Augustinus stand dem Neo-Platonismus über Phasen nahe. In seinem Spätwerk De Civitate Dei, Buch 8, in den Kapiteln 7-13, stellt er den Platonismus dem christlichen Glauben gegenüber. Hier ein systematischer Vergleich:
Gotteserkenntnis und Gotteslehre
Platonismus:
- Erkenntnis des höchsten Gutes durch rationale Kontemplation
- Gott als höchste Idee und Urgrund aller Realität
- Zugang zu Gott durch philosophische Erkenntnis und Aufstieg der Seele
- Gott als unbewegter Beweger und erste Ursache
Christentum:
- Gotteserkenntnis durch Offenbarung und Gnade
- Dreieiniger Gott (Vater, Sohn, Heiliger Geist)
- Zugang zu Gott durch Christus als Mittler
- Gott als liebender Schöpfer und Erlöser
Anthropologie und Seelenlehre
Platonismus:
- Seele als unsterblich und präexistent
- Körper als Gefängnis oder Hindernis für die Seele
- Seelenwanderung und Wiedergeburt
- Selbsterlösung durch Erkenntnis und Tugend
Christentum:
- Seele als von Gott geschaffen, unsterblich aber nicht präexistent
- Leib-Seele-Einheit als gute Schöpfung Gottes
- Auferstehung des Leibes, keine Seelenwanderung
- Erlösung durch Gottes Gnade, nicht durch eigene Leistung
Erkenntnistheorie
Platonismus:
- Anamnesis (Wiedererinnerung) an vorgeburtlich geschaute Ideen
- Erkenntnis durch rationale Kontemplation
- Aufstieg von der Sinnenwelt zur Ideenwelt
- Philosophie als Weg zur Wahrheit
Christentum:
- Erkenntnis durch göttliche Erleuchtung und Offenbarung
- Glaube als Grundlage der Erkenntnis
- Christus als “Weg, Wahrheit und Leben”
- Heilige Schrift als Erkenntnisquelle
Soteriologie (Erlösungslehre)
Platonismus:
- Selbsterlösung durch Erkenntnis und Tugend
- Befreiung der Seele aus der Materie
- Rückkehr zum Einen durch eigene Anstrengung
- Erlösung als Erkenntnisvorgang
Christentum:
- Erlösung durch Christus’ Kreuzestod und Auferstehung
- Gnade als unverdiente Gabe Gottes
- Notwendigkeit der göttlichen Hilfe
- Erlösung als Heilsgeschehen
Verhältnis zur Materie und Welt
Platonismus:
- Materie als minderwertiges Abbild der Ideenwelt
- Flucht aus der Sinnenwelt als Ideal
- Körperlichkeit als Hindernis für die Seele
- Dualismus von Geist und Materie
Christentum:
- Schöpfung als gut, aber durch Sünde gefallen
- Welt als Ort der Bewährung und Heiligung
- Inkarnation Christi würdigt die Materialität
- Hoffnung auf neue Schöpfung
Ethik und Lebensführung
Platonismus:
- Tugend durch Erkenntnis und Selbstbeherrschung
- Kontemplatives Leben als höchste Lebensform
- Apatheia (Leidenschaftslosigkeit) als Ideal
- Philosophischer Eros als Aufstiegskraft
Christentum:
- Tugend durch Gnade und Nachfolge Christi
- Caritas (Liebe) als höchste Tugend
- Demut und Selbstlosigkeit als Ideale
- Liebe zu Gott und Nächstenliebe
Eschatologie (Lehre von den letzten Dingen)
Platonismus:
- Zyklische Weltanschauung mit ewiger Wiederkehr
- Seelenwanderung bis zur endgültigen Befreiung
- Rückkehr zum Einen als Endziel
- Keine lineare Heilsgeschichte
Christentum:
- Lineare Heilsgeschichte mit Anfang und Ende
- Auferstehung der Toten am Jüngsten Tag
- Ewiges Leben in Gemeinschaft mit Gott
- Vollendung in der Civitas Dei
Augustins Bewertung
Übereinstimmungen:
- Platoniker kommen der Wahrheit näher als andere Philosophen
- Beide lehren die Unsterblichkeit der Seele
- Beide betonen die Bedeutung der Erkenntnis Gottes
- Beide sehen das Geistige als höher als das Materielle
Entscheidende Unterschiede:
- Platoniker erkennen zwar Gott, aber nicht den Weg zu ihm
- Ihnen fehlt die Demut und Anerkennung der eigenen Schwäche
- Sie übersehen die Notwendigkeit der Gnade
- Christus als Mittler ist ihnen unbekannt
Augustins Fazit: Die Platoniker sind den Christen in der Gotteserkenntnis am nächsten, aber sie verfehlen den Weg der Erlösung, weil sie die Menschwerdung Gottes und die Notwendigkeit der Gnade nicht verstehen.