John Stott (1921-2011; zum Einstieg siehe diese Rezension sowie dieser Artikel) verstand sich als Brückenbauer zwischen Bibel und Gegenwart, ohne die Autorität der Schrift zu relativieren. Sein Amtsverständnis war dementsprechend das eines Pastor-Theologen: betend, studierend, texttreu, gemeindenah. Er rechnete nüchtern mit der Kraft des Wortes Gottes und zielte auf Verstand, Gewissen und Lebensführung. Sein Vorbild ist ein grosser Ansporn für mich.
Hier sind einige Hinweise aus den Kapiteln 2-4 aus seinem Buch “Between Two Worlds: The Art of Preaching in the Twentieth Century: The Challenge of Preaching Today”:
Theologische Grundlagen der Predigt
Theozentrische Grundhaltung: Predige mit der Überzeugung, dass Gott Licht ist (1Joh 1,5), gehandelt hat und gesprochen hat. Ohne diese Gewissheit gibt es keine Botschaft.
Gegenwartsansprache Gottes: Gott spricht weiter durch das, was er gesprochen hat. Predige im Präsens und erwarte Begegnung.
Priorität Textauslegung: Der Text ist Meister, der Prediger Diener. Inhalt, Ton und Ziel folgen der beabsichtigten, grammatisch-historischen Bedeutung des Textes.
Doppelte Autorschaft: „Gottes Wort geschrieben“ heißt göttliche Inspiration durch menschliche Autoren. Lies und predige literarisch sensibel. Beachte Gattung, Ton, Gefühl und Absicht des Textes.
Kirche durch das Wort nähren: Niedergang folgt Predigtverfall. Priorisiere „Gebet und Dienst am Wort“ (Apg 6,4). Ordne Programme dem Lehren unter.
Predigt als Brückenbau
Christus predigen: Beantworte Sinn, Schuld, Leid in Christus. Zeige Erfüllung menschlicher Sehnsucht in ihm.
Übersetzungsleistung: Verbinde unveränderliches Wort mit einer veränderlichen Welt. Übersetze nicht nur Begriffe, sondern Welten.
Ethik aus dem Evangelium: Sprich (auch) über Gemeindeleben, Familie, Gesellschaftsthemen und Sexualethik.
Inkarnatorische Kommunikation: Sei „Mensch des Wortes und Mensch der Welt“. Wähle Bilder, Beispiele und Sprache der Hörenden.
Vorbereitung des Predigers und der Predigt
Lebenslang die Bibel studieren: Lies die ganze Schrift regelmäßig (z. B. jährlich). Sammle Klassiker, Biographien, gute Kommentare. Studiere demütig und erwartungsvoll, dass deine eigene innere Landschaft dabei umgestaltet wird.
Kultur kundig beobachten: Höre deiner Gemeinde zu. Achte auf Nachrichten, Bücher, Filme, Diskurse.
Diszipliniere deine Arbeitsrhythmen: Tägliche Lesestunde, wöchentliche Studieneinheit, monatliche „stille Tage“, jährlicher Rückzug. Sichere Erträge mit Notizen und einem einfachen Ablagesystem.
Hindernisse entlarven und delegieren: Widerstehe der Versuchung, alles zu steuern. Bekämpfe Trägheit. Schaffe Raum für Wort und Gebet.