Ich habe mich kürzlich mit den Biografien Bonhoeffer von Charles Marsh (“Der verklärte Fremde”) im Vergleich zu Eric Metaxas (“Bonhoeffer: Pastor, Agent, Märtyrer und Prophet”) auseinandergesetzt. Metaxas wird stark kritisiert. Trotzdem habe ich beide Auseinandersetzungen geschätzt – und bin immer wieder zum Originalwerk Bonhoeffers gegangen.
Theologische Vereinfachung und Verzerrung
Christiane Tietz, Vorsitzende der Internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft, kritisiert, dass “jedes liberale Element aus Bonhoeffer ausgeschieden werden” soll und das Buch “der theologischen Vielfalt Bonhoeffers nicht gerecht” werde. Bonhoeffers Dissertation und Habilitation sowie seine theologischen Hauptwerke nehmen in dem 700-seitigen Buch “insgesamt keine 15 Seiten ein”. (Quellen: DOMRADIO.DE / Zeitzeichen)
Metaxas reduziere Bonhoeffers komplexes Konzept des “religionslosen Christentums” auf eine einfache Bibelgläubigkeit und stutz “Bonhoeffers am Reden Gottes orientiertes Schriftverständnis auf ein literalistisches Verständnis der Bibel zurecht”.
Evangelikale Vereinnahmung
Victoria Barnett vom US Holocaust Memorial Museum bezeichnet das Buch als “polemisch” und kritisiert, dass es Bonhoeffer als “evangelikalen Christen” darstellt, “dessen Kampf nicht nur gegen die Nazis, sondern gegen alle liberalen Christen” gerichtet gewesen sei. Dies führe zu einer “schrecklichen Übervereinfachung” von Bonhoeffers Theologie. (Quelle: Review of Eric Metaxas, Bonhoeffer: Pastor, Martyr, Prophet, Spy: A Righteous Gentile vs. the Third Reich | Contemporary Church History Quarterly)
Ein Kritiker bemängelt, dass Metaxas “heutige amerikanische evangelikale Begriffe verwendet, um Bonhoeffers Leben und Handeln zu beschreiben” und ihm einen “patriotischen evangelikalen” Charakter zuschreibt, der historisch unzutreffend sei. (Quelle: Bonhoeffer by Metaxas: A Review (2011) – The Reformed Reader Blog)
Historische Ungenauigkeiten
Hellmut Schlingensiepen – Sohn des Bonhoeffer-Biografen Ferdinand Schlingensiepen – kritisiert, dass Metaxas “kein Organ” für die deutsche Geschichte der 1920er und 1930er Jahre habe, da er kein Deutsch spreche. Er macht Bonhoeffers Ablehnung einer Beerdigung zu einer “zentralen Frage”, obwohl es sich nur um eine kirchenrechtliche Angelegenheit handelte. (Quelle: Dietrich Bonhoeffer)
Die Darstellung des Kirchenkampfes wird als “schrecklich vereinfacht” kritisiert, wobei wichtige Akteure wie die lutherischen Bischöfe völlig übersehen werden. (Quelle: Review of Eric Metaxas, Bonhoeffer: Pastor, Martyr, Prophet, Spy: A Righteous Gentile vs. the Third Reich | Contemporary Church History Quarterly)
Methodische Schwächen
Experten bemängeln Metaxas’ “sehr schwaches Verständnis der politischen, theologischen und ökumenischen Geschichte der Zeit” und dass er historische Beispiele “oft völlig aus dem Kontext und ohne Verständnis ihrer Bedeutung” zusammenfügt. (Quelle: Review of Eric Metaxas, Bonhoeffer: Pastor, Martyr, Prophet, Spy: A Righteous Gentile vs. the Third Reich | Contemporary Church History Quarterly)
Die Biografie wird als “vom Sprachduktus und von inhaltlichen Interessen her eher ein Roman” charakterisiert, was der wissenschaftlichen Genauigkeit schadet. (Quelle: Metaxas: Bonhoeffer | zeitzeichen.net)
Aktuelle Kontroverse
2024 warnten Bonhoeffers Nachfahren in einem offenen Brief davor, dass sein Erbe von “christlichen Rechten” und “antidemokratischen, fremdenfeindlichen Bestrebungen” vereinnahmt werde, und kritisierten explizit Metaxas’ “verklärte” Darstellung Bonhoeffers als “evangelikalen Theologen”. (Quelle: D/USA: Bonhoeffer-Vermächtnis verteidigen – Vatican News)