Vortrag: Geistlicher Aufbruch an der Türschwelle der Trittligasse – Reformator Bullinger

Bereits 2019 habe ich in Aidlingen in 70 Minuten Person und Werk von Heinrich Bullinger (1504 – 1575) vorgestellt. Im Rahmen der diesjährigen Sommerlektüre durfte ich in drei Teilen (Teil I: Umfeld & Biografie, Teil II: Werk & Lernfelder, Teil III Geistlicher Aufbruch) in die überaus spannenden Gefilde des Pastoraltheologen und Universalgelehrten einführen.

Hier sind einige Eckdaten zu Zürich im Jahrhundert:

  • Zürich hatte etwa 6 000 Einwohner, davon ca. 900 männliche Stimmbürger; der politische „Clan“ umfasste gut 200Männer und bestand aus Kleinem Rat (48), 144 Zunftvertretern und 18 „Kunsttafelherren“ (Handwerker/Zünfter/Kaufleute).
  • Zum Zürcher Herrschaftsgebiet gehörten ca. 60 000 Untertanen auf etwa 1 700 km²; das Verhältnis Stadt–Untertanen prägte die Politik.
  • Der Drucker Froschauer publizierte etwa 900 Bücher, darunter 100 Bibelausgaben.
  • Zürich war seit dem 14. Jahrhundert Freie Reichsstadt und erlebte wirtschaftlichen Aufwind (Zünfte, Handwerk, Handel).
  • Das Kulturleben umfasste Theater, Musik, Literatur und Kunsthandwerk (u. a. Stickerei) und stand in Austausch mit europäischen Regionen (deutsche Fürstentümer wie die Pfalz, England, Polen, Ungarn, Siebenbürgen).
  • Zahlreiche Glaubensflüchtlinge (u. a. aus England) kamen in Wellen nach Zürich und wurden später oft zu wichtigen Pastoren, Theologen und Politikern.
  • Das zweistufige Zürcher Schulsystem (Vorbereitungsschule zur Heranbildung theologischen/politischen Nachwuchses) wurde 1525 gegründet; Bullinger baute es später systematisch aus.

Diese theologischen Grundlagen prägten Bullinger und trugen zum geistlichen Aufbruch bei:

1. Evangelium (Dekade 4, Predigt 1)

  • Evangelium = himmlische Verkündigung von Gottes Gnade an eine Welt unter Gottes Zorn.
  • Gott hat Gefallen an seinem eingeborenen Sohn Jesus Christus.
  • In Jesus schenkt Gott alles, was zum seligen Leben und ewigen Heil nötig ist.

2. Buße (Dekade 4, Predigt 2)

  • Aufrichtige Hinwendung zu Gott in Gottesfurcht.
  • Demütigung, Sündenbekenntnis.
  • Abtötung des alten Menschen durch den Heiligen Geist → Erneuerung des Lebens.

3. „Alter Glaube“ (Schrift um 1537/39)

  • Unveränderte Heilsbotschaft seit Adam und Eva, über Patriarchen, Mose, David, Propheten, bis in die Gegenwart.
  • Schriftbeweis: Genesis 15,6 („Abraham glaubte Gott, und es wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet“).
  • Glaube ohne verdienstliche Werke, aber mit nachfolgenden guten Werken.

4. Schriftverständnis (1571: Über die Autorität der Heiligen Schrift)

  • Die Schrift bestätigt sich selbst durch den Heiligen Geist.
  • Sie genügt für alle Glaubensfragen und ist klar verständlich.
  • Kirchengeschichte und Kirchenväter können helfen, die Schrift zu verstehen.
  • Pfarrer und Kirchendiener dürfen nur verkündigen, was in der Schrift steht; alles andere ist an ihr zu prüfen.