Rezension: Kritik zum Standardwerk Christlicher Nationalismus

Das massige Werk “The Case for Christian Nationalism” von Stephen Wolfe gilt bereits als Grundlagenwerk. Er definiert wie folgt (siehe Einleitung):

  • Christlicher Nationalism ist die Gesamtheit nationalen Handelns, bestehend aus Zivilgesetzen und sozialen Bräuchen, durchgeführt von einer christlichen Nation als christliche Nation, um sich sowohl irdisches als auch himmlisches Gut in Christus zu verschaffen.
  • Die Definition beginnt nicht mit der Extension (welche Menschen erfasst werden), sondern mit der Intension (Bedeutung der Worte).
  • Christian Nationalism ist Nationalismus, modifiziert durch Christentum – eine Spezies des Nationalismus.
  • Das Evangelium hebt den generischen Nationalismus nicht auf, sondern setzt ihn voraus und vervollständigt ihn.

Kevin deYoung hat sich inhaltlich engagiert und gekonnt mit dem Werk auseinandergesetzt. Ich teile seine Kritik.

Hauptkritik I: Nation und Ethnizität

  • Wolfs Nationsbegriff ist inkonsistent: teils ethnisch-organisch, teils kulturell, teils lokal (Liebe zu Volk und Ort), teils klassischer Nationalstaat mit Recht, Magistrat und Schwert.
  • Er definiert Nationalismus als Bewusstsein für die eigene „people-group“, Für-sich-Sein und Abgrenzung zu anderen Gruppen (S. 135).
  • DeYoung beanstandet die „Ähnlichkeits-Prinzip“-Verteidigung:
    • Spekulative Naturhypothese (Nationenbildung auch ohne Sündenfall).
    • Unkritische Übernahme gefallener Neigungen; die Sehnsucht nach „Ähnlichkeit“ ist von Sünde korrumpiert und nicht normativ.
    • Biblische Relativierung natürlicher Bande (Mk 3,31–35), Abbau trennender Mauern (Eph 2,11–22) und himmlisch gut geheißene Multinationalität (Offb 5,9–10) werden unzureichend berücksichtigt.
  • Inkohärenz: Gegen universalisierende Tendenzen des Westens zu polemisieren und gleichzeitig mit Naturtheologie/Naturrecht (per definitionem universal) zu argumentieren.
  • Problematische Sätze werden angeführt: jedes Volk „hat das Recht, für sich zu sein“ (S. 118), „keine Nation [richtig gedacht] besteht aus zwei oder mehr Ethnizitäten“ (S. 135), Alltag unter „Ähnlichen“ sei „natürlich“ und „gut“ (S. 142), „Ausgrenzen“ sei Anerkennung eines universalen Guts (S. 145), „geistliche Einheit“ genüge nicht für kirchliche Einheit (S. 200), kulturelle Ähnlichkeit sei „geeignetste Bedingung“ für das vollständige Gut (S. 201).
  • Praktische Implikationen bleiben offen: Wenn die „creedal nation“ verworfen wird, wie sollen multiethnische Gesellschaften/Kirchen real zusammenleben?
  • Fazit: Wolfs Verteidigung eines „exklusiveren, ethnisch fokussierten“ Weges (S. 459) ist theologisch und gesellschaftlich ein Rückschritt und nähert sich historisch belasteten Konzepten (Mischehenverbote, „separate but equal“).

Hauptkritik II: Wesen der Kirche

  • Wolfe unterscheidet Zivil- und Kirchenbereich (eine Art Zwei-Reiche-Lehre), lehnt Theokratie/Theonomie ab und fordert doch, dass die Obrigkeit die Menschen zur christlichen Religion anleitet (S. 186, 195).
  • Kernthese Wolfs: Die christliche Nation sei „vollständiges Abbild“ des himmlischen Lebens auf Erden; die Kirche biete nur das „prinzipielle“ Bild (Gottesdienst), die Nation das „komplette“ (S. 222–223, 209).
  • Der Rezensent widerspricht sich selbst: In der Heilsökonomie ist die Kirche die irdische „Botschaft/ Kolonie“ der himmlischen Stadt (Hebr 12,22–23; Offb 21–22; Mt 16,18). Das „Analogon des Himmels“ liegt primär bei der Kirche, nicht bei der Nation.
  • Wolfs Nationen-Zentrierung entwertet die Kirche praktisch: Er ruft zum Gebet um einen „christlichen Fürsten“ auf, der falsche Lehrer unterdrückt, Männlichkeit und Herrschaftsgeist wiederherstellt und das Volk erhebt (S. 279, 322).
  • Gefahren: Vorrang des Magistrats bei Lehrfragen (S. 313), Pastoren als „mehr wie Feldkapläne“ (S. 470), Laien-Zivilinitiativen „ohne pastorale Leitung“ (S. 471).
  • Fazit: Jede Vision, die die Nation gegenüber der Kirche erhöht, ist ein zu hoher Preis.

