Buchhinweis: Wie neue Technologien unsere Plausibilitätsstrukturen verändern

Brett McCrackens “Scrolling Ourselves to Death” hat mir zu denken gegeben. Meine wichtigste Erkenntnis kam durch die Erklärung, dass Technologien unsere Plausibilitätsstrukturen verschieben. Was ist damit gemeint?

Definition Plausibilitätsstrukturen

  • Plausibilitätsstrukturen sind kognitive und soziale Filter, die vorab definieren, was als möglich, vernünftig und erwägenswert gilt.
  • Sie wirken individuell und kulturell, entstehen aus einem Geflecht von sozialen, psychologischen, kulturellen und historischen Faktoren und bilden Weltbilder aus, indem sie Alternativen automatisch aussortieren.
  • Diese Strukturen betreffen theologische Inhalte ebenso wie religiöse Erfahrungen und entscheiden darüber, ob Lehren als glaubwürdig oder als abwegig erscheinen.

Historische Fallstudie 1: Die Uhr und das Gottesbild

  • Die mechanische Uhr entstand zur Taktung monastischer Gebetszeiten und prägte bald das gesamte gesellschaftliche Zeitbewusstsein.
  • Sie löste Zeitwahrnehmung aus den natürlichen, von Gott gegebenen Rhythmen und formte Zeit als quantifizierbares, beherrschbares Gut.
  • Diese Verschiebung stärkte ein menschzentriertes Management von Zeit und schwächte das Empfinden göttlicher Vorsehung im Alltäglichen.
  • Das Bild vom „Uhrwerk-Universum“ popularisierte Gott als distanzierten Uhrmacher und förderte deistische Deutungen, die Wunder und göttliche Intervention relativierten.
  • Postman zugespitzt: Das Ticken der Uhr trug möglicherweise stärker zur Schwächung der Gotteshoheit bei als manche aufklärerische Philosophietraktate.

Historische Fallstudie 2: Fernsehen als säkulare „Predigtmaschine“

  • Fernsehen besitzt eine mediale Schlagseite hin zu Emotion, Unmittelbarkeit und Visualität, wodurch komplexe, abstrakte Glaubensinhalte benachteiligt werden.
  • „Säkulares Predigen“ geschieht, wo Botschaften gemeinsame Werte normieren; TV erzeugt „common knowledge“, das nicht nur jeder weiß, sondern von dem jeder weiß, dass es alle wissen.
  • Super-Bowl-Werbung fungiert als kostspielige „Predigt“, die kulturelle Signale massenhaft gleichzeitig setzt und dadurch Verhalten sozial erwartbar macht.
  • Serien und Formate, die Glauben verspotten oder als rückständig inszenieren, verschieben Plausibilitätsstrukturen, indem Skepsis zum kulturellen Standard wird.
  • Auch „christliche TV-Kommunikation“ wird durch das Unterhaltungsformat geprägt, sodass Popularität und „Relatability“ Substanz und Lehre ersetzen und „Konsumenten-Christentum“ fördern.

Historische Fallstudie 3: Internet & Smartphone – Entkörperlichung und De-Konstruktion

  • Das Smartphone kondensiert die Macht des Netzes in ein omnipräsentes Gerät und verschiebt religiöse Praxis in allzeit verfügbare, fragmentierte Konsumformen.
  • Digitale Interaktion erzeugt eine „entkörperte“ Selbstwahrnehmung, in der Persönlichkeit vor allem sprachlich-linguistisch ohne Leiblichkeit konstruiert wird.
  • Diese Entkörperlichung macht bestimmte theologische Aussagen – etwa über Geschlecht und leibliche Differenz – weniger plausibel, weil sie dem online gelebten „Selbst“ widersprechen.
  • Wissen und Vertrauen verschieben sich durch Algorithmen und Online-Communities; Echo-Kammern können säkulare oder antireligiöse Deutungen verstärken.
  • „Deconstruction“ gewinnt Fahrt, weil digitale Räume Zweifel validieren, bündeln und alternative Autoritäten bereitstellen, bevor lokale Gemeinden überhaupt adressieren können.

Gegenwartstechnologie mit Zukunftswucht: Künstliche Intelligenz

  • Studien deuten darauf hin, dass AI-getriebene Automatisierung mit religiösem Rückgang korreliert und sogar das Lesen über AI religiöse Überzeugungen schwächen kann.
  • AI wirkt als weiterer plausibilitätsverschiebender Faktor, der Rationalität, Nützlichkeit und technikzentrierte Problemlösung als Leitlogik gegen Transzendenz ausspielt.

Was bedeutet dies für Gemeinden?

  • Gemeinden müssen Technologien weder naiv instrumentalisieren noch pauschal ablehnen, sondern prüfen, wie Formate Wahrnehmung, Affekte und Imagination prägen.
  • Geistliche Formation, Bibelkompetenz, Beziehungsnähe und die Verkörperung des Glaubens benötigen Praktiken, die der Entkörperlichung und Fragmentierung bewusst entgegenarbeiten.
  • Re-Kontextualisierung hat nicht nur lokal, sondern inmitten globaler, AI-kuratierter Mikrokulturen zu geschehen, in denen Autorität und Gemeinschaft digital verhandelt werden.
  • Christus-Herrschaft bedeutet, Technologien intentional unter die Ziele des Reiches Gottes zu stellen, anstatt die Ziele des Reiches an Plattformlogiken anzupassen.