Als Auftakt meiner Aidlinger Vorlesungen zu den Evangelien wählte ich 10 der Dutzenden von Fragen aus, die Jesus während seiner Zeit auf dieser Erde stellt (“Jesus fragt uns an, wie wir zu Ihm stehen”).
Drei Zugänge zur Jesus-Forschung
A. Historisch-kritischer Ansatz
- Versucht herauszufinden, welche Worte wirklich von Jesus stammen
- Führt oft zu minimalen Ergebnissen (manchmal nur drei Sätze)
- “Entblättert” die Evangelien stückweise
B. Literarischer Ansatz
- Betrachtet das Ganze als Literaturgattung
- Fokus auf Ästhetik
- Wahrheit wird als soziale Konstruktion gesehen
C. Ganzheitlicher Ansatz (bevorzugt)
- Historisches Geschehen
- Literarisch hochstehend (z. B. hebräische Poesie im NT)
- Jedoch: Getragen von Theologie (Rede über Gott)
- Lebensspendend und Ansprache an uns
1. Die zentrale Frage der Identität (Matthäus 16,15)
“Ihr aber, für wen haltet ihr mich?” / “Wen sagt ihr, dass ich sei?”
Argumentation:
- Diese Frage steht über der ganzen Woche
- Sie ist entscheidend und nicht logisch selbstverständlich
- Verschiedene Menschen geben verschiedene Antworten (Muslime, Arbeitskollegen)
- An Jesus kommt niemand vorbei
- Es ist eine Frage auf Leben und Tod, nicht des Wohlfühlens
2. Die Frage nach dem Gericht (Matthäus 23,33)
“Wie wollt ihr dem Gericht der Hölle entgehen?”
Kontext und Bedeutung:
- Gerichtet an die Pharisäer (die volksnahen Frommen der damaligen Zeit)
- Jesus sprach am meisten von der Hölle
- Alle, die nicht beim Sohn Gottes Zuflucht genommen haben, stehen unter Gottes Zorn
3. Die Frage nach der Schrift (Matthäus 19,4)
“Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer Mann und Frau am Anfang erschuf?”
Kontext:
- Frage zur Scheidung von den Pharisäern gestellt
- Jesus antwortet mit einer Gegenfrage
Theologische Bedeutung:
- Jesus selbst bezieht sich auf das Alte Testament
- Er stellt den Schöpfungsbericht als gültige Schöpfungsnorm auf
- Der Sohn Gottes stellte sich unter die Texte
- Kritik am “nachaufklärerischen Hochmut”, sich über die Texte zu erheben
5. Die Frage nach der Überlieferung (Matthäus 15,3)
“Warum übertretet ihr das Gebot Gottes um eurer Überlieferung willen?”
Prinzip:
- Wer eigene Gesetze aufrichtet anstelle von Gottes Gesetz, übertritt es
- Menschen können nicht ohne Gesetz leben und richten ständig neue auf
Zeitdiagnose:
- Europa hat eine nachchristliche neue Gesetzlichkeit entwickelt
- Beispiele: Klimakleber, veganes Essen, Sprachspiele
- Selbst Anarchisten sind gesetzlich in ihren neuen Regeln
- Verweis auf Literaturkritiker Jesserton
6. Die Frage nach dem Herzen (Matthäus 9,4)
“Warum denkt ihr Böses in euren Herzen?”
Erkenntnisse:
- Jesus konnte als Sohn Gottes die Gedanken sehen
- Das Innerste ist die Quelle des Übels
- Die Bibel nennt das Sünde
- Aus dem Inneren kommen die bösen Gedanken hervor
7. Die Frage nach der Heuchelei (Matthäus 22,18)
“Ihr Heuchler, was versucht ihr mich?”
Kontext:
- Frage der Pharisäer und Herodianer zur Kaisersteuer (Vers 17)
- Versuch, Jesus in ein falsches Dilemma zu bringen
Selbstreflexion:
- Der Prediger wendet dies auf sich an: Auch er versucht sich mit falschen Dilemmata herauszureden
8. Die Frage nach dem Verstehen (Matthäus 13,51)
“Habt ihr das alles verstanden?”
Kontext:
- Nach den sieben Himmelreichsgleichnissen
- Die Jünger antworten: “Ja, Herr”
Realität des Unverständnisses:
- Die Evangelien zeigen das Jünger-Unverständnis (besonders Johannes)
- Selbstreflexion: Vieles wird nicht verstanden
- Ehrlichkeit über eigenes Nichtverstehen
9. Die Frage nach der Treue (Matthäus 26,40)
“Könnt ihr nicht mal eine Stunde mit mir wachen?”
Kontext:
- Im Garten von Gethsemane, Jesus’ schwierigste Stunde
- Die Jünger versagen in entscheidenden Momenten
Selbstreflexion:
- Gefühl der Schwäche in entscheidenden Momenten
- Vergleich mit Petrus: Wissen um Jesus’ Identität, aber Versagen
10. Die alles entscheidende Frage (Matthäus 27,46)
“Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?”
Kontext:
- Jesus am Kreuz um drei Uhr nachmittags (neunte Stunde)
- Der vom Vater gesandte Sohn schreit in höchster Not
Theologische Bedeutung:
- Diese Frage löst alle anderen Fragen
- Jesus wurde verlassen wegen uns/mir
- Wegen des bösen Denkens, der Heuchelei, des Aufrichtens eigener Regeln
- Stellvertretende Gottverlassenheit und Trennung erduldet