geschöpflichkeit und die Kurzsichtigkeit der Sünde können Strategieplanung fehlleiten.
  • Gottes Segen notwendig: Gott muss noch segnen, was der menschliche städtische Wachsamkeit erkennen kann oder nicht (Ps 127,1).
  • Geistliche Umleitung: Wohlgemeinte Strategien für urbane Evangelisation benötigen manchmal Umleitung durch den Geist (Apg 16,6-7).
  • Falsche Richtungen: Planung kann sehr in die falsche Richtung gehen, fehlgeformt durch gierigen Ehrgeiz (Josua 7) oder fehlplatzierte Furcht (4. Mose 13,31-33).