Buchhinweis: Feuerbach als Zwischenstück zwischen Hegel und Marx

Klaus Bockmühl entwickelt in seinem Werk “Leiblichkeit und Gesellschaft: Studien zur Religionskritik und Anthropologie im Frühwerk von Ludwig Feuerbach und Karl Marx” wertvolle ideengeschichtliche Hinweise.

1) Wirkung der Hegelkritik und Übergang

  • Feuerbachs Hegelkritik hebt die Reality-Check-Forderung in Deutschland aus der Taufe: Natur, Praxis und konkrete Realität sollen gegenüber Systemphantasien den Vorrang erhalten.
  • Zeitgenossen wie Engels erleben das „Wesen des Christentums“ als Befreiung: Der Materialismus werde „wieder auf den Thron“ gehoben, obwohl Feuerbach selbst lieber von Anthropologie spricht.

2) Anthropologie statt Metaphysik

  • „Zurück zum Menschen!“ wird zur Programmansage: Nicht Gott oder der absolute Geist, sondern der Menschsteht als höchstes „Wesen“ im Mittelpunkt, und die Philosophie soll Lebenspraxis statt Schulabstraktion bedienen.
  • Anthropologie bedeutet bei Feuerbach zweierlei: Sinnlichkeit (Leiblichkeit) und Sozialität (Mitmenschlichkeit) sind die Grundbestimmungen des Menschen.

3) Von der Gattung zur Gemeinschaft

  • Auf Strauß aufbauend verschiebt Feuerbach die christologischen Prädikate auf die Gattung Mensch: Was als göttliche Vollkommenheit an einem Individuum unstatthaft ist, realisiert sich in der Mannigfaltigkeit der Menschheit.
  • Feuerbach radikalisiert dies, indem er die Gattung nicht nur als Mittler, sondern als eigentliches Höchstes begreift; „Gott“ wird zur Projizierung der Gattungsessenz.
  • Zugleich konkretisiert er die Gattungslehre räumlich: Er akzentuiert weniger die Historie als die gegenwärtige Gemeinschaft und verdichtet „Gattung“ praktisch auf „Ich und Du“.
  • Entscheidend lautet die Formel: Gemeinsames Leben ist menschliches Leben, sodass Liebe und Freundschaftals subjektive Realisationen der Gattung zu Heilsorten der Menschlichkeit werden.

4) Grenzen der Sozialphilosophie

  • Trotz der emphatischen Betonung von Gemeinschaft entwickelt Feuerbach keine Staatsphilosophie und keine Theorie institutionalisierter Formen (Familie, Recht, Staat).
  • Seine Sozialität bleibt subjektiv fundiert (Zuneigung, Sympathie), was Dauer, Normativität und Objektivierung sozialer Ordnung unterbelichtet lässt.
  • Zeitgenössische Kritiker und später Marx bemängeln daher „zu viel Natur, zu wenig Politik“ und einen mageren normativen Apparat für das gesellschaftliche Ganze.