Robin Dammer hat eine ausgewogene Besprechung zum neuen Werk von Jordan Peterson verfasst. Ich stimme voll zu:
Trotz dieser lobenswerten Zielsetzung erscheint bereits Petersons Verständnis vom Wesen der Bibel bedenklich. Als bekennender Jungianer vertritt er die Lehre vom „kollektiven Unbewussten“ und deutet biblische Texte nicht als Offenbarung Gottes, sondern als Überlieferung menschlicher Erfahrungen. So beschreibt er etwa die Geschichte von Kain und Abel als „Versuch der kollektiven menschlichen Vorstellungskraft, das Wesentliche von Gut und Böse in einem einzigen Narrativ zu destillieren, zu vermitteln und in Erinnerung zu bringen“ (S. 153 f.). Zwar spricht er an keiner Stelle abfällig, als handle es sich hierbei um ein Märchenbuch; dennoch macht er deutlich, dass er den biblischen Inhalt als Ergebnis jahrtausendealter Mythenbildung versteht.
… ist Gott ein transzendentes Wesen, das sich uns über eine innere Instanz namens Gewissen offenbart, oder geht es um einen göttlichen Funken, der ein immanenter Bestandteil des Menschen selbst ist? Peterson lässt – bewusst oder unbewusst – die Antwort immer wieder offen. Ein weiteres Beispiel seiner moralisierenden Verallgemeinerung zeigt sich in Kapitel 6, wo er Abraham als Archetyp der Abenteuerlust deutet. Gottes Ruf gilt hierbei als innere Stimme der Inspiration und die Wanderung als Projekt der Selbstentwicklung. Zweifellos lässt sich in Abrahams Biographie ein Prozess persönlicher Reifung erkennen. Der Mann, der dem Ruf Gottes zunächst nur teilweise folgt, weder allein nach Kanaan aufbricht noch auf direktem Wege dorthin reist, ist später ohne Zögern bereit, auf Gottes Wort hin seinen geliebten Sohn zu opfern. Doch diese Entwicklung ist in erster Linie ein Ausdruck des Glaubens – und deshalb relational zu verstehen: Sie gründet in der wachsenden Erkenntnis Gottes und im Vertrauen auf seine Verheißungen (vgl. Hebr 11,19). Aus der veränderten Gottesbeziehung erwächst ein verändertes Leben. Peterson hingegen versteht Glauben primär als pragmatische Handlungsbereitschaft: „Wenn die Stimme des Abenteuers erklingt, kann man entweder auf sie hören und ihr folgen (was in einem solchen Kontext wirklich glauben bedeutet), oder man kann sie ignorieren“ (S. 311 f.).
… Peterson kann bibeltreuen Christen helfen, vertraute Texte einmal aus einem ungewohnten Blickwinkel zu betrachten. Seine archetypische Lesart fordert dazu heraus, sich nicht nur mit den Handlungen biblischer Figuren, sondern auch mit ihrer inneren Haltung, ihren Motiven und Wesenszügen auseinanderzusetzen. Ob seine jeweilige Deutung immer überzeugt, ist dabei zweitrangig. Der eigentliche Gewinn liegt darin, sich überhaupt neu für die menschliche Tiefe biblischer Geschichten zu öffnen. Anders gesagt: Auch wenn im Zentrum der Schrift die Selbstoffenbarung Gottes steht, ist es doch eine Offenbarung, die in der Begegnung mit Menschen wie uns geschieht.
Für Christen ist es ebenso aufschlussreich, nachzuvollziehen, wie jemand in den biblischen Texten nach Gott und dem Sinn des Lebens sucht, der selbst wohl noch kein wiedergeborener Christ ist.
Bereits in der Einleitung zu Elia können zwei Stränge (Allegorese und Kulturtheologie) nebeneinander gestellt werden.
A) Allegorisch-typologische Deutung (zweifelhaft)
These: Metamorphose als fundamentales Lebensprinzip
- Das griechische Wort “psyche” (Seele) bedeutet wörtlich “Schmetterling”
- Menschliche Entwicklung gleicht der radikalen Verwandlung vom Kind zum Erwachsenen (1. Korinther 11-13)
- Schmetterlinge besitzen erstaunliche Navigationsfähigkeiten trotz ihrer Zerbrechlichkeit
These: Aufstieg als spirituelles Prinzip
- Berggipfel sind mythische Orte, wo Himmel und Erde sich berühren
- Das Leben besteht aus bergauf führenden Reisen mit Gipfelerfahrungen
- Kontinuierlicher Aufstieg entspricht Jakobs Leiter zum Himmelreich
These: Dürre als Konsequenz falscher Orientierung
- Elija prophezeit Jahre schwerer Dürre als Strafe für Götzenanbetung
- Das “verdorrte Königreich”-Motiv zeigt: Falscher König = kein Lebensregen
- Parallelen in “Der König der Löwen” und Grimms “Das Wasser des Lebens”
B) Christliche Weltanschauung als Fundament der westlichen Welt (teilweise zutreffend)
These: Welt muss durch Geschichten gefiltert werden
- Unendliche Faktenfülle macht direkte Wahrnehmung unmöglich
- Wir priorisieren Fakten entsprechend unseren Zielen und Werten
- Jede Wahrnehmung ist Anstrengung und Opfer, nicht passive Rezeption
These: Hierarchische Wertstrukturen bestimmen Realität
- Wir sehen die Welt durch eine Werthierarchie
- Unser Ziel organisiert die moralische Landschaft um uns
- Charakter ist nichts anderes als die gewohnheitsmäßige Verkörperung von Zielen
These: Bibel als kulturelles Fundament
- Biblische Geschichten sind der Rahmen, durch den der Westen die Welt sieht
- Sie beschreiben die Werthierarchie, die selbst die Wissenschaft ermöglicht
- Grundlage der produktivsten, freiesten und stabilsten Gesellschaften