Rod Dreher entfaltet in seinem neuen Buch “Living in Wonder: Finding Mystery and Meaning in a Secular Age” eine Art von Neo-Mystizismus. Ich kann ihm über grössere Strecken nicht folgen. Dennoch sehe ich in seiner Analyse einige Erkenntnisse, über die es sich nachzudenken lohn. Ich beziehe mich im Folgenden auf seine Ausführungen in den Kapiteln 1 und 2.
Armseliger Reduktionismus: “Die Welt ist nicht, was wir denken.” Dreher argumentiert, dass die moderne westliche Weltanschauung eine verzerrte Wahrnehmung der Realität darstellt. Die Welt sei weitaus mysterienvoller, dunkler und schöner, als der Materialismus annimmt. (teilweise Zustimmung – unsichtbare Welt geht vergessen)
Fromme Variant des Reduktionismus: Viele moderne Christen hätten den Sinn für das Übernatürliche verloren und reduzierten ihren Glauben auf Moral, Gemeinschaftsbindung oder Therapie. Die lebendige Erfahrung der Verzauberung sei aus dem Zentrum des christlichen Lebens verschwunden. (Zustimmung – Ich-Verfallenheit, “was es unmittelbar zu meinem Wohlfühlen beiträgt”)
WEIRD-Phänomen vs. vormoderne sakramentale Weltsicht: Westliche Menschen (WEIRD: Western, Educated, Industrialized, Rich, Democratic) seien psychologisch Außenseiter in der menschlichen Erfahrung darstellen. Ihre Wahrnehmung unterscheide sich fundamental von der historischen und globalen Norm. In der Antike und im Mittelalter betrachteten Menschen die materielle Welt als durchdrungen von spiritueller Kraft. Mircea Eliade wird zitiert: Für religiöse Menschen war die Begegnung mit dem “lebendigen Gott” eine “schreckliche Macht”, nicht nur eine abstrakte Idee. (teilweise Zustimmung – der vormoderne Mystizismus ist z. T. umbiblisch)
Technologie als neuer Gnostizismus: Das Internet funktioniert als “Entzauberungsmaschine”, die durch ständige Stimulation die Konzentrationsfähigkeit zerstört und die Gedächtnisbildung beeinträchtigt. Moderne Technologie eine gnostische Trennung zwischen Geist und Körper fördert. Gender-Ideologie und Transhumanismus seien Ausdruck dieser Entwicklung. (Zustimmung)
Homogenisierung der Kulturen: Die moderne Welt wird als “Maschine” charakterisiert, die Grenzen zerstört, Kulturen homogenisiert und die Natur unterwirft. Ihr Ziel sei die vollständige Kontrolle und Manipulation der Welt. (Teilweise Zustimmung – vollständige Kontrolle ist nicht möglich)