Hauptkritik III: Protestantische politische Tradition

  • Punkt 1 (Anerkennung): Viele reformierte Orthodoxe (16./17. Jh.) bejahten die Magistratsmacht bzgl. Synoden, Durchsetzung beider Gesetzestafeln, „establishment principle“, Ketzerbestrafung und Zwang zu äußerer Einheit. Gewissensfreiheit wurde innerlich betont, äußerlich blieb Zwang möglich.
  • Punkt 2 (Vielstimmigkeit): Es gibt nicht „die“ protestantische Position für alle Zeiten. Bereits Ende 17. Jh. wandten sich protestantische Denker (z. B. Pufendorf, Of the Nature and Qualification of Religion, 1687; Locke, Letter Concerning Toleration, 1689) stärker Toleranz, Gewaltenteilung und Eingrenzung religiöser Staatsmacht zu—nicht aus Atheismus, sondern aus protestantischen Gründen (u. a. Reaktion auf Widerruf des Edikts von Nantes).
  • Punkt 3 (Gründungsära):
    • Wolfe zeiht das Zutrauen der Gründer in Religion/Christentum als Stütze von Tugend, Glück und Regierung heran; dies ist korrekt, trägt aber sein weitergehendes Programm (theokratische Caesarism, Staatskirche, Magistratsaufsicht über Bekenntnis/Worship; S. 356–357) nicht.
    • Die amerikanische Gründungslogik priorisiert begrenzte Regierung, Rechte, Checks and Balances—gegen Demagogie (Wolfs Ruf nach charismatischem „world-shaker“, S. 31+279, kollidiert damit).
    • Witherspoon vs. Mather: Unterschiedliche Haltung zu Moralphilosophie und Kirche-Staat-Beziehung; Witherspoon (beeinflusst von Pufendorf/Hutcheson) unterstützte Religionsfreiheit und anti-Establishment-Bestimmungen (z. B. NJ-Verfassung 1776, Art. XVIII, gegen Zwangsabgaben für Kirchen).
    • Madison und Dissenters (Presbyterianer, Baptisten) opponierten pan-protestantische Steuer-Establishments (z. B. in Virginia) mit breiter Unterstützung.
    • Amerikanischer Presbyterianismus modifizierte Westminster (1789) und distanzierte sich von starker Magistratsmacht über kirchliche Angelegenheiten; bereits 1729 wurden entsprechende Kapitel nicht strikt bindend rezipiert.

Biblisch-theologische Gegenakzente und Alternativstrategie

  • Biblische Grundorientierung: Vorrang der Kirche als „Himmlisches Zion“ (Hebr 12,22–23), Christus baut die Kirche (Mt 16,18), himmlische Multinationalität (Offb 5,9–10), Relativierung biologischer Bande (Mk 3,31–35).
  • Vorrangige Feinde sind Sünde, Fleisch, Teufel, nicht primär nationale Zivilisationskrise (Mt 10,28).
  • Pastoral-praktische Linie: Die Debatte birgt hohes Spaltungspotential bei geringer praktischer Auszahlung; keine realistische Aussicht auf Etablierung eines protestantischen Staatskirchenmodells.
  • Die positive (Gegen-)Abenda:
    • Mut, Zuversicht, Christusähnlichkeit; treue Gemeinden, Evangeliumsverkündigung, Gebet; Jüngerschaft und Katechese in den Familien und Gemeinden.
    • Aufbau/stewardship von Institutionen (zivil, Bildung, kirchlich); Liebe zum Nächsten, öffentliches Argumentieren mit natürlicher und geoffenbarter Wahrheit; politische Beteiligung mit Tugenden der Klugheit, Gerechtigkeit, Weisheit, Mäßigung.
    • Ehen und Kinder fördern, Salz und Licht sein; Brücken bauen und Grenzen ziehen; Wahrheit sagen und Gnade bieten.
  • Es ist legitim, eine „christlichere“ Nation zu begehren—primär durch Wiedergeburt und auch durch segensreiche Effekte kultureller Christlichkeit—ohne dies mit Wolfs „Christian Nationalism“ gleichzusetzen.
  • Prüffragen am 1Kor 13-Maßstab: Fördert die wolfesche Vision Glaube, Hoffnung, Liebe? Hilft sie, Leiden christusförmig zu tragen (1Petr 4,13), nüchtern zu beten (1Petr 4,7) und nicht mit Schmähung zu vergelten (1Petr 2,23)?
  • Geistliches Ziel: Streben nach Heiligung (Hebr 12,14) und Gebet um echte Erneuerung: Lehre, Leben, Licht des Evangeliums (2Kor 4,6), statt politischer Heilsfantasien.

Ich empfehle zudem Neil Shenvis vierteilige Rezension.