Teil meiner diesjährigen Sommerlektüre: Die letzte Fahrt des Zaren (ein Hörgenuss), nimmt den Leser mit in die Strassen von Petrograd im Februar/März 1917. Die lebendige Schilderung zeigt die unzähligen Versagen des Machtapparats des Zaren und das schrittweise Überborden von Arbeitern, Soldaten und Intellektuellen. Besonders eindrücklich-tragisch erscheint die Person des Innenministers Alexander Protopopov (1866-1918). Der Autor führt diesen folgendermassen ein (14-15):
… Alexander Protopopow, der Innenminister, ein schlanker Mann mit feinen Gesichtszügen und einem an den Enden gezwirbelten Schnurrbart… Seit September 1916 ist er, ein Abgeordneter, der sich der rechtsliberalen Fraktion der Oktobristen im Parlament verbunden fühlt, im Amt. Die liberalen Abgeordneten ver- stehen die Ernennung Protopopows, der einmal einer der Ihren war, als Kampfansage des Herrscherhauses. Der Minister gilt ihnen als psy- chisch instabil und eitel, als einer, der nur auf seinen Ruhm bedacht ist. Mit ihm wollen sie nicht kooperieren.5 Und bald schon stellt sich her- aus, wie recht sie mit ihrer Vermutung haben. Der Minister erscheint in der Uniform eines Gendarmerie-Generals in der Duma, trägt Stiefel mit Sporen und heftet sich ein Komthur-Kreuz an den Kragen. Auch sonst verhält sich Protopopow auffällig, umgibt sich mit Spiritisten und Kartenlesern, die ihm die Zukunft vorhersagen. Manche sagen, er leide an den Spätfolgen einer Syphilis, die er sich vor Jahren zugezogen hat. Eine Witzfigur als Hüter des Gesetzes.6 Zar Nikolai II. aber hält an sei- nem Innenminister fest, dessen Höflichkeit und Stilsicherheit auf höfi- schem Parkett ihm gefällt und weil auch Alexandra, seine Ehefrau, ihm dazu rät. Ihr hat er noch nie widersprochen.
So verhält er sich auch gegenüber den Vorsitzenden des Ministerrates, die zwar nur die Rolle von Conferenciers am Kabinettstisch spielen, aber immerhin die Regierung vertreten und direkten Zugang zum Hof haben. Im Januar beruft der Zar den 67-jährigen Fürsten Nikolai Golizyn auf diesen Posten, einen Mann aus altem Adel, der, wie der Dichter und Chronist der Revolution Alexander Blok süffisant be- merkt, nur davon träumt, sich zu «erholen». Als der Zar ihm eröffnet, daß er ihn zum Regierungschef ernennen wolle, gibt Golizyn zu bedenken, daß er von der Verwaltung der Staatsangelegenheiten nichts verstehe. Aber er wagt es nicht, dem Herrscher zu widersprechen, auch wenn ihm der Gedanke zuwider ist, seine Zeit damit zu verbringen, den «Pöbel» zu regieren, wie er das Volk verächtlich nennt. Nikolai hat für die Besetzung dieses Postens auch den ehemaligen Verkehrsminister Sergei Ruchlow in Erwägung gezogen. Nur spreche der Minister nicht Französisch, wie er zu Golizyn sagt. «Deshalb fiel meine Wahl auf Sie.»
Protopopov ist quasi Gegenbild zu Pyotr Stolypin (1862-1911), den Solzhenitsyn als echten Staatsmann mit Format einführt (in August Vierzehn). Kapitel 10 ist ein umfangreicher historischer Exkurs über die Ermordung des russischen Premierministers Pjotr Arkadjewitsch Stolypin im Jahr 1911. Solschenizyn stellt Stolypin als einen fähigen, weitsichtigen Staatsmann dar, dessen Reformen Russland hätten retten können. In detaillierten Szenen rekonstruiert der Autor das Attentat im Kiewer Opernhaus und die Umstände, die dazu führten. Besonders kritisch wird die Rolle des Geheimdienstes Ochrana beleuchtet, der den Attentäter Bogrow kannte, aber nicht einschritt. Solschenizyn deutet an, dass reaktionäre Kreise am Hof und in der Bürokratie Stolypins Ermordung begrüßten, da seine Agrarreformen die traditionellen Machtstrukturen bedrohten. Durch diesen historischen Exkurs unterstreicht der Autor seine These, dass der Untergang des Zarenreiches nicht unvermeidlich war, sondern das Ergebnis spezifischer Fehlentscheidungen und verpasster Chancen. Stolypins Vision eines evolutionären, statt revolutionären Wandels wird als verlorene Alternative zur späteren bolschewistischen Revolution dargestellt.