Christopher Ash stellt mit seinem Kommentar “The Psalms: A Christ-centered Commentary, Christ and the Psalms” eine wunderbare Ressource zum Eintauchen in das Liedbuch der Bibel bereit. Am Anfang präsentiert er acht Regungen.
1) Psalmen und die Fülle des Heiligen Geistes (Eph 5,18–21; Kol 3,16–17)
- Die fünf Partizipien in Eph 5,19–21 („redend“, „singend“, „Psalmen singend“, „dankend“, „einander untergeordnet“) sind nicht nur Folgen, sondern Mittel („means participles“) der Geistfüllung.
- Kol 3,16 zeigt parallel, dass das Singen der Psalmen das Mittel ist, durch das das Wort Christi reichlich wohnt; daher vermittelt der Gesang Gnade und vertieft die Fülle des Geistes.
- Die praktische Folgerung lautet, dass regelmäßiges, verständiges und herzliches Psalmensingen zu einer reichen Fülle in der Gemeinde beiträgt (Eph 1,23; 3,19; 4,13; Kol 1,19; 2,9–10).
2) Psalmen bauen die Gemeinschaft auf
Das Singen ist wechselseitig („zueinander“), es geschieht im Rahmen von Unterordnung und gegenseitiger Ermahnung und gehört ins gemeindliche Leben (Eph 5,19.21; Kol 3,16).
3) Psalmen vertiefen das Leben in Christus
- Die Adressaten sind solche, die mit Christus gestorben und auferweckt sind und in denen der Friede Christi regiert (Kol 3,1–4.11.15–17; Eph 5,14.17.20–21).
- Die Psalmen dienen als Mittel, „alles im Namen des Herrn Jesus“ zu tun und das Evangelium existenziell zu verankern (Kol 3,17).
4) Psalmen fördern eine gottesfürchtige Lebensführung
Psalmengesang steht im Kontext der Ermahnung der Berufung würdig zu leben und der Haustafeln (Eph 5–6; Kol 3–4); er schult Herz, Worte und Verhalten in Weisheit (Eph 5,15–17).
5) Psalmen lehren beten und loben
- Beten braucht Belehrung, damit wir nach Gottes Willen bitten (1 Joh 5,14) und echt „in Jesu Namen“ beten (Joh 14,14; 16,23.26); die Psalmen sind Gottes gegebene Worte für unser Gebet.
- Historisch waren die Psalmen das meistkommentierte und am häufigsten rezitierte Buch; im Benediktineroffizium wurden alle 150 Psalmen wöchentlich gebetet.
- Luther und Calvin betonen, dass der Heilige Geist in den Psalmen selbst der Dichter ist und Gott „uns die Worte in den Mund legt“.
6) Psalmen fassen die Botschaft der ganzen Schrift zusammen
- Kirchenväter und Reformatoren nennen den Psalter einen „Garten“ aller biblischen Lehren (Athanasius), die „Frucht“ von Gesetz, Geschichte, Prophetie und Ethik (Ambrosius) und eine „kleine Bibel“ (Luther).
- Daher erscheinen oft NT + Psalmen in Taschenbibeln, weil die Psalmen in neutestamentlichem Licht die Heilsbotschaft kondensieren.
7) Psalmen korrigieren individualistische Frömmigkeit
Der Psalter verankert uns in der „Gemeinschaft der Heiligen“ über Zeiten und Kulturen hinweg und bewahrt vor privatistischen Umgangsformen mit Gott.
8) Psalmen formen das ganze menschliche Leben – Affekte, Wünsche, Abneigungen
- Die Psalmen spiegeln und ordnen das ganze Spektrum menschlicher Emotionen, sodass wir lernen, „das zu lieben, was Gott gebietet“, und „das zu begehren, was er verheißen hat“ (Collect der anglikanischen Liturgie).
- Die Neuordnung der Affekte geschieht durch den Geist mittels des Wortes im Gebet; so werden destruktive Emotionen in lebensspendende Sehnsüchte verwandelt (vgl. Phil 2,13).
- Calvin nennt den Psalter eine „Anatomie“ der Seele; Athanasius spricht von „Therapie und Korrektur“ der inneren Dispositionen durch die Psalmen.
- Gegenreizung zu emotionsloser Reaktion auf charismatischen Missbrauch: Die Psalmen verbinden Theologie und Gefühl und lehren starke, geordnete Affekte.
Christologische Mitte des Psalters
- Die Psalmen zeigen die Lebensform des Glaubens, die Jesus fehlerlos gelebt hat, und ziehen uns in seine Nachfolge hinein.
- Athanasius betont, Christus habe vor seinem Erscheinen diese Lebensform in den Psalmen „erklingen lassen“, damit wir in ihnen Modell und Heilmittel finden.
- Calvin und der Genfer Gottesdienst heben hervor, dass die Psalmen die Herzen zum Kreuztragen schulen und „kalte Herzen“ zur Anbetung entflammen (vgl. Mt 26,30; Mk 14,26 als wahrscheinlicher Psalmen-Gesang Jesu).